Home
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Das Sonntagsblatt-Blog
Anzeigen-Service
Leserreisen
Zeitvertreib
Leserbriefe
Impressum



    
Heute: 08.02.2012
Aktuelle Ausgabe: 06 vom 05.02.2012
Artikel mit anderen teilen!
Dieser Artikel: Ausgabe 02/2005 vom 09.01.2005
Alle Artikel der » Ausgabe 02/2005 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


Die Suche nach dem rechten Maß

Serie »Hauptsünden« (6): Unmäßigkeit - oder: Nicht mehr wissen, was wichtig ist


Kaviar: Symbol für Luxus und Völlerei. Unmäßigkeit hat jedoch selten mit Essen zu tun.
Foto: Wodicka
   Kaviar: Symbol für Luxus und Völlerei. Unmäßigkeit hat jedoch selten mit Essen zu tun.

Wir denken bei Unmäßigkeit zunächst an Essen und Trinken. Das ist nicht falsch. Der Fresssucht oder der Trunksucht verfallen zu sein, ist eine Selbstentwürdigung, in der wir verraten, dass wir Geschöpfe Gottes sind. Essen und Trinken verlieren ihre Schönheit und werden zum Zwang.

Die Gebote und Verbote Gottes schützen unsere Freiheit und unsere Würde, darum ist die Warnung vor der Unmäßigkeit zugleich der Aufruf, unsere Freiheit nicht dem Diktat falscher Wichtigkeiten zu verkaufen. Essen und Trinken gehören zu den lustvollen Schönheiten des Lebens. Jedes Essen mit Freunden und Freundinnen, jedes Mahl ist ein Schatten des Abendmahls und ein Vorschein jenes Mahles, das wir feiern im endgültigen Reich der Freiheit und des Friedens. Darum ist die pure Verfressenheit wie eine Verstümmelung jener Schönheit.

Es geht aber nicht nur um die Unmäßigkeit in Essen und Trinken. Jeder Überfluss stört die Genussfähigkeit des Menschen. Wir essen mehr, als wir brauchen. Wir heizen unsere Wohnungen mehr, als es nötig ist. Wir haben mehr Informationen, als wir verarbeiten können. Wir fahren schneller, als es uns und der Welt unserer Kinder gut tut.

Ich möchte ein Beispiel der Unmäßigkeit nennen, das gefährlicher ist, als zu viel zu essen und zu trinken. Auf dem Genfer Automobilsalon 2003 zeigte VW ein Auto mit 1000 PS, das theoretisch auf 400 Stundenkilometer kommen kann. Dies ist ein Beispiel eines höchst intelligenten Schwachsinns, eine Dummheit auf hohem Niveau. Aber es ist ein Schwachsinn, der zur Selbstverständlichkeit geworden ist und für den man viele Beispiele anführen kann. Was dort geschieht, diese Art der Völlerei, ist in keinen ethischen Zusammenhang mehr zu bringen. Das Verbot der Unmäßigkeit lehrt uns fragen, was diese Art des Könnens und des Überflusses für unsere Kinder, für unsere Enkelkinder, für die Armen dieser Erde und für das Überleben der Welt bedeutet.

Der Zwang zum Können ist groß geworden. Es wird Zeit zu fragen, was wir nicht tun dürfen. Es ist schön, dass wir eine Tradition haben, die nicht zulässt, dass wir in der reinen Heutigkeit ertrinken; eine Tradition, die uns aufstört im Gefängnis der falschen Selbstverständlichkeiten. Sie lehrt uns fragen: Was ist dein Maß? Was brauchst du und was brauchst du nicht? Was darfst du und was darfst du nicht? Diese Fragen sind keine lebensfeindlichen Beschränkungen, es sind Rufe in die größere Freiheit.

Es könnte sein, dass in diesen Zeiten der Maßlosigkeit eine alte Tugend wieder wichtig wird, nämlich die Askese; Askese nicht als lebensfeindliche Beschneidung des Glücks und des Lebensreichtums, wie wir sie früher kannten, sondern Askese als eine neue Möglichkeit der Sinnlichkeit des Lebens. Wir verlernen im Überfluss des Essens und Trinkens unsere Sinne. Wer jederzeit alles zur Verfügung hat, die Erdbeeren auch im Dezember und den Salat im Januar, der wird nie wieder mit der alten Inbrunst das Lied singen können: »Nach grüner Farb mein Herz verlangt.« Wir verlernen im Überfluss der Geschwindigkeit die Erfahrung von Raum und Zeit. Wir verlernen im Überfluss der Informationen die Ergriffenheit von einer Nachricht. Ein geheimnisvoller Satz von Pasolini heißt: »Überflüssige Dinge machen das Leben überflüssig.«

Es ist Zeit, in unserer Gesellschaft das zu retten, was sich nicht verwenden und was sich nicht funktional rechtfertigen lässt. Es ist Zeit, für die Dinge einzutreten, die keine Zwecke haben, für das Spiel, für die Gedichte, für das Gebet, für das Singen, für die Stille, für alle poetischen Fähigkeiten des Menschen. Sie haben keine Lobby, sie bringen keine Profite. Aber sie stärken unsere Seele. Wir lernen in ihnen loben und wir lernen weinen, wir lernen unsere Seele.

Das Behandlungswissen ist ins Immense gestiegen, und die Gesellschaft macht die Effizienz und die Beherrschung des Lebens zu ihrem einzigen Gott. Wir wissen, wie wir Landschaften, die Tiere und die Luft behandeln können. Das Wasser, der Wald, die Nacht, die Tiere verlieren ihre Stimme und haben keinen Trost mehr für den Menschen, der ihnen nur noch in der Rolle des Züchters, des Beherrschers und des Genießers gegenübertritt. Vielleicht werden wir einmal lernen, »unsere Siege in Leben zu verwandeln« (Christa Wolf), damit wir nicht untergehen.

Fulbert Steffensky

Fulbert Steffensky (71) war Benediktinermönch und konvertierte 1969 zum lutherischen Bekenntnis. Von 1975 bis 1998 war er Professor für Religionspädagogik in Hamburg.

  In der nächsten Ausgabe: Geistliche Trägheit

 

Themenspecial »Die sieben Hauptsünden«

Auf einen Blick: Alle » sieben Hauptsünden finden Sie gesammelt in unserem Themenspecial.

 

DIE 7 HAUPTSÜNDEN

Seit Papst Gregor dem Großen (540-604) spricht man von den sieben Hauptsünden: Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und geistliche Trägheit. Neben der Bezeichnung Hauptsünden nennt man sie auch Wurzelsünden oder Stammsünden. Sie bezeichnen Grundverfehlungen, die das Verhältnis zu Gott oder zu den Menschen in der Wurzel stören.

Es hat eine mittelalterliche Lust gegeben, die Sünden einzuteilen und zu spezifizieren, die der Komik nicht entbehrt: Man hat zwischen Todsünden und lässlichen Sünden unterschieden, zwischen Hauptsünden und himmelschreienden Sünden.

Für den evangelischen Theologen Fulbert sind die Hauptsünden »ethische Grundirrtümer und moralische Fehlhaltungen, aus denen eine Anzahl anderer Sünden entstehen«. Um sie geht es an dieser Sonntagsblatt-Serie.

Fulbert Steffensky

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2005_02_20_01.htm
abgerufen 08.02.2012 - 11:31 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2012, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster