Pionier der deutsch-französischen Aussöhnung
Vor 100 Jahren wurde Abbé Franz Stock geboren
Sein Leben war von der Liebe zu Frankreich bestimmt. Im Zweiten Weltkrieg war er der Seelsorger zur Hinrichtung bestimmter französischer Widerstandskämpfer. Später baute er in Chartres ein theologisches Seminar für deutsche Kriegsgefangene auf. Abbé Franz Stock starb mit nur 43 Jahren und wurde 1948 in einem Massengrab für deutsche Soldaten verscharrt.
 Foto:
sob
 Für viele Franzosen ein »guter Deutscher« in böser Zeit: Franz Stock
|
Seine Leidenschaft war das Malen, nur fand er selten die Muße dazu. Wenige Monate vor seinem Tod schuf er einen erschütternden Christuskopf, ein dornengekröntes Elendsgesicht, in dem sich Leiden und Aggressionen der Kriegsgeneration spiegeln. Das Bild entstand in einem merkwürdigen Kriegsgefangenenlager, einem Seminar für inhaftierte deutsche Theologen in Le Coudray bei Chartres, und der Maler war Abbé Franz Stock, der Priester, in dessen Verehrung sich Frankreich und Deutschland schon unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg trafen. Vor hundert Jahren, am 21. September 1904, kam er in Neheim-Hüsten im Sauerland zur Welt; 1948 ist er gestorben, im Alter von gerade 43 Jahren.
Prägend für ihn waren die Herkunft aus einer kinderreichen Arbeiterfamilie und die katholische Jugendbewegung (Quickborn). Mit deutsch-französischen Jugendgruppen durchwanderte er Provence und Bretagne, überall die schönsten Landschaften auf die Leinwand bannend. Die begeisterte Liebe zu Frankreich hat er nie mehr verloren; schon als Student verbrachte er drei Semester in Paris, und kaum zum Priester geweiht, mit 30 Jahren, ließ er sich als Rektor der deutschen Gemeinde erneut in der französischen Hauptstadt nieder.

 »Er (Franz Stock) war einer der ersten, die verstanden, dass Versöhnung eine Geisteshaltung ist, etwas, das jeden Tag neu gewonnen werden will. Sie beruht nicht auf der Ablehnung der Geschichte, sondern auf der Fähigkeit, die Lehren aus ihr zu ziehen und darüber hinauszugehen.«
Jacques Chirac, französischer Staatspräsident
|
Einfach war die Tätigkeit als Auslandsseelsorger nicht. 1934, als er die St. Bonifatius-Gemeinde übernahm, gab es dort bereits eine Menge rassisch und politisch Verfolgter. Von Anfang an geriet Franz Stock in eine nervenaufreibende Zwickmühle zwischen seiner Seelsorgeauffassung und den Interessen der deutschen Botschaft. Um so entschiedener setzte er sich - später unter den misstrauischen Augen brauner Parteibonzen und wachsamer Gestapo-Spitzel - für eine Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen ein.
Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs musste Stock zurück nach Deutschland und wirkte in Westfalen und Sachsen, doch er dachte überhaupt nicht daran, sich von seiner Lebensaufgabe abbringen zu lassen. Schon im Herbst 1940 finden wir ihn wieder in Paris, und zwar in den überfüllten Gefängnissen. Bald befanden sich zwei Millionen Franzosen in Lagern und Haftanstalten, Widerstandskämpfer, Geiseln, Frauen und Männer, viele ohne ordentliches Gerichtsverfahren, viele ohne jede Schuld. Abbé Stock tröstete, sprach Mut zu, hörte sich Lebensgeschichten an, trug Botschaften zwischen den Inhaftierten und ihren Angehörigen draußen hin und her. Die Menschen in den Lagern und Gefängniszellen gaben ihm einen Beinamen, schöner als jeder blitzende Orden: »Erzengel in der Hölle«.

