»Ich war dabei, und ich bin stolz darauf«
»Sophie Scholl - die letzten Tage« ist einer der deutschen Wettbewerbsbeiträge zur Berlinale
Bei der 55. Berlinale vom 10. bis 20. Februar läuft Marc Rothemunds »Sophie Scholl - die letzten Tage« im Wettbewerb um einen »Goldenen Bären«. Am 24. Februar - zwei Tage nach dem 62. Todestag der Geschwister Scholl - kommt der Film in die Kinos.
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X-Verleih/Olczyk
 Weg in den Tod: Julia Jentsch beeindruckt als Sophie Scholl (hier mit ihrer Freundin Gisela Schertling, gespielt von Lilli Jung)...
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München, der Abend des 17. Februar 1943: Kriegszeit, Verdunkelung - zwei Mädchen die heimlich Radio hören. Die rauchige Stimme der schwarzen Blues-Sängerin Billie Holiday, »Feindmusik«, die amerikanisch-jazzig und nach Liebe und Freiheit klingt. Die Mädchen singen mit, kennen den Text - ein wenig wenigstens. Wenn´s schwieriger wird und das Schulenglisch der beiden Studentinnen zu holpern anfängt, dann kichern sie sich drüber hinweg und setzen später wieder ein.
Lust am Verbotenen schwingt da mit, eine kleine, private Rebellion ist das, während draußen eine Diktatur herrscht, die die Welt an ihrem deutschen Wesen genesen lassen will und deshalb mit Krieg und Mord überzogen hat. Überm Radiohören hat die eine der beiden, die 21-jährige Biologie- und Philosophie-Studentin Sophie Scholl, die Zeit vergessen und sie eilt los. Drüben, in einem Hinterhof-Atelier in der Schwabinger Leopoldstraße 38 wartet man schon auf sie.
Auch dort geht es um eine Rebellion und um die Freiheit. Doch hier geht es um Flugblätter, geht es um an die Mauern der Universität geschriebene Parolen, geht es um den Widerstand der »Weißen Rose« gegen die nationalsozialistische Zwangsherrschaft. Ein Widerstand, den nur wenige wagten und der Sophie, ihren Bruder Hans sowie Christoph Probst am nächsten Tag in die Verhaftung und fünf Tage später, am 22. Februar 1943, in den Tod auf dem Stadelheimer Schafott führen wird.
Widerstand im Hinterhof
Stets ganz nah an der Figur der Sophie Scholl, vom Kleinen, Alltäglichen zum Entscheidenden, im Wortsinn Welt-Bewegenden führt uns der Film »Sophie Scholl - die letzen Tage«. Nach der Verhaftung in der Münchner Universität entwickelt sich der Film des 36-jährigen Regisseurs Marc Rothemund und seines Drehbuch-Autors Fred Breinersdorfer zu einer Art Kammerspiel in der Münchner Gestapo-Zentrale. Dort, im Verhörzimmer, entfaltet sich ein packendes geistiges Duell zwischen dem Vernehmungsbeamten Robert Mohr und Sophie Scholl. Julia Jentsch als Sophie Scholl und Alexander Held als Robert Mohr gelingen dabei Szenen von großartiger Suggestion und Dichte.
Für das Psycho-Drama im Wittelsbacher Palais haben Rothemund und Breinersdorfer mit den Originalprotokollen der Gestapo-Verhöre auf Dokumente zurückgegriffen, die den beiden bisherigen »Weiße Rose«-Filmen der 80er-Jahre noch nicht zur Verfügung standen.
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 ...vor allem im Duell mit dem Gestapo-Mann Robert Mohr (Alexander Held).
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In Michael Verhoevens 1982 entstandenem Film »Die Weiße Rose« liegt, weil die Erzählung mit Sophie Scholls Ankunft in München im Frühsommer 1942 einsetzt, der Schwerpunkt des Films nicht auf den Geschehnissen der letzten Tage. Die Geschichte der »Weißen Rose« über die letzten Tage der Sophie Scholl zu erzählen ist jedoch nicht neu. Percy Adlon hat das - ebenfalls 1982 - in seinem Film »Fünf letzte Tage« schon einmal getan, aus einer anderen Perspektive.
Grundlage für Adlons Film waren neben Dokumenten und Zeitzeugen-Interviews vor allem die Aufzeichnungen von Else Gebel, mit der Sophie Scholl in ihren letzten Tagen die Zelle teilte. Damit Rothemund und Breinersdorfer an die Verhörprotokolle der »Weißen Rose« kommen konnten, musste erst eine weitere deutsche Diktatur fallen: Bis zur Wende 1989/90 lagen die Protokolle zunächst im Zentralen Parteiarchiv der SED und zuletzt im Stasi-Archiv unter Verschluss und waren westlichen Historikern nicht zugänglich.
»Es lebe die Freiheit«
Aus den Akten haben die Filmemacher den Verlauf des Verhörs dramatisch und doch plausibel rekonstruiert. Für den Umgang mit den Gestapo-Akten sei entscheidend, »nicht zu vergessen, dass wir es hier mit Täterprotokollen zu tun haben.« Auch wenn es sich um zusammenfassende, von Mohr diktierte Vernehmungsprotokolle handle, könne man ihnen gleichwohl Sophies mutige Erklärungen entnehmen.
