Pfarrer-Bilder in Bewegung
Konfessionelle Rollenverteilung im Fernsehen
Die beliebte Seelsorgerin und allein erziehende Witwe Anja Schneider (gespielt von Barbara Rudnik) verliebt sich in den um zehn Jahre jüngeren Organisten (Benjamin Sadler), ein Melodram, bei dem die Figuren, ihr Dilemma und ihre Umgebung exemplarisch stehen für gesellschaftliche Meinungen, Klischees und Vorstellungen: Ein Dorf arbeitet sich am Privatleben seiner Pfarrerin ab.
Wo früher Don Camillo und Pater Brown das pastorale Geschäft erledigten, im Kampf mit dem Bürgermeister, dem Bischof und dem Verbrechen, da haben heute die Frauen die tragende Rolle in der Gemeinde übernommen.
Überaus erfolgreich spielt Jutta Speidel die aufmüpfige Nonne in: »Um Himmels willen«. Die ARD erzielt Traumquoten (sieben Millionen Zuschauer) mit der Wiederauflage des Don Camillo-Spiels, wenn Schwester Lotte in jeder Folge ihr Kloster, die Ehre der Kirche und die Würde des Glaubens vor einem gierigen, korrupten, aber irgendwie bedürftigen Bürgermeister (Fritz Wepper) retten muss.
Das uralte Konzept funktioniert immer noch: das Gegenüber von Gottesgerechtigkeit und der Menschen Recht, der Kampf um das kleine Stück Himmel auf Erden, in dem die Uhren und die Herzen anders schlagen als sonst überall auf der Welt.
Schwester Lotte ist edel, streitbar, warmherzig, geschickt, intelligent und lebensklug und meistert ihr eigenes Leben und das der anderen mit Witz und Verstand. Mit Gottes Hilfe die Probleme der Welt zu lösen - das ist ihr Skript. Ganz anders die evangelische Kollegin, sie hadert mit ihrem Leben zwischen Pfarrerrolle und Einsamkeit, zwischen Mutterschaft und scheinbarer Unberührbarkeit.
Bis heute sind Geistliche beliebte Filmfiguren. Sie stehen für innere Konflikte mit der aufgetragenen Rolle, sie scheitern am Zölibat, sie wachen über das Beichtgeheimnis, sie zweifeln an sich selbst, ihrem Auftrag und ihrem Gott. Die Rollenverteilung allerdings ist konfessionell klar - auch wenn die geistliche Rolle heute öfter mal von Frauen übernommen wird: Die katholische Geistlichkeit widmet sich der Problemlösung anderer, die evangelische Geistlichkeit hat Probleme und muss erst einmal das eigene komplizierte Leben auf die Reihe bringen.
Das befestigt Vorurteile: Evangelische Geistliche seien stärker ins Leben verwickelt, weil sie Kinder haben und Ehekrach, katholische Geistliche hingegen frei für die Welt.
Für beide Konfessionen gilt jedoch in gleichem Maße, dass der Pfarrer in der Perspektive der Kino- und Fernsehfilme immer schwächer als Vertreter einer Institution agiert und immer deutlicher als Individuum gezeichnet wird. Als ein einsamer Mensch, der glaubt und versucht, zu diesem Glauben zu stehen, der zweifelt und damit kämpft, seine Zweifel zu bestehen. | MEDIEN-KOLUMNE
Johanna Haberer, vormalige Chefredakteurin des Sonntagsblattes, ist Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät Erlangen und Sprecherin des » Wort zum Sonntag«. In ihrer monatlichen Kolumne beobachtet sie die Medienlandschaft.
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