Balanceakt am Rande der Kraft
Der Altenpflegealltag ist anstrengend - aus Kleinigkeiten können Konflikte werden
Von
Susanne Petersen
Über Gewalt in der Pflege wird meistens berichtet, wenn es zu spät ist. Wenn alte Menschen wundgelegen sind oder ausgetrocknet. Darum geht es in diesem Bericht nicht. Es geht um die Frage, was eigentlich der Nährboden für Gewalt gegen alte Menschen sein kann: Überforderung? Ungeduld? Zeitmangel? Es geht um zwei ganz alltägliche Pflege-Geschichten: Eine erwachsene Tochter kümmert sich um den dementen Vater, eine Altenpflegerin versorgt ihre Stationsbewohner. Das funktioniert gut. Aber es gibt auch neuralgische Punkte, an denen die Pflegenden an ihre Grenzen stoßen. Wie also können Pflegebeziehungen gelingen? Und wo lauern die Konflikte? Eine Annäherung.
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 Das Verhältnis zwischen Menschen, die der Pflege bedürfen und denen, die sie pflegen, ist nie ganz unkompliziert. Wenn auf einer oder auf beiden Seiten das Einfühlungsvermögen fehlt, sind Probleme vorprogrammiert.
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Wilhelm Scherer ist ein Kavalier alter Schule: Zur Begrüßung stemmt er sich trotz der steifen Beine aus dem Fernsehsessel, um der Besucherin die Hand zu reichen. Dann plumpst der 82-Jährige zurück in die Kissen und beginnt zu plaudern: Von seiner Zeit als Tiefbauingenieur, als er Straßen baute in Kamerun und im Sudan, von seinem Vater, dem Tierarzt, der mit Frau und sieben Kindern vom Elsass ins Chiemgau zog, weil er kein Franzose werden wollte, und vom Krieg, ach, da stand er als 17-jähriger Bursche hinter Moskau, Funker war er, erfrorene Kameraden begrub er, das letzte Schiff über die Ostsee erreichte er, und dann ging´s nach Hause, zu Fuß bis Bergen bei Traunstein...
Während ihr Vater sein Leben erzählt, ist Brigitte Scherer wie ein stiller Geist um den alten Mann: schneidet das Abendbrot in mundgerechte Stückchen, misst den Insulinwert, erinnert ihren Vater daran, aufs Klo zu gehen. »Aber ich war gerade vorhin«, protestiert Wilhelm Scherer. »Ja? Aber das ist jetzt doch schon wieder eine Stunde her«, sagt die Tochter sanft, »darf ich dir einen Rat geben...?« Und sie knöpft die Strickjacke auf, damit er besser an den Hosenbund kommt.
Wilhelm Scherer hat Alzheimer. Er erinnert sich an viele Geschichten und nur manchmal wandern seine Augen Hilfe suchend zur Tochter. Aber wie man Zähne putzt, das weiß er nicht mehr. »Wenn ich ihn nur vors Waschbecken setze, dann sitzt er da Stunden und weiß nicht, wie´s weitergeht«, sagt Brigitte. Erst wenn sie ihm die Zahnbürste in die rechte, den Becher in die linke Hand drückt, macht es »Klick«. Dann putzt Wilhelm Scherer begeistert zwanzig Minuten lang sein Gebiss.
Seit siebeneinhalb Jahren pflegt Brigitte Scherer ihren Vater in seiner Wohnung. Das bedeutet: siebeneinhalb Jahre kaum Urlaub, siebeneinhalb Jahre Tag- und Nacht-Bereitschaft für den Notfall und immer wieder Krisenmanagement, wenn einer der drei Helfer ausfällt, die die 52-Jährige zur Betreuung ihres Vaters angestellt hat. Zeit für den Beruf bleibt der Schmuckdesignerin kaum, Zeit für den Partner und Freunde genauso wenig.
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 Liebevolle Pflege ist möglich, wenn die Pflegenden ihre eigenen Grenzen achten.
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»Wenn man jemanden zu Hause pflegt, wird man einsam«, sagt Brigitte Scherer und stützt den Kopf in die Hand. Wer geht schon gern mit einem ins Theater, wenn jeden Augenblick das Handy läuten kann: der Vater...? Trotzdem kann sie sich nicht vorstellen, ihn in ein Heim zu geben. Dort, so fürchtet sie, würde man ihm die Windelhosen verpassen, die er so hasst. Die Zeit, ihn notfalls sechsmal am Tag neu anzuziehen, gibt es eben nur zu Hause. »Mein Vater ist trotz seiner Alzheimer ein ganz lieber Mensch, aber wenn man ihn zu etwas zwingen will, wird er schon mal aggressiv«, sagt die Tochter. Dass sein Geist und seine Seele im Heim binnen kurzem verkümmern, ist ihre Angst.
