Home
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Das Sonntagsblatt-Blog
Anzeigen-Service
Leserreisen
Zeitvertreib
Leserbriefe
Impressum



    
Heute: 08.02.2012
Aktuelle Ausgabe: 06 vom 05.02.2012
Artikel mit anderen teilen!
Dieser Artikel: Ausgabe 51/2004 vom 19.12.2004
Alle Artikel der » Ausgabe 51/2004 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


Lob des eingeschränkten Zorns

Serie »Hauptsünden« (4): Zorn - warum er der Preis eines gebildeten Herzens ist


Rembrandt: Christus treibt die Wechsler aus dem Tempel, 1626.
Foto: sob (Repro)
   Rembrandt: Christus treibt die Wechsler aus dem Tempel, 1626.

Das Erste soll ein Lob des Zornes sein. Das ist nicht selbstverständlich, denn viel eher lobt man die affektfreie Neutralität, von der man sagt, dass sie den Blick nicht trübt und das Urteil nicht fälscht. Die Behauptung ist falsch, dass man in emotionaler Neutralität ein klareres Urteil habe.

Dorothee Sölle hat Recht: »Die größten und perfektesten Mörder in unserem Jahrhundert sind nicht emotional reich begabte und leidenschaftliche Menschen gewesen, sondern affektarme Bürokraten, die emotionsfrei Befehle ausführten.« Die Justitia mit der Binde vor den Augen ist in der Tat blind: Sie sieht nicht, wen sie beurteilt und verurteilt. Sie sieht keine Umstände und sie ist der Empörung nicht fähig.

Zorn macht einseitig, und Einseitigkeit öffnet die Augen. Wer ohne Vermutung nach Südamerika fährt, kann wundervolle Strände sehen, betörende Sonnenaufgänge erleben, aber er ist nicht in der Lage, einen Armen zu sehen. Er sieht nicht, wo das Recht verletzt wird. Es gibt eine unerlässliche Voreingenommenheit, die die Augen öffnet. Wenn ich nicht voreingenommen bin von dem Wunsch nach Gerechtigkeit, dann nehme ich das Leiden der Gequälten nicht einmal wahr. Voreingenommenheit ist die Bildung des Herzens, die uns das Recht der Armen vermissen lässt. Ein Urteil zu haben, ist nicht nur die Sache des klugen Verstandes und der exakten Schlüsse, es ist eine Sache des gebildeten Herzens.

Das gebildete Herz ist nicht neutral, es fährt auf, wenn es die Wahrheit verraten sieht. Der Zorn ist eines der Charismen des Herzens. Es ist eine der Eigenschaften Gottes, der nicht duldet, dass Menschen verhungern und dass seine Welt gequält wird. Dieser Zorn will niemanden vernichten, wie Gott den Tod des Sünders nicht will. Er will bekehren.

Der verstorbene brasilianische Armenbischof Helder Camara schreibt in einem Gebet: »Lehre mich ein Nein zu sagen, das nach Ja schmeckt!« Der gerechte Zorn verurteilt die Tat, aber bejaht den Täter und will ihn zur Veränderung locken. Er gibt ihm »das Recht, ein anderer zu werden« (Dorothee Sölle).

Als Hauptsünde wird der Zorn bezeichnet, der auf die Vernichtung des anderen aus ist. Dieser Zorn nimmt dem Menschen jede Besinnung. Er reagiert nur noch und ist auf dem Niveau des Animalischen und Primitiven. Wie albern sind die sich für stark haltenden Männer, die ihre Frauen und Kinder tyrannisieren und die ihre Männlichkeit darin sehen, dass andere vor ihnen zittern! Sie zerstören bei ihren eigenen Kindern die Zuversicht in das Leben. Gewiss ist Zorn, Auffahren, Ungeduld, Losschreien auch eine Frage des Temperaments, und oft ist man auch hier nicht Herr seiner selbst. Man vergisst sich.

Wir haben ein wundervolles Mittel, Zerstörungen wieder gutzumachen oder wenigstens zu mildern, das ist die Entschuldigung. Es ist Stärke, sich selber in seiner Schuld zu zeigen, das heißt ja, sich entschuldigen. Ein solcher Mensch hat eine merkwürdige wehrlose Würde. Er geht das hohe Risiko ein, die Verzeihung nicht zu erlangen und vor aller Augen schutzlos und ungeborgen zu bleiben. Wer sich entschuldigt, besteht nicht auf sich selber, auf seiner eigenen Ganzheit und Integrität. Er hat es aufgegeben, sich selber zu rechtfertigen und zu schützen, er zeigt sich in seiner Gebrechlichkeit. Welcher Glaube an die Güte des Seins gehört dazu, dies zu wagen und darauf zu vertrauen, dass man nicht vernichtet wird, wenn man die Dunkelheit der eigenen Seele zeigt.

Die Bitte um Entschuldigung macht auch den Menschen wehrlos, der durch den Zorn des anderen verletzt wurde. Wehrlosigkeit macht wehrlos. Nichts ermöglicht den gebrochenen Frieden so sehr wie das Eingeständnis der Schuld. Der Vergebende hat mit dem Schuldigen gemein, dass er nicht auf sich selber besteht. Er macht seine Verletzung nicht zum Maßstab seines Verhaltens. Er unterbricht sich, und er lässt sich von dem Fehler des anderen nicht tyrannisieren und in seinem Verhalten bestimmen.

Es gehört zum Vergeben die gleiche Souveränität und menschliche Stärke wie zur Bitte um Vergebung. Die Bitte um Entschuldigung und die Vergebung sind nicht die Wiederherstellung alter Zustände. Sie schaffen etwas Neues, das vor dem Konflikt und vor der Verwundung nicht zu denken und nicht zu haben war. Sie schaffen eine neue Zukunft und retten nicht nur die Vergangenheit. Wie lebensstark müssen Menschen sein, denen dies gelingt!

Fulbert Steffensky

Fulbert Steffensky (71) war Benediktinermönch und konvertierte 1969 zum lutherischen Bekenntnis. Von 1975 bis 1998 war er Professor für Religionspädagogik in Hamburg.

  In der nächsten Ausgabe: Unkeuschheit

 

Themenspecial »Die sieben Hauptsünden«

Auf einen Blick: Alle » sieben Hauptsünden finden Sie gesammelt in unserem Themenspecial.

 

DIE 7 HAUPTSÜNDEN

Seit Papst Gregor dem Großen (540-604) spricht man von den sieben Hauptsünden: Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und geistliche Trägheit. Neben der Bezeichnung Hauptsünden nennt man sie auch Wurzelsünden oder Stammsünden. Sie bezeichnen Grundverfehlungen, die das Verhältnis zu Gott oder zu den Menschen in der Wurzel stören.

Es hat eine mittelalterliche Lust gegeben, die Sünden einzuteilen und zu spezifizieren, die der Komik nicht entbehrt: Man hat zwischen Todsünden und lässlichen Sünden unterschieden, zwischen Hauptsünden und himmelschreienden Sünden.

Für den evangelischen Theologen Fulbert sind die Hauptsünden »ethische Grundirrtümer und moralische Fehlhaltungen, aus denen eine Anzahl anderer Sünden entstehen«. Um sie geht es an dieser Sonntagsblatt-Serie.

Fulbert Steffensky

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2004_51_30_01.htm
abgerufen 08.02.2012 - 23:31 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2012, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster