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Dieser Artikel: Ausgabe 48/2004 vom 28.11.2004
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Einzigartig ins Verderben

Serie »Hauptsünden« (1)


Stolz - oder die Unfähigkeit, seine Bedürftigkeit einzugestehen

Egon Schiele: Selbstporträt, 1912, Wien, Sammlung Leopold.
Foto: sob (Repro)
   Egon Schiele: Selbstporträt, 1912, Wien, Sammlung Leopold.

Zwei Momente liegen im gefährlichen Hochmut. Einmal: sich selber genug sein wollen. Zum anderen: sich selbst für das Wichtigste halten.

Sich selber genügen wollen, von niemandem abhängig zu sein, der anderen und Gottes nicht zu bedürfen - das ist, was Paulus im Römerbrief (8. Kapitel) das Leben aus dem Fleisch nennt. Es ist die verzweifelte Anstrengung, sein eigener Herr und Meister zu sein, sein eigener Liebhaber und sein eigener Vergeber.

Aber man ist bei sich selbst nicht gut aufgehoben. Je geistiger ein Wesen ist, umso bedürftiger ist es und umso fähiger ist es, sich seine Bedürftigkeit zuzugeben.

Sich die eigene Bedürftigkeit zuzugestehen, das nennt Paulus Leben aus dem Geist. Wir brauchen nicht auf uns zu bestehen und uns selber zu bezeugen. »Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind« (Römer 8,16). Wir gelingen nicht aus eigener Kraft, sondern weil wir angesehen sind vom Blick der Güte.

Die Schauspielerin Hanna Schygulla hat kürzlich in einem Interview gesagt: »Ich schaue nicht mehr so gerne in den Spiegel. Denn die Augen, die mich da ansehen, sind nicht die Augen, in denen ich am besten aufgehoben bin.«

Wir sind aufgehoben in anderen Augen als den eigenen, in den Augen Gottes, aber auch in den Augen unserer Freunde und der Menschen, die uns lieben. Damit sind wir befreit von Zwang, uns selber zu bergen und uns selber zu genügen. Das ist der Grund von Freiheit und Lebensheiterkeit. Wir müssen uns nicht erjagen, denn wir sind schon angesehen, ehe wir ansehnlich sind. Es ist nicht leicht, dem verzweifelten Hochmut zu entkommen, der nicht zulassen will, dass man sich von anderen Broten ernährt als von denen, die man selber gebacken hat. Es ist nicht leicht, sich trösten zu lassen. Es ist nicht leicht, sich zu verdanken und sich in anderen Händen zu bergen als in den eigenen.

Die Gewalt liegt dem Hochmut nahe, der versucht, sich bei sich selber zu bergen. Es ist zunächst die Gewalt gegen sich selber, mit der man der eigenen Ganzheit und Unabhängigkeit nachjagt.

Welche Gewalt tut unser Stolz, in dem wir uns für einzigartig halten, der Welt unserer Kinder und Enkel an! Werden sie noch Flüsse haben, in denen sie baden können? Werden sie noch Luft haben, die unverdorben ist? Werden sie noch eine heile Natur kennen, die sie Gott loben lehrt? Wir neigen dazu, wenn wir von Schuld und Sünde reden, diese nur im privaten Raum zu suchen und sie als Mängel der einzelnen Subjekte zu sehen. Dieser die Gewalt gegen andere gebärende Stolz nistet nicht nur in den Herzen von Einzelnen. Er kann sich objektivieren in den politischen Strukturen unserer Gesellschaft.

Kollektive Sünden

Sich für einzigartig halten, ist nicht nur das Laster von Einzelnen. Für einzigartig können sich Völker halten in ihrem Rassismus. Sich für einzigartig halten können Gesellschaften, die die Zukunft ihrer eigenen Nachkommenschaft nicht mehr denken können. Wie kommt es, dass die Großväter und Großmütter nicht auf die Straße gehen, wenn sie die Zerstörung der Meere erleben, an deren Stränden sie doch so gerne mit den Enkeln in Urlaub sind?

Der Hochmut sieht sich nicht mehr als lebendiger Teil eines Ganzen, verbunden mit allen und fürsorglich für alle. Der Stolz macht blind für alles, was man nicht selber ist. Es ist verständlich, dass die Tradition ihn zu einer Wurzelsünde erklärt hat. Eine der schönsten Eigenschaften der Humanität frisst die stolze Selbstbezogenheit auf - die Sorge. Man ist nur so lange Mensch, als man sich erinnern kann, woher man kommt und wem man sich verdankt. Wir sind nur so lange Mensch, als wir vorsorgen können für die, die nach uns kommen.

Fulbert Steffensky

Fulbert Steffensky (71) war Benediktinermönch und konvertierte 1969 zum lutherischen Bekenntnis. Von 1975 bis 1998 war er Professor für Religionspädagogik in Hamburg.

  In der nächsten Ausgabe: Geiz

 

Themenspecial »Die sieben Hauptsünden«

Auf einen Blick: Alle » sieben Hauptsünden finden Sie gesammelt in unserem Themenspecial.

 

DIE 7 HAUPTSÜNDEN

Seit Papst Gregor dem Großen (540-604) spricht man von den sieben Hauptsünden: Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und geistliche Trägheit. Neben der Bezeichnung Hauptsünden nennt man sie auch Wurzelsünden oder Stammsünden. Sie bezeichnen Grundverfehlungen, die das Verhältnis zu Gott oder zu den Menschen in der Wurzel stören.

Es hat eine mittelalterliche Lust gegeben, die Sünden einzuteilen und zu spezifizieren, die der Komik nicht entbehrt: Man hat zwischen Todsünden und lässlichen Sünden unterschieden, zwischen Hauptsünden und himmelschreienden Sünden.

Für den evangelischen Theologen Fulbert sind die Hauptsünden »ethische Grundirrtümer und moralische Fehlhaltungen, aus denen eine Anzahl anderer Sünden entstehen«. Um sie geht es an dieser Sonntagsblatt-Serie.

Fulbert Steffensky

 


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abgerufen 08.02.2012 - 11:50 Uhr

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