Versuchung und Gewissen
Volker Schlöndorffs Film »Der neunte Tag«
Ein Priester auf »Urlaub« vom Konzentrationslager, hineingeworfen in ein existenzielles Duell mit einem Gestapo-Mann: Volker Schlöndorffs Film »Der neunte Tag« basiert auf den Tagebuch-Aufzeichnungen eines ehemaligen Häftlings des Dachauer Pfarrerblocks. Am 11. November kommt die Geschichte um Versuchung und Verrat in die Kinos.
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Progress Film
 Der Versucher lässt die Maske fallen und droht, den Abbé zu erschießn. Tödlich gescheitert sein wird am Ende jedoch der SS-Mann.
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Grau das Licht, grau die Wintertage, grau die Kleidung der Häftlinge im Pfarrerblock des KZ Dachau, grau und lichtlos die Bilder von Volker Schlöndorffs neuem Film »Der neunte Tag«. Sie lenken den Blick auf ein inneres Geschehen: auf das Duell zwischen dem luxemburgischen Priester Henri Kremer (Ulrich Matthes) und seinem Widersacher, dem luxemburgischen Gestapo-Chef Gebhardt (August Diehl).
Der Hintergrund: In einer glühenden theologischen Streitschrift hat der Luxemburger Geistliche den nationalsozialistischen Rassenwahn als unchristlich und widergöttlich demaskiert. Das trägt ihm Verhaftung und Deportation nach Dachau ein. Er ist einer der über 2600 Geistlichen aller Konfessionen, die in Dachau inhaftiert waren - dabei besser verpflegt und behandelt als die anderen Häftlinge, um deren Hass auf die »Pfaffen« zu schüren.
Das Unglaubliche geschieht: Kremer erhält Urlaub von der Hölle, darf den Pfarrerblock für neun Tage verlassen, reist nach Hause zu seiner Familie, nach Luxemburg. Garanten seiner Rückkehr sind 18 luxemburgische Mitbrüder, die als Geiseln sterben werden, sollte Kremer fliehen.
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Progress Film
 Ulrich Matthes ist derzeit nicht nur als Abbé Kremer im Kino zu sehen, sondern mit dem gleichen stechenden Blick auch als Joseph Goebbels in Bernd Eichingers Bunkerdrama »Der Untergang«.
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In der geborgten Freiheit erwartet den Priester sein ganz persönlicher Versucher in Gestalt des SS-Untersturmführers Gebhardt. Kremer soll widerrufen, den luxemburgischen Bischof zur öffentlichen Kooperation mit den Nazis bewegen. Ein Karrierist ist dieser Gebhardt, eine Mephisto-Gestalt. Eine gebrochene Gestalt auch, einer, der durchaus selbst an Gott zu glauben scheint: Gebhardt gibt sich als abgebrochener Theologe zu erkennen, der kurz vor der Priesterweihe die SS-Uniform gewählt hat - bestochen von den Möglichkeiten der Macht. Ein Exeget des Judas, der lockt, der argumentiert, der droht, der ängstigt. Abbé Kremer steht nicht nur vor der Entscheidung über sein eigenes Leben, sondern auch vor der über das seiner Familie und seiner Mitbrüder.
Oscar-Preisträger Schlöndorff entfaltet damit ein fesselndes und abgründiges Spiel um Versuchung und Gewissen, das auf einer historischen Begebenheit beruht: In »Pfarrerblock 25487«, das dem Drehbuch zu Grunde liegt, schildert der luxemburgische Pater Jean Bernard seinen »Urlaub« vom KZ Dachau im Februar 1942.
Schlöndorff, als Kind Schüler bei französischen Jesuiten-Patres, versteht seinen Film durchaus als »Hommage« an die »sehr weltlichen, unglaublich interessierten« Geistlichen, die ihn in seiner Jugend prägten.
In Schlöndorffs Film ist für Abbé Kremer im entscheidenden Moment keine Hilfe von außen zu erwarten, nicht von der Familie, nicht von seinem Bischof. Auch Gott scheint stumm zu sein. - Und spricht doch in der Gewissensentscheidung des Abbé Kremer und in dessen tiefer Menschlichkeit. |