Anfangs gelang es demnach der hartnäckig leugnenden Sophie beinahe, den erfahrenen Vernehmungsbeamten hinters Licht zu führen: Ihre Entlassungspapiere werden bereits ausgestellt, als eine Hausdurchsuchung in der Wohnung der Geschwister Scholl erdrückende Beweise bringt. Erst als Christoph Probst überführt ist und Mohr sie mit dem Geständnis ihres Bruders konfrontiert, schwenkt sie um: »Ja, ich war dabei, und ich bin stolz darauf.« Nun nimmt sie alles auf sich und versucht so, sich schützend vor die anderen Mitglieder der Gruppe zu stellen.
Mohr ist ein »idealistischer« Nationalsozialist, dem man glaubt, dass es ihm tatsächlich um etwas geht, was er für »das Wohl des deutschen Volkes« hält. Seine Überzeugungen haben jedoch mörderische Konsequenzen - für Juden oder geistig Behinderte. Mohr glaubt an das Gesetz, nicht an das Gewissen: »Gott gibt es nicht«, herrscht er Sophie an, als die sich auf Gewissen, Moral und Gott beruft und versteckt sich und seinen Zweifel hinter der auf die junge Frau gerichteten Schreibtischlampe.
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 Der evangelische Pfarrer Karl Alt begleitete Sophie Scholl zur Hinrichtung.
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Bei allem Unverständnis entwickelt Mohr dennoch zunehmend Achtung und Sympathie für das ihm mutig Widerstand leistende Mädchen vor ihm, das so alt ist wie sein Sohn, der gerade an die Ostfront versetzt worden ist.
»Mensch, Fräulein Scholl, wenn Sie das alles bedacht hätten, da hätten Sie sich doch nie zu solchen Handlungen hinreißen lassen? Es geht um Ihr Leben!« fleht er sie fast an, die von ihm gebaute goldene Brücke zu beschreiten und zu widerrufen. Sophie lehnt ab: »Ich bin nach wie vor der Meinung, dass ich das Beste für mein Volk getan habe, ich bereue es nicht und ich will die Folgen auf mich nehmen.«
Julia Jentsch spielt eine im Glauben fest verwurzelte, aber nicht frömmelnde Sophie Scholl. »Herr, unser Gott, ich kann nur stammeln zu Dir und unruhig ist unser Herz bis es Ruhe findet in Dir«, betet sie in ihrer Zelle. Bei dem sonst auch in religiösen Details genauen Film ist lediglich schade, dass er Sophie im Verhör von »Diakonissinnen« sprechen lässt, die Zeugen von Euthanasie-Morden an geistig Behinderten geworden seien. »Gelt, Sophie, Jesus...«, so will ihre Mutter ihr bei einem letzten Besuch vor der Hinrichtung Halt geben. »Ja, aber du auch Mutter«, ist ihre Antwort.
Am Ende kommt der evangelische Pfarrer Karl Alt zu den Geschwistern Scholl in das Gefängnis Stadelheim. Er betet mit ihnen und spendet ihnen das Abendmahl. Als Pfarrer der Giesinger Luther-Gemeinde war es damals seine Aufgabe, die vielen vom nationalsozialistischen Regime zum Tode Verurteilten in Stadelheim als Seelsorger auf ihrem letzten Gang zu begleiten.
Nach dem Krieg hat er berichtet, was auch der Film zeigt: dass Sophie Scholl getröstet, »aufrecht und ohne mit der Wimper zu zucken« in den Tod gegangen ist. Und das Hinrichtungs-Protokoll vermerkt die letzten Worte des 23-jährigen Hans Scholl: »Es lebe die Freiheit!«
Ab 24.2. im Kino. Internet: www.sophiescholl-derfilm.de
| BERLINALE UND OSCAR
»Sophie Scholl - die letzten Tage« ist einer von drei deutschen Filmen im Wettbewerb um den »Goldenen Bären« bei der 55. Berlinale vom 10. bis 20. Februar.
Wenn eine Woche nach Ende des größten deutschen Filmfests am 27. Februar in Los Angeles unter anderem auch der »Oscar« für den besten fremdsprachigen Film vergeben wird, ist mit dem »Untergang« ebenfalls ein deutscher Beitrag im Rennen, der sich mit der NS-Zeit auseinandersetzt.
Mehr als 4,5 Millionen Zuschauer haben Oliver Hirschbiegels und Bernd Eichingers Film »Der Untergang« über die letzten Tage im Berliner Führerbunker bereits gesehen. Trotz der unbestritten großartigen schauspielerischen Leistung von Bruno Ganz als Adolf Hitler ist der Film wegen seiner neutralen Erzählweise allerdings umstritten.
BUCHTIPP
Fred Breinersdorfer (Hrsg.): »Sophie Scholl. Die letzten Tage«. Fischer Taschenbuch, erscheint am 23.2.2005. Etwa 480 Seiten, ca. 12,90 Euro. ISBN 3-596-16609-8.
Der Autor des Films, Fred Breinersdorfer, hat zum Filmstart sein Drehbuch als Taschenbuch herausgegeben. Eine wesentliche Quelle für den Film waren die Original- protokolle der Gestapo-Verhöre, die bis 1990 in DDR-Archiven verborgen waren. Neben den bisher unveröffentlichten Vernehmungsprotokollen enthält das Buch die Interviews der Filmemacher mit Zeitzeugen im Umfeld der Weißen Rose, unter anderem mit der Schwester Willi Grafs, Anneliese Knoop-Graf, und dem Sohn des Vernehmungs- beamten Robert Mohr.  |