Nähe und Distanz unter Brüdern
»Früher haben mein Bruder und ich uns gut verstanden. Jetzt komme ich nicht mehr an ihn heran«
Ich mache mir Gedanken um meinen Bruder. Ich glaube, es geht ihm nicht gut - aber er redet mit mir nicht darüber. Er hat große Probleme in seiner Partnerschaft, hat sich von seiner Freundin getrennt, trinkt wohl auch zu viel. Ich weiß das von Freunden, die ihn häufiger sehen.
Wir haben uns als Kinder gut verstanden. Ich war der Ältere und schon damals der »Vernünftigere«. Mein Bruder, vier Jahre jünger, hat oft »über die Stränge geschlagen«, wie man so sagt - aber er durfte auch mehr als ich. Trotz des Altersunterschieds haben wir viel miteinander unternommen, hatten gemeinsame Freunde.
Erst als ich geheiratet habe und viel Zeit in den Beruf stecken musste, ist unser Kontakt weniger geworden und hat sich beschränkt auf Geburtstagsgrüße und Weihnachtskarten. Neulich haben wir uns wiedergesehen, auf der Beerdigung eines früheren Freundes. Ich wollte mit ihm reden - aber er war abweisend, fast verletzend. Ich habe ihm doch nichts getan - und möchte ihm gerne helfen.
Herr B.
Ich hatte beim Lesen des Briefes einen seltsamen Eindruck. Mir war, als sähe ich Sie und Ihren Bruder wie von ferne, wie durch ein umgedrehtes Fernglas sozusagen. Vielleicht ein Bild dafür, was Sie selbst gerade erleben: dass Sie nämlich gerade auch innerlich relativ weit entfernt sind von Ihrem Bruder und bei allem, was Sie über ihn erfahren haben, doch wenig wissen davon, wie es ihm wirklich geht, und offensichtlich im Moment auch keine Möglichkeit haben, diesen Zustand zu ändern.
Das mag erschreckend sein, weil Sie beide sich doch früher gut verstanden haben. Dazu kommt, dass es in manchen Familien die unausgesprochene Erwartung gibt, dass Geschwister sich nah sein müssen, was immer auch passiert. In den letzten Jahren ist statt des Gemeinsamen eher das Trennende in den Vordergrund gerückt. Sie haben sich ein eigenes Leben aufgebaut - und Ihr Bruder offensichtlich auch, nur anders. Die alte Aufgabenverteilung stimmt aus seiner Sicht nicht mehr oder ist schwer erträglich geworden. Neid auf den scheinbar erfolgreicheren Älteren mag eine Rolle spielen, Angst, immer wieder in die Rolle des Kleinen, der Dummheiten macht, zu geraten - aber wohl auch ein Wissen, dass es an der Zeit ist, als Erwachsener einen eigenen Weg zu finden und zu gehen.
Sie sind nicht mehr wie früher ein naher Begleiter. Sie sehen Ihren Bruder aus der Ferne - und er will wohl auch in der Ferne bleiben, jedenfalls zurzeit. Allein ist er dabei trotzdem nicht. Es gibt Freunde, die ihm näher sind als Sie.
Vielleicht gelingt es Ihnen, in diesen Freunden etwas von dem brüderlich-Begleitenden zu entdecken, das Sie lange Zeit für ihn verkörpert haben, und an sie innerlich etwas abzugeben, was Sie selbst zurzeit nicht für Ihren Bruder tun können. Das kann auch eine Entlastung sein. Und zugleich geht es darum, den Kontakt, so wie er im Moment ist, zu halten, um als Brüder auch in dieser Lebensphase weiter miteinander verbunden zu sein. | SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE
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