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Dieser Artikel: Ausgabe 07/2005 vom 13.02.2005
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Grenzen ziehen, Hilfe holen

Interview mit Pflegeexpertin


Ein Schlaganfall, ein Herzinfarkt - oft stehen Menschen ganz plötzlich vor der Frage, wie ihre jetzt pflegebedürftigen Angehörigen versorgt werden sollen: im Heim? Oder lieber zu Hause? Aber was kommt bei der Pflege daheim eigentlich auf die Beteiligten zu? Ein Gespräch mit Barbara Städtler-Mach, Professorin für Pflegemanagement an der evangelischen Fachhochschule in Nürnberg und Mitgründerin des Instituts für Gerontologie und Ethik.

Barbara Städtler-Mach
Foto: pr
   Barbara Städtler-Mach

  Was passiert, wenn Kinder ihre Eltern pflegen?

Städtler-Mach: Das Fürsorgeverhältnis dreht sich um. Haben ein Leben lang eher die Eltern für die Kinder gesorgt, so sorgen jetzt die Kinder für ihre Eltern. Einfacher wird diese Dynamik, wenn schon im Erwachsenenalter ein partnerschaftliches Verhältnis gelebt wurde. Schwieriger ist es, wenn viele Dinge unberedet nicht stimmen. Was nie gestimmt hat, wird in der Pflegebeziehung meistens schwieriger.

  Was kann man tun, wenn die Situation aggressiv wird?

Städtler-Mach: Wichtig ist, dass nicht die gesamte Belastung - körperlich und seelisch - auf einer Person liegt. Im günstigsten Fall teilen sich Geschwister die Pflege der Eltern. Wenn das nicht möglich ist, geht es darum, die Pflegenden zu entlasten: durch Gespräche mit wohlwollenden Menschen, durch professionelle Hilfe oder die Unterstützung eines Pflegedienstes.

  Worauf sollte man im Vorfeld achten, wenn man vorhat, Angehörige zu Hause zu pflegen?

Städtler-Mach: Eine Pflege im eigenen Haushalt muss organisatorisch gut durchdacht sein. Es geht um praktische Dinge wie Stellung des Bettes, Weg zur Toilette, Möglichkeiten einer pflegerischen Unterstützung. Es geht aber auch um psychologische Dimensionen. Die pflegenden Angehörigen müssen klare Grenzen ziehen. Sie sind, auch wenn sie Eltern pflegen, nicht nur pflegende Angehörige. Es muss daneben auch noch etwas anderes geben, ein bestimmtes Maß an Freizeit, Möglichkeit zu eigenen Kontakten und vor allen Dingen: Rückzugsmöglichkeiten. Die pflegenden Angehörigen müssen lernen, sich nicht zu überfordern. Man kann nicht alles für einen anderen Menschen bieten. Dass Kinder ihre Eltern pflegen, ist ein gegenseitiger Lernprozess. Und Lernen ist immer mit Anstrengung verbunden.

  Wie entsteht Gewalt in der Pflege?

Städtler-Mach: Gewalt entsteht häufig da, wo vorher sehr viel Zuwendung war. Selten sind Menschen von Anfang an gewalttätig. Wesentliche Gründe sind bestimmt Überforderung und Zeitdruck. Deshalb ist es wichtig, dass Menschen, die spüren, dass sie sich überfordern oder unter Zeitdruck geraten, eine gute innere Einstellung gewinnen. Sie könnten etwa zu sich sagen: »Ich tue, was ich kann, aber ich darf mich dabei selber nicht beschädigen. Ich muss Grenzen ziehen und, wenn es sein muss, mir auch Hilfe holen.«

Fragen: Susanne Petersen

ZUM THEMA

Der Alltag in der Altenpflege ist manchmal ein Balanceakt am Rande der Kraft. Eine Reportage über zwei Pflegefälle lesen Sie » hier

ZAHLEN UND FAKTEN

  In Deutschland sind 1,8 Millionen Menschen auf Pflege angewiesen. Davon werden 1,27 Millionen zu Hause, 553000 in Heimen versorgt.

  Etwa 80 Prozent der in Bayern lebenden alten Menschen werden von Angehörigen betreut.

  Zwischen 60 und 80 Jahren sind die meisten Menschen körperlich gesund: Nur jeder 28. braucht besondere Pflege. Laut Statistik wird aber jeder dritte Mensch über 80 Jahre im Laufe der Zeit zum Pflegefall.

  Formen von Gewalt: Am häufigsten ist die passive Vernachlässigung: Alte Menschen werden allein gelassen, Essen und Trinken wird »vergessen«. Am zweithäufigsten ist psychische Misshandlung: Pflegebedürftige werden beschimpft, verspottet, eingeschüchtert.

  Auch Pflegekräfte werden Opfer von Gewalt, wenn sie von Pflegebedürftigen verbal bedroht, angeschrien, bespuckt, geschlagen oder sexuell belästigt werden.

DIAKONISCHES WERK

  Das Diakonische Werk Bayern hat gemeinsam mit dem bayerischen Sozialministerium eine Broschüre »Gewalt in der Pflege alter Menschen« herausgegeben, die sich mit den Ursachen und Formen von dieser Gewalt auseinandersetzt und Lösungsmöglichkeiten aufzeigt. Sie kann bestellt werden unter Telefon (0911) 9354-1 oder per E-Mail an krueger.leonie@diakonie-bayern.de

HILFE UND ADRESSEN

  Die Diakonischen Werke in Bayern bieten offene, anonyme Beratungsgespräche an. Die Adressen sämtlicher Diakonischer Werke finden sich im Internet unter www.diakonie-bayern.de oder können telefonisch unter Tel. (0911) 9354-1 erfragt werden.

  Das Kuratorium Deutsche Altershilfe bietet Literatur zu verschiedenen Themen der Altenhilfe. Infos unter www.kda.de oder Tel. (0221) 931847-0.

  Städtische Beschwerdestelle für Probleme in der Altenpflege München: Kornelie Rahnema, Tel. (089) 23320660 oder Kornelie.Rahnema@muenchen.de

  Beschwerde-Schlichtungsstelle/Pflege Nürnberg: Heide Stumm, Tel. (0911) 2316555 oder heide.stumm@stadt.nuernberg.de

  Pflegeberatungsstelle Erlangen: Anneliese Rohwer, Tel. (09131) 862329 oder anneliese.rohwer@stadt.erlangen.de

 


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abgerufen 08.02.2012 - 11:14 Uhr

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