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Dieser Artikel: Ausgabe 03/2005 vom 16.01.2005
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Das Handwerk des Gebets

Serie »Hauptsünden« (7): Geistliche Trägheit - oder: die Stumpfheit der Seele


Sandro Botticelli: Augustinus in betrachtendem Gebet, Fresco um 1480, Florenz, Ognissanti.
Foto: sob (Repro)
   Sandro Botticelli: Augustinus in betrachtendem Gebet, Fresco um 1480, Florenz, Ognissanti.

Der 104. Psalm und einige andere fangen mit einer merkwürdigen Selbstermunterung der Seele an: »Lobe den Herrn, meine Seele!« Auch Kirchenlieder fangen ähnlich an: »Auf, auf, mein Herz, mit Freuden!« Oder: »Du meine Seele, singe!« Es ist, als ob der Mensch zwei Seelen hätte, eine wache und eine matte, eine gläubige und eine stumme. Die Wache redet der Matten zu, nicht schwer und lebensträge in sich selber zu kauern: Du, meine träge und lobesungewohnte Schwester, singe! Schwermütig stumm zu bleiben ist leichter als das Leben zu loben. Es gehört keine große Kunst dazu, nur zu klagen und in schwermütiger Trägheit zu verharren. Klagen ist leichter. Man braucht ja nur am Leben abzulesen, was ihm angetan wird.

Das Lob ist nicht so einfach, man muss es auch in die Dinge und in die Welt hineinlesen. Es lobt sich nicht von allein. Es kann jemand die Wolken dahinjagen sehen, den Wind spüren und die Fische spielen sehen und sie doch nicht sehen und spüren. Er kann bei der schönsten Schönheit trübe bleiben, ohne Verwunderung und ohne Erstaunen. Das Herz kann so träge sein, der Mensch so in sich verschlossen, dass er die Schönheit, die Ganzheit und das Lebensgelingen nicht wahrnimmt. Darum sagt die Seele sich: Geh aus, hock nicht in dir selber herum, sieh von dir ab und von allem, was dich bannt! Werde fähig, die Berge und die Fluten zu sehen.

In alten spirituellen Lehren wurde immer von einem schwer zu beschreibenden Zustand gewarnt, für den man viele Namen hatte: geistige Trägheit (inertia), Mutlosigkeit (acedia), Lebensekel (nausea), Lebensfaulheit (pigritia), Stumpfheit dem Reichtum des Lebens gegenüber (tarditas). Alle Wörter haben eine ähnliche Richtung: zu träge sein, das Leben zu loben. Diese Trägheit gehört zu den Hauptsünden. Dieser Lebensekel ist die morbide Kunst, aus allem, was ist und uns umgibt, nur die Langeweile, den Verfall und die Zerstörung herauszulesen. Nicht schreien und nicht jubeln können, nicht wirklich klagen und nicht loben können: Das ist die Grundtrauer, die weder fluchen noch beten kann.

Diese sanfte, wie Mehltau alles überziehende Schwermut weint nicht und betet nicht. Sie ist fühllos. Manchmal schlägt uns das Leben nieder, und es ist keine Zunge zum Loben da. Solche Zeiten soll man mit der Klage ehren. In anderen Zeiten aber sind wir auch für unsere Lebensfreude verantwortlich, zumindest ein Stück weit. »Die Welt wird erst sichtbar, wo sie besungen wird«, heißt es in einem jüdischen Wort. Wir erschaffen die Welt ein zweites Mal, wenn wir ihre Schönheit besingen.

Zu dieser Lebensfaulheit gehört die Trägheit im Gebet und bei allen geistlichen Übungen. Wie wichtig das Beten ist, merkt man daran, wie schwer es ist, es regelmäßig zu tun. Man bekommt die Welt nirgends so zusammen, man überwindet ihre Risse nirgends so leicht wie im Gebet. Könnte es sein, dass wir uns den Zugang zum Gebet verstellen, weil wir es hauptsächlich als Mittel verstehen, etwas zu erreichen?

Vielleicht fällt das regelmäßige Gebet deswegen so schwer, weil es sich nicht durch seinen Nutzen ausweisen kann. Alles, was nützlich ist, leuchtet unmittelbar ein und drängt sich vor die Dinge, deren Nutzen nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Das Gebet ist das große Spiel, in dem wir uns und unsere Welt vor Gott aufführen. Es ist die Selbstauslieferung an das Geheimnis des Lebens. Es ist purer Sinn ohne Zweck. Aber das Gebet ist auch Handwerk, und jedes Handwerk erfordert einige Regeln. Regeln sind Gehhilfen für das schwache Herz, sie verhelfen ihm dazu, größer zu werden, als es ist. Einige Gebetsregeln sind diese:

  Suche dir für dein Gebet eine feste Zeit am Tag aus! Bete nicht nur, wenn es dir danach zumute ist. Bete, wenn es Zeit ist!

  Nimm dir für den Anfang nicht zu viel vor, aber sei treu im bescheidenen Vorhaben!

  Erwarte keine besonderen geistlichen Erfahrungen bei deinem Gebet!

  Höre nicht auf mit deiner Übung, wenn dir dein Gebet trocken und langweilig vorkommt. Das Gebet ist Arbeit und nur sehr selten ein Seelenbad.

  Wenn dir dein Gebet nicht vollkommen gelingt, dann sei dankbar für die geglückte Halbheit.

  Du sollst wissen, dass wir im Gebet mehr Stimme haben als wir haben, weil jedes Gebet getragen ist von dem »Seufzen« des Geistes. »Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sichs gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.« (Paulus in Römer 8,26)

Fulbert Steffensky

Fulbert Steffensky (71) war Benediktinermönch und konvertierte 1969 zum lutherischen Bekenntnis. Von 1975 bis 1998 war er Professor für Religionspädagogik in Hamburg.

 

Themenspecial »Die sieben Hauptsünden«

Auf einen Blick: Alle » sieben Hauptsünden finden Sie gesammelt in unserem Themenspecial.

 

DIE 7 HAUPTSÜNDEN

Seit Papst Gregor dem Großen (540-604) spricht man von den sieben Hauptsünden: Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und geistliche Trägheit. Neben der Bezeichnung Hauptsünden nennt man sie auch Wurzelsünden oder Stammsünden. Sie bezeichnen Grundverfehlungen, die das Verhältnis zu Gott oder zu den Menschen in der Wurzel stören.

Es hat eine mittelalterliche Lust gegeben, die Sünden einzuteilen und zu spezifizieren, die der Komik nicht entbehrt: Man hat zwischen Todsünden und lässlichen Sünden unterschieden, zwischen Hauptsünden und himmelschreienden Sünden.

Für den evangelischen Theologen Fulbert sind die Hauptsünden »ethische Grundirrtümer und moralische Fehlhaltungen, aus denen eine Anzahl anderer Sünden entstehen«. Um sie geht es an dieser Sonntagsblatt-Serie.

Fulbert Steffensky

 


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abgerufen 09.02.2012 - 00:03 Uhr

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