Die sieben Hauptsünden
Warum seine Schuldfähigkeit dem Menschen Würde verleiht
Ob vermeintlich fromme Verallgemeinerung der Sünde oder ihre moderne Leugnung - beides lässt den Menschen sich selbst verfehlen und verhindert »Bekehrung«.
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 Fulbert Steffensky
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Einmal habe ich in New York mit einem Freund, der Pfarrer in einem der großen Gefängnisse war, einen jungen Schwarzen besucht, der seine Mutter umgebracht hatte. Der Freund redete voller Verständnis mit dem Gefangenen. Er erinnerte ihn an den Alkoholismus seines Vaters; an den Stadtteil, aus dem er kam, in dem die Gewalt groß war und wo die Armut die Menschen erniedrigte.
Er sagte ihm, dass eigentlich nicht er der Täter sei, sondern die bösartigen Verhältnisse. Der Mann schrie den Pfarrer plötzlich an: »Nein! Ich habe meine Mutter umgebracht und nicht die Verhältnisse!« Was hat der Pfarrer getan? Was hat der junge Schwarze geantwortet? Der Pfarrer war voller Mitleid und er wollte das Schuldgefühl des Mannes mildern. Der aber bestand darauf, Autor seiner eigenen Tat zu sein. Er ließ sich nicht in Unzuständigkeit hineinreden. Er bestand auf der Würde, Subjekt seines eigenen Lebens zu sein. Er bestand auf der Würde der Schuld. Er bestand auf seiner Freiheit, auch wenn er sie missbraucht hatte.
Hilfreiche Ohnmacht
Es ist im Laufe der Geschichte viel Schindluder getrieben worden mit den Begriffen Sünde und Schuld. Man hat die Sünde auf falsche Weise personalisiert und privatisiert. Man hat vergessen, dass es gesellschaftliche Strukturen gibt, die die Sünden der Menschen beinahe unausweichlich machen. Man hat Sünde vor allem im Sexualbereich aufgespürt. Man hat die Totalität und die Allgemeinheit der Sündigkeit aller Menschen vor Gott so übertrieben, dass die einzelne Sünde schon beinahe nicht mehr zählte. Die Sünde wurde abstrakt und allgegenwärtig. Die Entscheidungen des Menschen wurden unerheblich, »weil wir ja doch, wie immer wir handeln, Sünder vor Gott bleiben!« Das war eine hilfreiche Ohnmacht, die den Menschen vor der Bekehrung schützte, und dies war vor allem die Gefahr im protestantischen Raum.
Das war die alte Gefahr. Es gibt eine neue Gefahr für die Humanität und die Autonomie des Menschen. Es ist die Leugnung der Schuldfähigkeit und das Verschweigen des Begriffes Sünde. Sünde und Schuld sind Würdebegriffe. Sie sagen aus, dass der Mensch kein Rädchen in einem fatalen Laufwerk ist, das zwar Pannen haben, das aber nicht schuldig werden kann. Was heißt das für unsere eigene Würde, wenn sündigen nur noch bedeutet, eine Bratwurst am Bahnhof zu essen, obwohl man doch abnehmen wollte?
Nach dem Krieg haben sich viele selbst verachtet und sich selber die Schuldfähigkeit abgesprochen, indem sie sich als Rädchen im Ganzen beschrieben haben; sie konnten ja nichts machen, sie haben ja nur gehorcht und Befehle ausgeführt. Auch hier die Flucht in die hilfreiche Ohnmacht. »Ich bin´s nicht!«, sagte Petrus, als er Christus im Hofe des Hohen Priesters verleugnete. »Ich bin´s, der dich geschlagen!«, singt die Frömmigkeit und sagt der Mensch, der sich nicht entwürdigt und nicht vor sich selber flieht. Solange wir den Menschen als Person auffassen, solange können wir nicht verzichten auf die Begriffe Sünde und Schuld.
Es hat immer Einteilungen der Sünde nach ihrer Schwere und nach ihrer Zerstörungskraft gegeben. In der hebräischen Bibel waren es Sünden, die sich unmittelbar gegen Gott richteten, wie Gotteslästerungen und Götzendienst, aber ebenso die Sünden sozialer Ungerechtigkeit gegenüber den Schwachen der Gesellschaft, den Armen, Witwen, Waisen, Sklaven, Fremden und Alten. Auch das Neue Testament kennt Hauptverfehlungen. Im 1. Johannesbrief (2,16) werden als solche die Fleischeslust, die Augenlust und das stolze Leben angegeben. Aber erst seit Papst Gregor dem Großen (540-604) spricht man von den sieben Hauptsünden: Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und geistliche Trägheit. Von ihnen soll in dieser Serie die Rede sein. |
Auf einen Blick: Alle » sieben Hauptsünden finden Sie gesammelt in unserem Themenspecial.
ZUR PERSON
FULBERT STEFFENSKY wurde 1933 in Rehlingen/Saar geboren. Er absolvierte zunächst ein Studium der katholischen und evangelischen Theologie und lebte 13 Jahre lang als Benediktinermönch.
1969 konvertierte Steffensky zum lutherischen Bekenntnis und heiratete die 2003 verstorbene evangelische Theologin Dorothee Sölle.
Von 1975 bis 1998 war Steffensky Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg. Er ist Autor zahlreicher Bücher.  |