Habgier frisst das Land
Serie »Hauptsünden« (2): Geiz - warum er manchmal eher unser Mitleid als unseren Zorn verdient
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sob (Repro)
 Albrecht Dürer: Alte mit Geldbeutel, 1507, Wien.
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Avaritia ist die lateinische Bezeichnung für diese Hauptsünde. Man kann dies mit Geiz oder mit Habsucht übersetzen. An kaum einer Haltung sieht man so deutlich wie am Geiz, wie Sünde eine Zerstörung der Freiheit und der humanen Schönheit eines Menschen ist. »Ein geiziges Auge trocknet die Seele aus«, heißt es im Buche Jesus Sirach (14,9).
Bei Geiz zögere ich am meisten, ihn eine Sünde zu nennen. Er ist vielleicht näher an der Krankheit als an der Schuld. Kaum irgendwo äußert sich Lebensangst, vielleicht auch Todesfurcht stärker als im Geiz. Man ist gezwungen sich festzuhalten, nichts herzugeben, mit gierigen Händen und angstbesetztem Herzen zu halten, was man hat, und zu erwerben, was man kriegen kann. Es ist die Sucht, sich des Lebens zu versichern durch das Haben.
Der Volksmund spricht vom »Ersticken am eigenen Geiz«. Schlechte Laune, Missmut und Bosheit sind die Zeichen einer inneren Angst, in der das Leben erstickt. Der Geiz zerstört die Freiheit und das Lachen. Ein geiziger Mensch kann nicht genießen. Er muss ja sammeln, aufbewahren, horten und zurückhalten. Er ist niemals ein Heutiger, der Gott danken kann im Genuss des Weins, der Freundschaft und der Liebe. Am liebsten würde er noch die Sonnenaufgänge trocknen und für die Zukunft bewahren. Er hat Angst zu lieben und Angst zu sterben. Lieben und Sterben sind die stärksten Formen, in denen Menschen sich hergeben und aus der eigenen Hand entlassen. Nein, der Geiz, in dem der Mensch an sich selber gefesselt ist und an sich selber zu ersticken droht, verdient eher unser Mitleid als unseren Zorn.
Aber Geiz ist Habgier, und damit tun Menschen sich nicht nur selber etwas an, sondern sie rauben anderen, was sie zum Leben brauchen. In bestimmten Gegenden, in denen Wein angebaut wird, nennt man Nebentriebe am Weinstock, die den Reben die Kraft wegsaugen, den »Geiz«. Ihr Ausschneiden wird auch als »ausgeizen« bezeichnet. Der Geiz ist hässlich, die Habsucht, die nach außen gerichtete Form des Geizes, ist aggressiv.
Vielleicht ist die Habsucht, diese Lebensgier, die gefährlichste Krankheit unserer Zeit. Es ist die Sucht, das Leben garantiert zu sehen durch äußere Dinge, durch Besitzt, Status, Erfolg. Süchte sind schwer zu bekämpfen. Bei der Sucht ist man nicht mehr der Souverän seiner Entscheidung. Man hat seine Freiheit verloren und ist getrieben. Wenn viele süchtig sind, bekommt die Sucht plötzlich ihre Selbstverständlichkeit. Es scheint natürlich, dass einer dem anderen die Lebensmöglichkeit wegschneidet. Die Ellenbogengesellschaft leuchtet plötzlich allen außer ihren Opfern ein. Dies ist viel schlimmer als eine einzelne Sünde. Die Moral ist verloren gegangen, wenn alle dieser Sucht verfallen sind und amoralisch denken und handeln.
Was ist dagegen zu tun? Die Beklagung des moralischen Verfalls hilft nicht viel. Wir müssten lernen, die Schönheit einer anderen Lebensweise zu entdecken. Wie schön ist ein Mensch, der um »Geld, Gut und Ehr« nicht viel gibt; der ein freier Mensch mit einem freien Blick und einem weiten Herzen ist. Man assoziiert Atemnot mit einem engen Herzen. Atmen können heißt leben können. Leben kann, wer sich nicht dazu verdammt, sich in der Besorgung des eigenen Lebens zu erschöpfen.
Wie einsichtig ist eine Gesellschaft, in der Gesetze herrschen, die die Gleichheit der Menschen gebieten und die die räuberische Ausbeutung der Schwächeren verhindern. Tugenden halten sich nicht lange, wenn sie nur auf die Kraft und die Entscheidungen der Einzelnen angewiesen sind. Eine Ethik, die nicht verankert ist im gesellschaftlichen Horizont und im allgemeinen Bewusstsein, bleibt schwach. Darum muss die Ethik, die die Kirche aus ihrer Tradition zu verkünden hat, immer eine politische Ethik werden, sie kann nicht nur ein Appell an Einzelne bleiben.
»Allein bist du klein« ist nicht nur ein politisches Schlagwort, es ist auch eine Wahrheit der Moral. Man kann allein nur schwer ankämpfen gegen die Geläufigkeit des Unrechts. Die Wahrheit und die moralische Einsicht haben es schwer; sie können unhörbar werden, wenn viele Stimmen ihnen widersprechen. Ein Land wird bewohnbar, wenn in ihm das Recht nicht weggefressen wird von der Habgier von wenigen.
Fulbert Steffensky (71) war Benediktinermönch und konvertierte 1969 zum lutherischen Bekenntnis. Von 1975 bis 1998 war er Professor für Religionspädagogik in Hamburg.
In der nächsten Ausgabe: Neid
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Auf einen Blick: Alle » sieben Hauptsünden finden Sie gesammelt in unserem Themenspecial.
DIE 7 HAUPTSÜNDEN
Seit Papst Gregor dem Großen (540-604) spricht man von den sieben Hauptsünden: Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und geistliche Trägheit. Neben der Bezeichnung Hauptsünden nennt man sie auch Wurzelsünden oder Stammsünden. Sie bezeichnen Grundverfehlungen, die das Verhältnis zu Gott oder zu den Menschen in der Wurzel stören.
Es hat eine mittelalterliche Lust gegeben, die Sünden einzuteilen und zu spezifizieren, die der Komik nicht entbehrt: Man hat zwischen Todsünden und lässlichen Sünden unterschieden, zwischen Hauptsünden und himmelschreienden Sünden.
Für den evangelischen Theologen Fulbert sind die Hauptsünden »ethische Grundirrtümer und moralische Fehlhaltungen, aus denen eine Anzahl anderer Sünden entstehen«. Um sie geht es an dieser Sonntagsblatt-Serie.  |