Hilfreicher Zwiespalt
Serie »Hauptsünden« (3): Neid - wie er hilft, sich selbst zu durchschauen

 Die Heimkehr des verlorenen Sohnes, Michael Ghislain Stapleaux, 1822
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Den Neid halte ich für eine verständliche Hässlichkeit. Man kann es ja verstehen, wenn ein Mensch sieht, wie anderen alles gelingt, einem selbst aber ebenso viel misslingt. Man kann es verstehen, wenn einer sieht, wie andere von Freunden umgeben sind, er selbst aber erstickt fast an seiner Einsamkeit. Und vor allem kann man die Bitterkeit verstehen, wenn einer arbeitslos ist und mühsam sein Leben fristet und andere in dieser Gesellschaft werden reicher und reicher. Nein, das ist kein Neid, es ist gerechte Empörung. Und dies »Sozialneid« zu nennen, ist eine der gesellschaftlichen Unverschämtheiten. Wie viel Lebensglück muss ein Mensch erfahren haben, um anderen ihr Lebensglück zu gönnen! Man ist nicht jederzeit Meister seiner Gesinnung, seiner Empfindung und seiner Handlungen.
Dass das Leben einen selber nicht allzu schäbig behandelt hat, ist die Voraussetzung dafür, dass man selber gut zum Leben sein kann. Man ist zwar nicht immer Herr im eigenen Gefühlshaus, aber man ist auch selten völliges Opfer der Verhältnisse. Man kann an sich arbeiten. Man kann sich in seinem Neid durchschauen. Und vielleicht gelingt es ja, nur ein halb-neidischer und wenigstens ein halb-großzügiger Mensch zu werden. Es ist viel gelungen, wenn einem etwas bis zur Hälfte gelingt. Es gibt in den Tugendlehren einen Ganzheitsterrorismus, der uns meistens entmutigt. Dies ist kein Plädoyer für Halbherzigkeit. Aber man soll dankbar sein für das halbe Herz, wenn uns das ganze noch nicht gelingt. Man kann seinen eigenen Gefühlen nicht immer völlig entkommen, aber man kann zwiespältig werden. Wenn wir uns als neidgeplagt erkennen, sind wir schon in einem solchen hilfreichen Zwiespalt.
Mit diesen Bemerkungen will ich den Neid nicht beschönigen. Der Neid ist Missgunst. Das Wort sagt es: Man missgönnt den anderen ihre Möglichkeiten des Lebens. Es ist immer eine Art von Vernichtungswillen im Neid. Von seiner Herkunft enthält das Wort Neid die Bedeutung Hass, Groll, feindselige Gesinnung. Er soll nicht leben, der vom Glück gesegneter ist als ich selber. Sie soll nicht leben, die schöner ist als ich selber! Man bestreitet im Neid anderen das Lebens- und das Glücksrecht. Man kann nichts anderes gelten lassen als sich selber. Der Neid ist also eine extreme Form von Selbstbezogenheit. Die Selbstbezogenheit ist die Urform aller Sünde und sie nimmt Gestalt an in allen anderen Hauptsünden.
Man erlebt manchmal Paare, deren Beziehung vom Geist der Kaufmannschaft geprägt ist. Da sitzen die neidischen Ehekerlchen und berechnen sich und den Partner. Sie notieren, wie oft wer schon die Küche gemacht, eingekauft und das Bad sauber gemacht hat. Jeder sitzt auf seiner Ehepfründe und bewacht seine Rechte, und der Ehefriede ist ein Tauschgeschäft. Zwar ist den Frauen nicht zu verdenken, wenn sie ihre Männer gelegentlich an den Putzeimer und in die Küche treiben. Aber die neidische Berechnung als Grundlage einer Beziehung ist zerstörerisch, die Schönheit ist in dieser Haltung gestorben. Gegen den Neid nenne ich ein altes Wort und eine alte Sache: die Großmut.
Merkwürdigerweise heißt es die Großmut, während es der Hochmut, der Missmut und der Kleinmut heißt. Wie schön ist die Großmut, die nicht zählt und die keine Angst hat, sich selber zu verlieren, immer vorausgesetzt, sie wird nicht einem Liebespartner zudiktiert. In Tugenden kann man nur gemeinsam bewandert sein. Die Alten hatten schöne Wörter für diese Großmut. Sie nannten sie »largitas«, die Lebensbreite. Sie nannten sie »magnanimitas«, die geistige Weite. Der Neid und der Geist der Buchhaltung macht die Großmut zu einer Asylantin in unserem Land.
Fulbert Steffensky (71) war Benediktinermönch und konvertierte 1969 zum lutherischen Bekenntnis. Von 1975 bis 1998 war er Professor für Religionspädagogik in Hamburg.
In der nächsten Ausgabe: Zorn
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Auf einen Blick: Alle » sieben Hauptsünden finden Sie gesammelt in unserem Themenspecial.
DIE 7 HAUPTSÜNDEN
Seit Papst Gregor dem Großen (540-604) spricht man von den sieben Hauptsünden: Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und geistliche Trägheit. Neben der Bezeichnung Hauptsünden nennt man sie auch Wurzelsünden oder Stammsünden. Sie bezeichnen Grundverfehlungen, die das Verhältnis zu Gott oder zu den Menschen in der Wurzel stören.
Es hat eine mittelalterliche Lust gegeben, die Sünden einzuteilen und zu spezifizieren, die der Komik nicht entbehrt: Man hat zwischen Todsünden und lässlichen Sünden unterschieden, zwischen Hauptsünden und himmelschreienden Sünden.
Für den evangelischen Theologen Fulbert sind die Hauptsünden »ethische Grundirrtümer und moralische Fehlhaltungen, aus denen eine Anzahl anderer Sünden entstehen«. Um sie geht es an dieser Sonntagsblatt-Serie.  |