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Dieser Artikel: Ausgabe 06/2005 vom 06.02.2005
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Minimaltext des Lebens

»Die Zehn Gebote« - Münchner Kammerspiele bringen Religion ins Theater


Am 17. Februar haben »Die Zehn Gebote« nach der filmischen Vorlage von Krzysztof Kieslowski in München Premiere.

Die Zehn Gebote in dreieinhalb Bühnen-Stunden (Szenenfoto mit Stephan Bissmeier, Sebastian Weber).
Foto: Kammerspiele/Pohlmann
   Die Zehn Gebote in dreieinhalb Bühnen-Stunden (Szenenfoto mit Stephan Bissmeier, Sebastian Weber).

Die Renaissance der Religion findet derzeit auch auf bedeutenden deutschen Bühnen statt. Nachdem das Berliner Maxim Gorki Theater vor Weihnachten zur »Bibel Factory«, zur Bibel-Werkstatt wurde, in der biblische Texte theatralisch auf ihre Sinn stiftenden Momente untersucht wurden, setzen sich nun die Münchner Kammerspiele mit dem Dekalog auseinander.

Schlicht der »Minimaltext für menschliches Zusammenleben« sind die Zehn Gebote für Barbara Mundel, Chefdramaturgin der Kammerspiele. Die Debatte um den Islam und Fundamentalismen gleich welcher Couleur spielen für die Theatermacher dabei die größte Rolle. »Konfrontiert mit Kulturen, die andere Werte vertreten - was nicht mit dem Terrorismus gleichzusetzen ist - stellt sich die Frage: Können wir noch positiv einen Wert definieren?«

»Woran glauben wir eigentlich?«

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, so Mundel, werde Religion interessant als mögliche Denkalternative zum gängigen »Status quo des Kapitalismus«. Wer nach Gegenentwürfen zu Globalisierung und Ökonomisierung suche, stelle sich die Fragen: »Gibt es etwas jenseits des Materialismus? Welche Werte kann ich an meine Kinder weitergeben?«

Für die Dramaturgin sind die Zehn Gebote mit ihrem alttestamentarischen Gestus ein »sehr provokativer Text«. Die kategorische Sprachform des »Du sollst!« sei so faszinierend wie alltagsfern: »Leben besteht eher aus Schattierungen.«

Die Widersprüche und Konflikte des Lebens durchdekliniert und seine Nuancen betont hat der polnische Filmemacher Krzysztof Kieslowski in seiner künstlerischen Aufnahme der Zehn Gebote, die als Vorlage für das vom Niederländer Johan Simons inszenierte Bühnenstück diente (siehe »Nachgefragt)«. Kieslowski erzählte in der Fernsehreihe »Dekalog« (Polen, 1988) zehn Geschichten aus dem Warschauer Alltag, die mit den mosaischen Geboten nur lose verknüpft sind. In den Episoden stehen die Figuren in außergewöhnlichen Situationen, die ihnen problematische Entscheidungen abverlangen.

In »Dekalog 2« (Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen) steht ein Arzt vor dem Dilemma, die Überlebens­-Chancen eines Schwerkranken zu beurteilen. Dies fordert die Frau des Patienten, da sie ein Kind von einem anderen erwartet und es abtreiben will, sollte ihr Mann genesen. Der Arzt kommt ungewollt in die Gott ähnliche Rolle des Richters über Leben und Tod. International bekannt geworden sind die Langversionen des fünften und sechsten Gebots, »Ein kurzer Film über das Töten« und »Ein kurzer Film über die Liebe«.

Regisseur Simons setzt in seiner Inszenierung Sprache pur und ohne viel Beiwerk in den Raum - eine Kaufhalle für Secondhand-Möbel, oder, so Simons, »eine Arche Noah, in der die letzten existierenden Menschen der westlichen Welt noch einmal ihre Geschichte überdenken.«

Neben dem Bühnenstück soll eine begleitende Reihe mit dem Titel »Brandherde« das Spannungsfeld zusätzlich ausloten. »Glaubenskriege. Ich bin der Herr dein Gott« lautet der Titel der Veranstaltung am ersten März-Wochenende (4. bis 5. März). Fünf neue Stücke, die sich mit dem Thema auseinander setzen sollen, hat das Thea­ter bei jungen Autoren in Auftrag gegeben. »Woran glauben wir überhaupt? An den Markt? An den christlichen Gott? An unser Grundgesetz?« fragen die Münchner Theatermacher und fordern das Publikum zur Diskussion auf.

INTERVIEW

Moralische Kultur

Der Niederländer Johan Simons inszeniert an den Münchner Kammerspielen »Die Zehn Gebote«.

  Warum sind die Zehn Gebote für Sie ein aktuelles Theater-Thema?

Simons: Die Zehn Gebote sind in der heutigen Gesellschaft absolut notwendig - weil Kultur nur eine dünne Haut ist.

  Religion hat offensichtlich wieder an Bedeutung gewonnen.

Simons: Das Thema liegt in der Luft. Der Islam zwingt uns, unsere christliche Geschichte zu überdenken. Wir haben immer gedacht, unser Glaube wäre der beste. Holland und seine Kolonial-Geschichte sind da ein Beispiel. Dann sind wir vom Glauben abgefallen. Aber auf einmal steht der Islam vor uns. Wir brauchen eine Rückbesinnung, müssen nachdenken über den Individualismus, den Humanismus.

  Gibt es in Ihrer Inszenierung einen moralischen Standpunkt, eine Wertung?

Simons: In den Zehn Geboten fehlt ein Gesetz »Liebt einander«. Kieslowski hat aus dem Dekalog aber Geschichten über das Lieben und das Mitgefühl gemacht. Die Moral ist bei ihm offen. Das Publikum soll selbst einen Standpunkt einnehmen. Mich interessiert die Schwachheit von Menschen, nicht ihre Schlechtigkeit. Schwachheit hat mit Vergebung zu tun. Es gehört zur moralischen Kultur, dass man Fehler vergeben kann.

Fragen: nas

Nathalie Schwebel

 


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abgerufen 11.03.2010 - 21:24 Uhr

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