Was neben der Einsamkeit am meisten an Brigitte Scherer zehrt, ist die permanente Unsicherheit darüber, was morgen kommt: Verschlechtert sich der Zustand des Vaters? Muss sie für eine der Pflegekräfte einspringen? Und noch etwas ist in letzter Zeit hinzugekommen: Die ewig gleichen Kriegsgeschichten des Vaters fangen an, die Tochter zu nerven. »Der Krieg hat unsere ganze Familie geprägt - ich wünsche mir langsam, dass er jetzt auch endlich für mich zu Ende ist«, sagt Brigitte Scherer. Die Kunst ist wohl, trotz aller Erschöpfung immer noch Ideen für einen Ausweg aus kritischen Situationen zu finden. Denn Konflikte oder gar Gewalt, glaubt Scherer, entstehen vor allem »durch Überforderung und einen Mangel an Lösungsmöglichkeiten«. Man müsse, sagt Brigitte Scherer, sich stets so entlanglavieren, dass man seine Kräfte nicht zu sehr erschöpft. Und das ist manchmal sehr hart.
Schwester Monika von Station B
Sonntagmorgen, kurz vor sechs. Es ist noch finster vor den Fenstern des Elisabeth-Hauses in Puchheim, einem Vorort von München. Aber auf Station B des Pflegeheims hat der Arbeitstag schon begonnen: Gemeinsam mit vier Kolleginnen macht sich Stationsleiterin Monika Rossitto bereit für die erste Runde durch die Zimmer der 44 Bewohner.
Neun alte Menschen warten auf Monikas Hilfe beim Aufstehen, Waschen, Anziehen. Manche von ihnen sind Langschläfer. Manche liegen um sechs Uhr schon wach. Zu ihnen geht die 47-jährige Altenpflegerin zuerst. Frau Schuster (Namen aller Bewohner geändert) mit den sanften Knopfaugen setzt sich, kaum angezogen, an den Tisch. Dort wartet ein Puzzle, Moskau in tausend Teilen. »Davon macht sie eins nach dem andern«, sagt Schwester Monika mit einer Mischung aus Bewunderung und Schaudern. Ihre Puzzle-Geduld reichte gerade für die 25-teiligen Kinder-Exemplare. Auf dem Gehwagen von Zimmernachbarin Frau Groner liegen ein roter Pulli und eine schwarze Hose bereit. »Wollen Sie das heute anziehen?«, fragt die Schwester. »Nein!«, kreischt die 91-Jährige, und die Hände der Pflegerin zucken zurück, »das ist für meinen Geburtstag am 7. Februar!« In acht Tagen also...
Der Piepser in Monikas Tasche macht sich bemerkbar. »Das ist der Herr Becker«, stellt die Schwester mit einem kurzen Blick fest und rollt die Augen. Herr Becker ist zur Kurzzeitpflege im Elisabeth-Haus und konnte, das berichtete die Nachtschwester, ab halb drei nicht mehr schlafen. Nach dem fünfzehnten Klingeln hat sie mit dem Zählen aufgehört. Jetzt möchte der alte Herr gerne aufstehen. »Ich komme bald zu Ihnen«, verspricht Monika, »aber erst sind noch ein paar andere an der Reihe.« Kaum ist sie zur Tür hinaus, läutet er wieder.
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 Der immer gleiche »Tick«, die ewig gleichen Geschichten: Konflikte können aus alltäglichen Kleinigkeiten entstehen.
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Drei Bewohner später steht die Schwester an Beckers Bett, der zur Morgengymnastik mit den Fäusten in die Luft boxt. Eigentlich, das hat die Tochter den Pflegerinnen gesagt, kann sich der alte Mann überhaupt nicht mehr selber helfen. Monika Rossitto will das nicht gelten lassen: »Wenn er mit seinem Gehwagen gehen kann, kann er sich auch waschen.« Also drückt sie ihm, nachdem sie seinen Rücken und Unterleib gereinigt hat, den Waschlappen in die Hand. Becker schaut sie an wie ein eifriger Schuljunge, schrubbt sich Oberkörper und Arme, kämmt seine Haare und quetscht sogar den rechten Ärmelknopf durchs Loch. »Na, sehr gut!«, lobt die Schwester und Herr Becker strahlt. Solange es geht, findet Monika, sollen ihre Bewohner selber machen, was sie noch selber machen können - auch wenn es ein bisschen länger dauert.
Um halb zehn ist die Schwester mit ihrer Runde fertig: neun Menschen, neun Charaktere. Mit jedem ihrer Bewohner ein paar persönliche Worte zu wechseln und ihm dabei seine Eigenheiten zu lassen, gehört zu Monika Rossittos Pflege dazu. Manchmal wird ihr ein »Tick« auf Dauer aber auch zu viel. »Wenn man ein Jahr lang jeden Morgen von einer Bewohnerin nach dem Stuhlgang den Satz hört: 'Da hab ich aber sauber abgezwickt, gell, Schwester?', wird man irgendwann verrückt«, sagt sie. Dann ist es für die Schwestern an der Zeit, stationsintern in andere Bereiche zu wechseln, um wieder anderen Menschen mit anderen Gewohnheiten zu begegnen.