 »Abbè Stock hat immer sein Heimatland genau so sehr geliebt wie er Frankreich liebte. Als deutscher Seelsorger wollte er der Bruder der französischen Geiseln und Widerstandskämpfer werden. Viele sahen ihn als ihren Bruder an, egal ob sie katholisch oder gläubig oder gar nichts waren.«
Jean-Marie Kardinal Lustiger, Erzbischof von Paris
|
Die deutschen Behörden schickten ihn zu den zum Tod Verurteilten und machten ihn auch noch zum nebenamtlichen Militärpfarrer - eine seltsame Aufgabenkombination, der er mit seiner Fähigkeit gerecht zu werden suchte, sich auf jeden Gesprächspartner individuell einzustellen. Wie belastend und zermürbend der ständige Umgang mit Todgeweihten gewesen sein muss, wie sehr er unter dem Bewusstsein litt, den Opfern der Kriegsmaschinerie und des neugermanischen Rassismus letztlich nicht helfen zu können, verraten Äußerungen wie: »Ich bin wohl der einzige Priester in Europa, der so viele Hinrichtungen hat miterleben müssen.« Nach seinem Tod hat man genau nachgerechnet und ist auf die makabre Zahl von rund zehntausend Menschen gekommen, die Franz Stock zur Exekution begleitet hat.
»Umarmte mich und starb betend im Gedenken an seine Frau und die Kinder.« - »Hatte Totenzettel von seinem verstorbenen Sohn (20 Jahre) bei sich.« - »Als ich ihm den letzten Segen gab, sagte er nur, nachdem er mich umarmt hatte: 'Stellen Sie sich hinter die Soldaten, damit ich Sie sehe.'« - Beklemmende Tagebuchaufzeichnungen des Priesters aus jener finsteren Zeit. »Ich meine oft, ich könnte nicht mehr«, gestand er in einem desillusionierten Brief. »Was ich hier erlebe, ist so furchtbar, dass ich nächtelang schlaflos liege.«
Als die alliierten Truppen in Paris einmarschierten, kam der Gefängnis-Abbé selbst in Haft. Ab Frühjahr 1945 baute er das eingangs erwähnte Seminar für kriegsgefangene Theologen aus fast allen deutschen Bistümern auf, zunächst in Orléans, dann in die Nähe von Chartres verlegt. Bis zu 500 junge Leute waren hier inhaftiert und studierten mit Feuereifer Kirchengeschichte, Dogmatik, Moraltheologie, philosophische Grundfragen, natürlich auch die französische Sprache - unter elenden äußeren Bedingungen, mit einem Minimum an Lehrmaterial und Büchern. Gesamtzahl der Studenten hinter Stacheldraht über die Jahre hinweg: mehr als 900!
Hier lernte der Pariser Nuntius Angelo Roncalli den Abbé Stock kennen, weihte zwei Neupriester und wünschte sich, das Seminar, das Deutschland wie Frankreich zur Ehre gereiche, möge ein »Zeichen der Verständigung und Versöhnung« werden. Dreizehn Jahre später wurde der Nuntius zum Papst gewählt. Angelo Roncalli hieß jetzt Johannes XXIII., aber den inzwischen verstorbenen Abbé Stock hatte er nicht vergessen. Roncalli: »Franz Stock, das ist nicht nur ein Name, das ist ein Programm!«
Ende 1947 löste man das Seminar auf. Abbé Stock, längst furchtbar geschwächt und von der Arbeit im Angesicht des immer gegenwärtigen Todes verbraucht, kümmerte sich die letzten Monate seines langsam verlöschenden Lebens um deutsche Zivilarbeiter.
Am 24. Februar 1948 starb er - keine 44 Jahre alt - einsam in einem Pariser Krankenhaus an einem Lungenleiden. Als er vier Tage später beerdigt wurde, folgte nur ein knappes Dutzend Menschen seinem Sarg. Zwischen Unkraut und Brennnesseln wurde sein Sarg in ein Grab des ausgedehnten Friedhofs Thiais im Süden von Paris gelassen - neben vielen dort beerdigten deutschen Soldaten. Die Behörden hatten verboten, den Tod, die Stunde und den Ort der Beerdigung bekannt zu geben. Niemand von der Familie konnte an der Beisetzung teilnehmen. Franz Stock blieb der Militärbehörde unterstellt und bekam nie seinen Personalausweis zurück.
Nuntius Roncalli schaffte es dennoch, dabei zu sein. Später bekam Franz Stock einen Gedenkstein und ein Einzelgrab. 1963, bei der Umbettung seiner sterblichen Überreste nach St. Jean Baptiste in Chartres, beteten Tausende, Franzosen und Deutsche, gemeinsam für den Frieden. |  |