»Es war meine Pflicht als Christ«
Gerechter unter den Völkern: Der Flossenbürger Herbert Herden wird mit der Yad-Vashem-Medaille ausgezeichnet
Herbert Herden war im Zweiten Weltkrieg Polizist beim Nachrichtendienst im besetzten Krakau. Unter Einsatz seines Lebens rettete er Juden vor der Deportation. Jetzt, 60 Jahre danach, wurde er ausgezeichnet.
 Foto:
Neumann
 Herbert Herden mit Ehefrau Ingeborg beim Spaziergang vor der KZ-Gedenkstätte in Flossenbürg
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Knapp sechs Jahrzehnte sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen. Das schreckliche Kapitel deutscher Geschichte weist Facetten auf, die zum Schlimmsten zählen, was sich Menschen ausdenken können. Die Verfolgung und Ermordung von Juden gehört dazu. Herbert Herden zählt zu den wenigen, die nicht zu- oder wegschauten.
Am 8. Januar 2005 wird Herbert Herden 90 Jahre alt. Sein hohes Alter lässt sich nicht so leicht erkennen. Er ist körperlich und geistig fit, auch wenn ihm der Termin am 4. November »an die Nieren« ging. An jenem Donnerstag wurde ihm im Flossenbürger Rathaus die Yad-Vashem-Medaille verliehen.
Juden und Polen spielten vor mehr als sechs Jahrzehnten eine wichtige Rolle im Leben von Herden. Der gebürtige Aylsdorfer (Sachsen-Anhalt) leistete in der von den Deutschen besetzten polnischen Stadt Krakau Dienst als Polizist beim Nachrichtendienst. Der junge Beamte hatte aber, auch wenn er das nicht offen kundtun konnte, für die Ideen der Nationalsozialisten nichts übrig.
Herden nutzt Möglichkeiten, die sich ihm aus den weitgehend selbstständig zu bearbeitenden Aufgaben eröffnen, ganz und gar nicht im Sinne des Terrorregimes. Er arbeitet mit Widerstandsgruppen zusammen, um Juden und Polen vor der Verhaftung zu schützen. Die jüdische Familie Lieber versteckt er sogar in der ihm zugewiesenen Wohnung. Die Liebers kehren damit in ihre eigenen Räume zurück. Sie gehörten vor dem Einmarsch der Deutschen ihnen.
»Genau weiß ich das nicht mehr, aber 20 Menschen werden es schon gewesen sein, die ich retten konnte«, erinnert sich Herden. Im Sommer 1944 gerät er selbst in die Fänge des Systems. Er wird denunziert, von der Gestapo verhaftet und in das KZ Dachau eingeliefert. Zivilcourage beweist er auch nach dem Krieg. Immer wieder gerät er in Konflikt mit dem kommunistischen Regime der »Ostzone«.
Den ihm vom Vertreter der israelischen Botschaft in Berlin, Amit Gilat, verliehenen Titel »Gerechter unter den Völkern« sieht Herden als Genugtuung. Nicht weil damit seine Person in den Mittelpunkt rücke, sondern weil ein Handeln aus dem Glauben, aus dem Mitgefühl für andere Menschen und aus dem Willen, gegen Unrecht aktiv einzutreten, quasi eine »offizielle Bestätigung« bekomme: »Es war meine Pflicht als Christ«.
Behauptungen, man hätte nichts gegen die Nazis tun können, lässt der 89-Jährige, für den zusammen mit Ehefrau Ingeborg Flossenbürg zur neuen Heimat wurde, nicht gelten. Ein Mehr an Mut und ein Mehr an christlichen Grundwerten wäre angebracht gewesen. Darüber lasse sich in der Gegenwart aber wohl nur noch spekulieren.
Engagement bewies Herden im Übrigen nicht nur in Krakau, sondern auch in Flossenbürg. Über Jahre hinweg suchte er den Kontakt zu den Besuchern der örtlichen KZ-Gedenkstätte. Ihm lag es am Herzen, den Menschen vor Augen zu führen, dass die »theoretische« Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht ausreicht. Es gehe immer auch um persönliche Schicksale - in Krakau ebenso wie bei den rund 130000 Häftlingen des Konzentrationslagers in Flossenbürg. | INFORMATION
»Gerechter der Völker«
Herbert Herden (89) zählt neben Oskar Schindler zu den 400 Menschen in Deutschland, denen die Auszeichnung »Gerechter der Völker« verliehen wurde. Weltweit sind es rund 20000.
Der vom staatlichen israelischen Institut Yad Vashem verliehene Ehrentitel stellt die höchste staatliche Auszeichnung dar, die ein Nicht-Jude erhalten kann. Beim Anforderungsprofil liegt die Messlatte hoch. Ausgewählt werden Menschen, die während der Zeit der Verfolgungen des Nationalsozialismus mit außergewöhnlichem Engagement Juden halfen - ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit.
www.yadvashem.org
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