Gekreuzigter Frosch
»Do Artists See God?« - Haus-der-Kunst-Chef Chris Dercon über Kunst und Blasphemie
Vor Weihnachten in München und jüngst wieder in Regensburg hat der gekreuzigte Frosch des 1997 verstorbenen Künstlers Martin Kippenberger für handfeste Aufregung gesorgt. Zugleich war Kippenbergers Arbeit in einer Londoner Ausstellung mit dem Titel »100 Artists See God - 100 Künstler sehen Gott« zu sehen. Chris Dercon, Direktor des Münchner Hauses der Kunst, setzte sich nun in der Bayerischen Katholischen Akademie mit dem Verhältnis von Kunst und Kirche, künstlerischer und religiöser Erfahrung auseinander.
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pa
 Blasphemie oder echte Kunst? Der gekreuzigte Frosch von Martin Kippenberger.
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Für den 25. Januar war die Premiere angesetzt: Auf dem Werbe-Plakat für die Inszenierung von Marieluise Fleißers »Fegefeuer in Ingolstadt« am Münchner Volkstheater sollte ein gekreuzigter Frosch erscheinen, eine 1990 entstandene Arbeit des 1997 gestorbenen »Punk-Künstlers« Martin Kippenberger. Doch kurz vor Weihnachten protestierte die Münchner Erzdiözese gegen das Plakat, weil es eine »aggressive Bereitschaft« erkennen lasse, gläubige Christen zu verletzen. Mit Erfolg: Volkstheater-Intendant Christian Stückl, der im Jahr 2000 beim Oberammergauer Passionsspiel Regie führte und blasphemischen Interessen zunächst unverdächtig erscheint, sagte: »Keinesfalls wollten wir die religiösen Gefühle von Menschen verletzen.« Und zog das Plakat zurück.
Vor rund 200 Künstlern, Kirchenleuten und Interessierten erinnerte Museumsleiter Chris Dercon in der katholischen Akademie daran, dass er Kippenbergers Frosch am Kreuz bereits 2003 ohne Proteste in der Schau »grotesk! 130 jahre kunst der frechheit« im Haus der Kunst gezeigt habe. Wohl habe es Rückfragen von Seiten des katholischen Künstlerseelsorgers und Kunstbeauftragten im Erzbistum München, Georg Roers, gegeben. Wenn man sich aber mit dem Werk Martin Kippenbergers näher befasse, lasse sich - im Gegensatz beispielsweis zur Kunst des Briten Damien Hirst - der Blasphemie-Vorwurf nicht halten.
Wie den Symbolisten des 19. Jahrhunderts gehe es Kippenberger um die Bedeutung hinter den sichtbaren Zeichen. Weder eine »permissive« Kulturpolitik, in der Kunst und Kirche unvermittelt nebeneinander herleben, noch eine restriktive Kulturpolitik, die die Kunst gängele, seien wünschenswert. Am schlimmsten jedoch sei, wenn »Dialog und Debatte« verhindert würden. Kunst und Kirche sehen sich, so Dercon, in dem gemeinsamen kulturellen Projekt verbunden, herauszufinden und auszudrücken, wofür die Begriffe »Wahrheit« und »Freiheit« heute stehen. Doch könne keiner Wahrheit für sich exklusiv beanspruchen.
In Regensburg, das 2010 Europäische Kulturhauptstadt werden will, reichte Mitte Januar zum Eklat mit den Kirchen bereits ein Vortrag des Kunsthistorikers Veit Loers, der als einer von fünf Projektleitern mit der Kulturhauptstadt-Bewerbung befasst ist. Loers hatte als guter Kippenberger-Kenner dessen Frosch am Kreuz als Beispiel für provozierende Kunst vorgestellt und sich mehr Provokation für die Regensburger Kulturbewerbung gewünscht. Die Konsequenz: Das Bistum protestierte und Regensburg stand vorübergehend ohne seine wichtigsten Kulturhauptstadt-Botschafter da, die Regensburger Domspatzen. Auch hier entschuldigte sich Loers für die Verletzung religiöser Gefühle.
Dass bei Kippenberger der Frosch am Kreuz durchaus als Symbol für die Verwandlung von Leid in gelingendes Leben gelesen werden darf (man denke an den Frosch im Märchen), ist in all den aufgeregten Diskussionen in München und Regensburg nicht wahrgenommen worden. |