Weltkino bei der Berlinale
Medien-Kolumne
Zehn Tage Berlinale, das ist wie eine Reise um die ganze Welt: Man erhascht einen Blick in das Leben der Frauen in der Osttürkei (»Waiting for the Clouds«), man begleitet eine finnische Familie nach dem Unfalltod des jüngsten Sohnes (»For the Living and the Dead«), man bekommt niederschmetternde Einblicke in das Leben der jungen Leute in den besetzten Palästinensergebieten (»Paradise Now«), man hält sich über quälende Stunden gemeinsam mit einem 15-jährigen Jungen im Konzentrationslager auf (»Fateless«), man erlebt die schweren Tage des »göttlichen« japanischen Kaisers nach dem amerikanischen Atombombenangriff auf Hiroshima (»The Sun«)...
Knallige Filme, leise Filme, intellektuelle und sinnliche: Die Berlinale ist auch eine Reise durch unterschiedliche ästhetische Kulturen und eine Reise in die Seelen der Menschen. Eigentlich unmöglich, eine solche Weltversammlung der Filmkunst zu bilanzieren - dennoch lassen sich ein paar Beobachtungen formulieren:
Wie gefährdet der Mensch in der Verteidigung seiner Würde ist und wie schnell er die schmale Grenze hin zur Bestie überschreitet, das wurde vor allem in den großartigen Filmen über den Bürgerkrieg in Ruanda deutlich, bei dem innerhalb von zweieinhalb Monaten eine Million Menschen abgeschlachtet wurden, angetrieben von den Medien und allein gelassen vom Rest der Welt (»Hotel Ruanda« und »Sometimes in April«). Will man aus dem Programm dieser Berlinale einen Rückschluss auf den Zustand der Welt wagen, dann beschäftigt die Menschen zu Beginn des dritten Jahrtausends die Frage, wie man als Menschen zusammenleben kann in einer Welt, in der sich Rassen, Kulturen und Religionen unaufhaltsam vermischen. Eine Antwort darauf gab der wunderschöne Spielfilm des rumänischen Regisseurs Radu Mihaileanu »Va, vis et deviens« (Geh, lebe und werde). Der Film erzählt die Geschichte eines äthiopischen Jungen, der, christlich erzogen, nach Israel gelangt, dort als Schwarzer in Israel lernt, als Jude zu leben und sich zwischen Rassen und Religionen zu bewegen. Lernen, das ist die einzige Lebensstrategie, die der Film anbietet. Lernen und das Tun des Humanen.
Eine weitere aufregende Beobachtung boten die Frauenrollen und wie sie im Jahr 2005 in den unterschiedlichen Kontinenten und Kulturen ausgelegt waren. In den Filmen des Westens wurde - mit Ausnahme des großartigen Films über Sophie Scholl - durchgängig von Frauen erzählt, die gelangweilt, selbstbezogen, traumatisiert, destruktiv und vom Leben überfordert sind. Im Gegensatz dazu erzählen die afrikanischen Filme oder auch die türkischen von Frauen und Müttern, die als die einzigen Garanten des Überlebens gezeichnet werden: unbeugsam, stark, duldsam bis zur Selbstaufgabe und widerständig bis zum Tod - im Namen ihrer Kinder. Das stimmt ein bisschen ratlos... | MEDIEN-KOLUMNE
Johanna Haberer, Medien- Kolumnistin des Sonntagsblatts, war in diesem Jahr Mitglied der Ökumenischen Jury, die die Berlinale aus christlicher Perspektive begleitet und eigenen Preise vergibt. Haberer ist Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät Erlangen und Sprecherin des » Wort zum Sonntag«.
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