Auf die eigenen Grenzen achten
Was der Stationsleiterin zu schaffen macht, sind manchmal auch die Angehörigen: »Von manchen kommt permanent nur Druck auf die Schwestern.« Gefährlich wird es, wenn Kinder oder Enkel ohne Rücksprache Medikamente an- oder absetzen. Dann sucht Monika Rossitto ein klärendes Gespräch, notfalls auch zusammen mit der Heimleitung.
Was ihre Kolleginnen am meisten nervt, sind grabschende Heimbewohner. »Einer hat mir gesagt: 'Komm her und stell dich nicht so an, du wirst doch dafür bezahlt'«, berichtet eine Schwester. Zu solchen Kandidaten gehen die Pfegerinnen nur noch zu zweit oder sie schicken männliche Kollegen. Andererseits, sagt eine andere, sei »ihr« Grabscher dann einfach auch wieder rührend: »Beim gemeinsamen Weihnachtslieder-Singen hat er geheult wie ein Schlosshund - da möcht´ ich ihn einfach knuddeln.« Das sei das Schöne an ihrem Beruf: dass man in jedem Bewohner immer wieder etwas Gutes findet.
Über das Thema »Gewalt« machen sich auch die Schwestern von Station B Gedanken. »Wenn jemand auf Dauer über seine Grenzen arbeitet, kann Gewalt entstehen«, glaubt Monka Rossitto. Zu viele Diensttage am Stück, Frust mit Bewohnern oder einfach nur die permanente Konfrontation mit dem Alter, mit Hinfälligkeit und Sterben können auch geschulte Altenpflegerinnen an den Rand ihrer Kräfte bringen. Um zu verhindern, dass die Belastung zu groß wird und eine Situation eskaliert, hilft, so die Stationsleiterin, nur eins: »Man muss gut darauf achten, wann die eigenen Grenzen erreicht sind.« | ZUM THEMA
Was kommt bei der Pflege zu Hause auf die Beteiligten zu? Was muss bedacht werden - praktisch und emotional? Ein Gespräch mit Pflegeexpertin Barbara Städtler-Mach lesen Sie » hier
ZAHLEN UND FAKTEN
In Deutschland sind 1,8 Millionen Menschen auf Pflege angewiesen. Davon werden 1,27 Millionen zu Hause, 553000 in Heimen versorgt.
Etwa 80 Prozent der in Bayern lebenden alten Menschen werden von Angehörigen betreut.
Zwischen 60 und 80 Jahren sind die meisten Menschen körperlich gesund: Nur jeder 28. braucht besondere Pflege. Laut Statistik wird aber jeder dritte Mensch über 80 Jahre im Laufe der Zeit zum Pflegefall.
Formen von Gewalt: Am häufigsten ist die passive Vernachlässigung: Alte Menschen werden allein gelassen, Essen und Trinken wird »vergessen«. Am zweithäufigsten ist psychische Misshandlung: Pflegebedürftige werden beschimpft, verspottet, eingeschüchtert.
Auch Pflegekräfte werden Opfer von Gewalt, wenn sie von Pflegebedürftigen verbal bedroht, angeschrien, bespuckt, geschlagen oder sexuell belästigt werden.
DIAKONISCHES WERK
Das Diakonische Werk Bayern hat gemeinsam mit dem bayerischen Sozialministerium eine Broschüre »Gewalt in der Pflege alter Menschen« herausgegeben, die sich mit den Ursachen und Formen von dieser Gewalt auseinandersetzt und Lösungsmöglichkeiten aufzeigt. Sie kann bestellt werden unter Telefon (0911) 9354-1 oder per E-Mail an krueger.leonie@diakonie-bayern.de
HILFE UND ADRESSEN
Die Diakonischen Werke in Bayern bieten offene, anonyme Beratungsgespräche an. Die Adressen sämtlicher Diakonischer Werke finden sich im Internet unter www.diakonie-bayern.de oder können telefonisch unter Tel. (0911) 9354-1 erfragt werden.
Das Kuratorium Deutsche Altershilfe bietet Literatur zu verschiedenen Themen der Altenhilfe. Infos unter www.kda.de oder Tel. (0221) 931847-0.
Städtische Beschwerdestelle für Probleme in der Altenpflege München: Kornelie Rahnema, Tel. (089) 23320660 oder Kornelie.Rahnema@muenchen.de
Beschwerde-Schlichtungsstelle/Pflege Nürnberg: Heide Stumm, Tel. (0911) 2316555 oder heide.stumm@stadt.nuernberg.de
Pflegeberatungsstelle Erlangen: Anneliese Rohwer, Tel. (09131) 862329 oder anneliese.rohwer@stadt.erlangen.de
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