Der letzte Tag Jesu
Was Jesu Tod und Auferstehung fast 2000 Jahre danach bedeuten
Von
Helmut Frank
An einem Freitag vor fast 2000 Jahren, wahrscheinlich am 7. April des Jahres 30, wurde in einem aufgelassenen Steinbruch vor den Toren Jerusalems der Jude Jesus aus Nazareth als politisch-messianischer Aufrührer exekutiert. Sein Ende am Kreuz war auch das Ende der Jesusbewegung. Zunächst.
 Foto:
sob
 Geheimnisvoller Christus: das Christusgeschehen veränderte die Weltgeschichte mehr als jedes andere Ereignis. Die Ereignisse in Jerusalem im Jahre 30 wirken bis ins dritte Jahrtausend.
|
Mit dem Prozess gegen Jesus fand ein Konflikt seine Zuspitzung, der bereits drei Jahre zuvor in Galiläa begonnen hatte. Schon mit seinem ersten öffentlichen Auftreten hatte sich Jesus Feinde gemacht (Mk 3,6), die ihn umbringen wollten. Er war beim Volk beliebt, aber von führenden Vertretern der religiösen Institutionen gehasst. Ein erster Höhepunkt der Auseinandersetzungen war die Tempelreinigung (Mk 11,15ff), eine prophetische Zeichenhandlung gegen das sadduzäische Religionssystem der damaligen Zeit. Der Tempel war das religiöse Symbol Israels und sicherte als einzige Institution wirtschaftliche Macht und eine gewisse politisch-gesellschaftliche Unabhängigkeit von den Römern. Die meisten Theologen sind sich einig, dass die Tempelaktion der eigentliche äußere Anlass für den Prozess gegen Jesus war.
Die Verhaftung sollte ohne öffentlichen Aufruhr geschehen. Dass einer aus dem Kreis der Jünger Jesu dabei seine Hilfe anbot, musste der religiösen Führung willkommen sein. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wird Jesus also in Getsemane, einem Gartengrundstück in der Gegend des Ölbergs von einem Polizeikommando des Hohen Rates festgenommen. Die Jünger sind offensichtlich überrascht, sie fliehen und lassen Jesus allein.
 Foto:
sob
 Das letzte Abendmahl nach Leonardo da Vinci, 1497, Fresco in der Chiesa Maria delle Grazie in Mailand.
|
Über das Kidrontal wird Jesus in die Stadt geführt. Im Haus des Hohepriesters kommt der Hohe Rat zu einer Nachtsitzung zusammen, um über Jesus zu verhandeln (Mk 14,53). Man hat es nun eilig, denn mit dem Morgengrauen beginnt das Passah-Fest, kein Tag für eine jüdische Gerichtssitzung.
Aber ein gut gewählter Termin für eine Hinrichtung. Der Volksauflauf am Passahfest passte ins Kalkül der Feinde Jesu. Die religiösen Institutionen konnten so allen Sympathisanten Jesu zeigen, dass hier kein Messias am Kreuz hängt, sondern ein religiöser Schwindler. Und die Römer konnten der Menge vorführen, dass sich auch gewaltfreies Aufrührertum nicht lohnt.
Der Vorwurf gegen Jesus lautet »Verführung des Volkes«, gemeint war das Vorgehen im Tempel. Doch die Verhandlung gerät ins Stocken, als sich die Belastungszeugen widersprechen (Mk 14,55ff). Erst jetzt wird Jesus dem Hohen Rat vorgeführt. Er schweigt und antwortet auch nicht auf Fragen.
Chefankläger Kaiphas scheint nun in Beweisnot zu geraten und entschließt sich zu einem äußersten Schritt. Er fragt Jesus: »Bist du der Messias?« Jesus bejaht - und kündigt dem Hohen Rat das Gericht an. Mit dem prophetischen Drohwort zwingt Jesus seinen Ankläger in die Entscheidung. Kaiphas zerreißt daraufhin sein Gewand - wie es das Gesetz dem vorschreibt, der Zeuge einer Gotteslästerung wird. Das Todesurteil gegen Jesus ist nun nur noch Formsache. Der Theologe Gerhard Lohfink nennt es eine »peinliche und für eine oberste Gerichtsbehörde kaum glaubhafte Szene«, was nun passiert: Einige Mitglieder des Hohen Rates spucken Jesus an, verbinden ihm die Augen, schlagen ihn ins Gesicht und verhöhnen ihn (Mk 14,65).
