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Dieser Artikel: Ausgabe 13/2005 vom 27.03.2005
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»Jetzt ist Erntezeit«

Zwischen Solidarität und Anfeindung: Andrea Heußner und ihr Einsatz gegen Rechtsextremismus


»Hinschauen, nicht wegsehen!« Mit einer Jugendinitiative kämpft Diakonin Andrea Heußner gegen die Neonazi-Aufmärsche in Wunsiedel.

Sie macht Mut, Farbe zu bekennen: Andrea Heußner.
Foto: Lammel
   Sie macht Mut, Farbe zu bekennen: Andrea Heußner.

Als sie vom Wunsiedler Friedhof spricht, fällt zuerst der Begriff »zachor«, das hebräische Wort für »erinnere dich!«. Im Frühjahr 1945, auf einem der berüchtigten »Todesmärsche«, starben wenige Kilometer entfernt 30 KZ-Häftlinge - zu Tode erschöpft oder von ihren Bewachern ermordet. Angeregt durch das internatio­nale Jugendtreffen in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg hat sich Andrea Heußner eine Recherche über die Schicksale dieser 30 Toten vorgenommen, die in Wunsiedel begraben sind. Knapp fünf Jahre ist das her.

Für den Grabstein mit der Inschrift »Ich hab's gewagt« interessiert sie sich anfangs nicht sonderlich. Der letzte Neonazi-Aufmarsch am Todestag von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß, der seit 1988 in diesem Familiengrab ruht, liegt zehn Jahre zurück. Im Sommer 2001 marschieren wieder 800 Rechtsradikale: nicht durch »menschenleere Straßen«, die sich der damalige Bürgermeister gewünscht hatte, sondern durch ein regelrechtes »Gaffer-Spalier« von Einheimischen und Urlaubern.

Wenige Monate später sitzt Andrea Heußner in einem kleinen Kreis mit dem neuen Bürgermeister, Stadträten und Kirchenvertretern. Sie wollen sich nicht tatenlos damit abfinden, dass die Anträge auf ein Verbot der makabren Trauermärsche regelmäßig scheitern. Für eine Ausstellung über »Rudolf Heß und Wunsiedel« geht Andrea Heußner zusammen mit Jugendlichen auf Spurensuche. Sie erforscht die »zwei Gesichter« des engen Hitler-Vertrauten, der bei seinen seltenen Besuchen in der Ferienvilla im nahen Reicholdsgrün nur gute Erinnerungen hinterließ.

Während Politiker eine »Lex Wunsiedel« fordern, ein Ausnahmegesetz gegen die alljährliche Glorifizierung des NS-Regimes, malen die Jugendlichen in ihren Sommerferien Straßenschilder: »Bonhoefferstraße«, »Anne-Frank-Straße«, »Auschwitz-Gedenkstraße«. Im August 2003 setzt die neu gegründete Initiative noch auf Pädagogik - vergeblich. Erst der bunte symbolische »Kehraus« des braunen Gedankenguts von den Straßen bringt den Bürgerprotest im vorigen Jahr stärker auch in die Medien und verdrängt die »Erfolgsmeldungen« der Neo­nazis aus den Schlagzeilen.

Denn die Zahl der braunen Heß-Wallfahrer hat sich seit 2001 vervielfacht. Das stärkt die rechtsextreme Szene, die in Wunsiedel immer selbstbewusster auftritt. »Hier ist es interessant, rechts zu sein«, sagt Andrea Heußner. Um so wichtiger werde es für die Bürger, die Herausforderung offensiv anzunehmen, statt in Gleichgültigkeit zu verharren.

Die Wunsiedler Situation setzt inzwischen Signale für das neue Straf- und Versammlungsrecht. Prominente unterstützen den geplanten »Tag der Demokratie« am 20. August. Was vor drei Jahren mit dem Slogan »Wunsiedel ist bunt nicht braun« begann, wird sich Anfang April mit der Gründung einer Bürgerinitiative organisieren. »Manche unserer Visionen nehmen Gestalt an«, freut sich Andrea Heußner. »Jetzt ist Erntezeit.«

Die andere Seite. Hasstiraden und Diffamierungen, am Telefon, per E-Mail, in Briefen. Manche Beschimpfungen beziehen sich auf Sonntagsblatt-Artikel. Im letzten Jahr eine Morddrohung.

Aber einschüchtern lässt sich die Diakonin nicht, weitermachen ist angesagt. »Dass Angst ein schlechter Ratgeber ist, hat sich ja nicht nur im Dritten Reich gezeigt.« Dankbar ist sie für die große Solidarität, die sie - trotz mancher ernüchternder Erfahrung mit kirchlicher Bürokratie - bei ihren Aktionen erfahren hat. »Es gab immer und überall Menschen, die für uns gebetet haben.«

Überhaupt das Gebet. Kraft und Ausgleich schöpft sie aus einem intensiven kontemplativen Leben, aus der geistlichen Heimat, die sie im fränkischen Kloster Münsterschwarzach gefunden hat. Nicht zu vergessen ihr Vorbild, die streitbare Theologin Dorothee Sölle. »Für mich gibt es kein unpolitisches Christsein«, sagt Andrea Heußner. »Ich denke, ich war zur richtigen Zeit am richtigen Platz.« Vor fünf Jahren, da ist sie sich sicher, »hätte das alles nie geklappt.«

ZUR PERSON

Andrea Heußner (30) ist eine gebürtige Münchnerin. Die Rummelsberger Diakonin kam im Jahr 2000 als Dekanatsjugendreferentin nach Wunsiedel. 2003 gründete sie dort die »Jugendinitiative gegen Rechtsradikalismus«. Im vorigen Dezember erhielt sie den »Ehrenbrief der Stadt Wunsiedel« für ihre »vorbildliche Zivilcourage«.

Wolfgang Lammel

 


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abgerufen 08.02.2012 - 11:23 Uhr

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