Ohne Sinnlichkeit kein Sinn
Serie »Hauptsünden« (5): Unkeuschheit - oder: Wo die Erotik fehlt
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sob (Repro)
 Gustav Klimt: Der Beethovenfries (Ausschnitt), Wandgemälde im Sezessionshaus in Wien, 1902.
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Lange Zeit haben die Kirchen geglaubt, dass die Hauptsünden im Bett stattfinden. Und so haben sie der Unkeuschheit besonders intensiv nachgespürt. Es gibt eine lustfeindliche Tradition innerhalb des Christentums, der die Sexualität immer schon verdächtig war.
Autoritäre Systeme - und die Kirche war ein solches - sind höchst interessiert an der Regelung der menschlichen Sexualität. Die falsche Auslegung des Keuschheitsgebots hat große Ängste erzeugt. Die hergebrachte christliche Skepsis habe ich vor kurzem auf komische Weise bei einer Zugreise erlebt. In den Abteilen lag die Werbeschrift für keusches Leben einer offensichtlich christlichen Sekte, in der das Wort Erotik immer mit zwei rr geschrieben war, also Errotik wie Error! Aber die Erotik ist kein großer Irrtum, sie ist eine der köstlichen Gaben Gottes.
Die Verdächtigung der Sexualität ist in unserer Gesellschaft nicht mehr das Hauptproblem. Die Störung der Sexualität und ihre Herabwürdigung findet an anderer Stelle statt. Es ist die Allgegenwart, die Billigkeit und die vollkommene Trivialisierung des Sexuellen.
Ein Beispiel: Ich schalte mich ins Internet ein, und - ob ich will oder nicht - es erscheinen zwei parallele Bilder einer nackten jungen Frau, die in einigen Punkten voneinander abweichen. Ich werde aufgefordert, per Mausklick die Abweichungen zu notieren. Der Pfeil auf dem Bildschirm, den ich mit meiner Maus bewege, soll also auf die Brüste, den Schenkel, den Schoß der nackten Frau gerichtet werden. Welche aggressiv-sexuelle Symbolik! Welche Entwürdigung der Frauen. Was üben Männer ein, wenn sie dieses Spielchen treiben? Was lernen sie von ihren eigenen Frauen zu denken, und wie lernen sie, sie zu behandeln? Zur Jagd freigegeben!, lehrt mich das Bild. Jedes Bild enthält eine Art Philosophie des Abgebildeten. Dieses Bild aber lehrt: Die Frau ist Beute und Jagdobjekt.
Die Unkeuschheit besteht also darin, jemanden zum Ding zu degradieren. Ich wundere mich oft über die Geduld der Frauen, die sich nicht aufmachen und diese Bilder von den Wänden reißen. Ich finde sie ja nicht nur im Internet. Wir sind umstellt von diesen widerwärtigen Bildern des Zynismus und der Menschenverachtung. Die Allgegenwart und die Unverhohlenheit des Sexuellen beleidigt nicht nur die Würde der Menschen, sie zerstört die Erotik.
Mir hat ein alter Mann mit wehmütiger Selbstironie die Geschichte seiner ersten Liebe erzählt. Er hat erzählt, wie er seine Geliebte zum ersten Mal in ein Konzert eingeladen hat; wie er davor gebangt und gezögert hat; wie er sie abgeholt und zurückgebracht hat. Während des Konzerts hatte er, so erzählte er, den Schal der geliebten jungen Frau in seinen Händen.
Dieser Mensch, der sich in seinem weiteren Leben durch viele Betten geschlafen hat, sagte: »Das war doch wohl die dichteste erotische Situation, an die ich mich erinnere.« Welche Umwege ist das junge Paar gegangen, bis sie zueinander fanden! Wird es, wenn alle Umwege vermieden werden, das schöne Wort Liebesspiel noch geben? Kommt unsere Seele noch mit bei dieser neuen sexuellen Blitzartigkeit? Alle Vorgänge im menschlichen Leben, die wirklich wichtig sind, brauchen Zeit. Die Langsamkeit ist das Tempo der Seele.
Noch nie konnte man Sexualität so billig sehen, hören, haben wie heute. Die Allgegenwärtigkeit und die ständige Öffentlichkeit von Sexualität im Film, im Fernsehen, in der Werbung entwertet sie, macht sie gewöhnlich und unerheblich. Mit dieser Kultur der sexuellen Grobheit geht eine merkwürdige sinnliche Müdigkeit einher. Schon lange hat man nicht mehr Angst vor dem übergroßen Begehren der Partner, eher vor ihrer erotischen Müdigkeit.
Die Jugendlichen, die sich in den idiotischen Talkshows weitschweifig über ihre Partnerprobleme auslassen, wirken ja eher wie ihre eigenen gestressten Großmütter und Großväter. Von einer Kultur der Erotik kann keine Rede sein.
Könnte es sein, dass wir die alten Worte Keuschheit und Schamhaftigkeit neu bedenken müssen? Mit Keuschheit muss sich nicht der alte Missmut der Sexualität gegenüber verbinden. Es gibt eine Keuschheit, die die Sinnlichkeit fördert, wie es eine sexuelle Grobheit gibt, die sie zerstört. Sinn und Sinnlichkeit hängen nicht nur im Wortstamm zusammen. Ohne eine Kultur der Sinne keine Sinnlichkeit! Ohne Sinnlichkeit keinen Sinn!
Fulbert Steffensky (71) war Benediktinermönch und konvertierte 1969 zum lutherischen Bekenntnis. Von 1975 bis 1998 war er Professor für Religionspädagogik in Hamburg.
In der nächsten Ausgabe: Unmäßigkeit
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Auf einen Blick: Alle » sieben Hauptsünden finden Sie gesammelt in unserem Themenspecial.
DIE 7 HAUPTSÜNDEN
Seit Papst Gregor dem Großen (540-604) spricht man von den sieben Hauptsünden: Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und geistliche Trägheit. Neben der Bezeichnung Hauptsünden nennt man sie auch Wurzelsünden oder Stammsünden. Sie bezeichnen Grundverfehlungen, die das Verhältnis zu Gott oder zu den Menschen in der Wurzel stören.
Es hat eine mittelalterliche Lust gegeben, die Sünden einzuteilen und zu spezifizieren, die der Komik nicht entbehrt: Man hat zwischen Todsünden und lässlichen Sünden unterschieden, zwischen Hauptsünden und himmelschreienden Sünden.
Für den evangelischen Theologen Fulbert sind die Hauptsünden »ethische Grundirrtümer und moralische Fehlhaltungen, aus denen eine Anzahl anderer Sünden entstehen«. Um sie geht es an dieser Sonntagsblatt-Serie.  |