 Foto:
sob
 Christus vor Pilatus, Nicolaes Maes, 1650.
|
Im Morgengrauen wird Jesus dann gefesselt und mit dem Schuldspruch zum römischen Statthalter Pilatus geführt, der in Israel allein für Todesurteile zuständig ist. Wegen Gotteslästerung hätte Pilatus Jesus nicht verurteilt, er wird vom Hohen Rat nun also wegen seines Messiasbekenntnisses übergeben, Jesus damit zum politischen Aufrührer gemacht.
Pilatus aber stuft Jesus nicht als bedrohlich ein - er sieht den Konflikt als innerjüdische Angelegenheit. Warum spricht Pilatus dann doch Jesus schuldig? Wohl aus taktischen Gründen, weil er ihn bei der jährlichen Amnestie an Passah anstelle des Terroristen Barabbas freilassen will.
Doch Pilatus hat nicht mit dem aufgewiegelten Volk gerechnet. Vor seinem Amtssitz ruft die Menge »Kreuzige ihn!« Pilatus hatte durch sein Taktieren den Fall Jesus selbst von der richterlichen auf die politische Ebene geschoben. Er ist nun nicht mehr Herr der Lage. Er verurteilt Jesus zum Tode, wahrscheinlich mit den Worten Ibis in crucem - »Du wirst zum Kreuze gehen«. Der Neutestamentler Klaus Berger (Heidelberg) schreibt dazu: »Ich denke, wir können uns darüber einig werden, dass der Fall Jesus von Nazareth eine Art Höhepunkt von Justizmord und Grausamkeit war«.
 Foto:
sob
 Gekreuzigter Christus, Diego Velázquez, Prado, Madrid.
|
Die Bibel ist merkwürdig schweigsam, wo es um die Kreuzigung selbst geht. Vom Prozess gegen Jesus und wie es dazu kam berichten die Evangelisten in ihren Passionsberichten dramatisch und detailliert, die Kreuzigung dagegen wird nicht näher beschrieben. Markus berichtet in seiner Passion nur den einen Satz: »Und sie kreuzigten ihn« (Mk 15,24).
Mehr ist darüber nicht zu erfahren. Takt und Stilgefühl verboten der Urkirche, die Kreuzigung näher zu beschreiben. Der US-Regisseur Mel Gibson fühlte sich daran nicht gebunden, als er im vergangenen Jahr seinen Film »Die Passion Christi« in die Kinos brachte.
Für die Zurückhaltung gibt es Gründe: Die Kreuzigung galt in der Antike als entehrend und grausam, ekelerregend und abstoßend. Der hellenistische Literat Lukian wollte deshalb sogar den Buchstaben T aus dem Alphabet streichen. Das Kreuz war in der Antike mehr als ein Instrument zur Hinrichtung. Es sollte abschrecken und war dadurch zuerst eine Methode des römischen Staatsterrors. Es sollte dem Verurteilten sein Menschsein, seine Würde und Ehre nehmen.
Der langsame Tod war erwünscht. In den meisten Fällen starben Gekreuzigte an Kreislaufversagen. Ein Gekreuzigter hing - sobald er keine Kraft mehr hatte - mit seinem vollen Körpergewicht in den Armen, die Folge waren Durchblutungsstörungen und Atemnot. Der Delinquent richtete sich also wieder auf, wodurch die Fußwunden belastet wurden. Sobald er vor Erschöpfung erneut zusammensank, wurde wieder der Atem flacher. Wollte man den Tod beschleunigen, zerschlug man die Beinknochen, die Folge war dann Kreislaufversagen.
 Foto:
sob
 Vor der Gefangennahme, Andrea Mantegna, 1459, Altarretabel von San Zeno in Verona.
|
Nach dem Bericht des Markus kommt das Exekutionskommando noch am Vormittag auf Golgatha an. Gegen 9 Uhr wird Jesus ans Kreuz geschlagen. Um drei Uhr nachmittags betet Jesus den 22. Psalm, wenig später stirbt er. Im Johannesevangelium wird erzählt, dass den beiden neben Jesus Gekreuzigten die Beine zerschlagen werden. Jesus war zu diesem Zeitpunkt bereits tot, vermutlich wegen des starken Blutverlustes bei der Geißelung.
Das Kreuz - tausendfach zum Modeschmuck und Logo verniedlicht - ist das stärkste Symbol des christlichen Glaubens. Doch über alle Zeiten haben sich die Christen mit diesem Todessymbol schwer getan. In der Urkirche hatte es als Erinnerung an den Tod des Gerechten eine herausragende Bedeutung, wurde aber unter dem starken Verfolgungsdruck nicht gezeigt.
In der Kunst der Romanik thront ein nach oben blickender Christus als schmerzfreier Pantokrator aufrecht am Kreuz, die Gotik stellte dann realistisch das Leiden des Gottessohnes dar. Moderne Theologen haben den Kreuzestod beiseite geschoben und den Reich-Gottes-Verkünder ins Zentrum gerückt, den Revolutionär, den ersten Feministen, den deutschen Kristus oder den sanftmütigen Wanderprediger. Als sei sein Kreuzestod ein dummer Zufall.
Der Auferstandene begegnete den Ungläubigen
Die Passionsgeschichte lehrt: Jesus hat den Tod gefürchtet, aber er ging ihm nicht aus dem Weg. Er suchte die Konfrontation mit dem Tod, um ihn zu besiegen. Die Selbsterniedrigung Gottes bis zum Tod am Kreuz ist deshalb der Kern des Christentums. Jede Epoche hat diesen Tod neu interpretiert.
 Foto:
sob
 Toter Christus von Albrecht Altdorfer, 1526, Berlin.
|
Was kann Jesu Tod also heute bedeuten? Zunächst: Gott leidet mit der Menschheit. Der leidende Gott am Kreuz ist der schärfstmögliche Widerspruch gegen alle Macht- und Vollkommenheitsfantasien des Menschen, gegen alle innerweltlichen Erlösungs- und Machbarkeitsideologien. Das Kreuz konterkariert das Bild vom planbaren und makellosen Idealmenschen, der durch die Biotechnik vielleicht bald Wirklichkeit wird.
Die österliche Botschaft des Christentums ist: Der Gekreuzigte hat den Tod überwunden, Christus ist auferstanden. Berichte, wie die Auferstehung vor sich ging, gibt es im Neuen Testament nicht. Selbst im apokryphen Petrusevangelium wird nur gesagt, dass zwei Engel auf das Grab hinabstiegen, dass aber drei Personen aus dem Grab hervorgingen: Jesus in der Mitte der beiden Engel.
Allerdings erzählt die Bibel von überwältigenden Erfahrungen mit dem auferstandenen Jesus. Interessant ist, dass Jesus nicht von Menschen gesehen wird, die ohnehin schon glauben, sondern von denen, die sich von ihm abgewendet hatten. Ohne die Begegnung mit dem Auferstandenen hätten sie sicher keine Gemeinde gegründet. Jesus begegnet auch Menschen, die seine ungläubigen Feinde waren, wie etwa Paulus. Sie begegnen Jesus nicht, weil sie glauben, sondern sie glauben, weil er ihnen begegnet.
»Ostern ist nicht eine paradoxe Behauptung gegen alle Wirklichkeit«, sondern es geht dabei um die Begegnung mit dem lebendigen Jesus«, sagt Klaus Berger. »In Ostern ist uns die Wirklichkeit Gottes auf den Leib gerückt.« | BUCHTIPPS
Neue Bücher über Jesus
Jesus, Klaus Berger, 704 S., 28 Euro, Pattloch, München 2004, ISBN 3-629-00812-7. Berger brandmarkt die Scheuklappen- theologie der Rationalisten, für die es Wunder nicht geben darf.
Jesus von Nazareth, Peter Hirschberg, 208 S. 24,90 Euro, Primus 2004, ISBN 3-89678-519-2. Der Autor ist evangelischer Gemeinde- pfarrer und Lehrbe- auftragter an der Universität Bayreuth.
Der letzte Tag Jesu, Gerhard Lohfink, 96 S., 13,20 Euro, Herder 2005, ISBN 3-451-18589-X. Was bei der Passion wirklich geschah: historische Einsichten und überraschende Antworten.
 |