Das Böse bekommt ein Gesicht
»Der Untergang« - Hitlers letzte Tage im Kino
Von
Rudolf Worschech
Das Ende des Dritten Reichs nicht als Schwarz-Weiß-Dokumentation, sondern als vierfarbiger Spielfilm: »Der Untergang« wird den Kinogängern buchstäblich unter die Haut fahren - eine moralische Herausforderung ans Publikum
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Constantin Film
 »Das ist wirklich Hitler« - Schauspieler Bruno Ganz als Hitler-Darsteller in »Der Untergang«.
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Der alte Diktator sitzt auf dem Bett in seinem letzten Unterschlupf, den labyrinthischen Katakomben des »Führerbunkers« unter der Reichskanzlei. »Das Schicksal wollte es nicht anders«, räsoniert Adolf Hitler, ein paar Tage oder Stunden vor dem Tod. Der Schauspieler Bruno Ganz, sonst in ganz anderen kinematographischen Gefilden zu Hause, ist die perfekte Verkörperung dieses Tyrannen. »Der Untergang« von Regisseur Oliver Hirschbiegel beschreibt - nach einem kurzen Prolog im Jahre 1942 - die Zeit vom 20. April 1945, Hitlers 56. Geburtstag, bis zum 2. Mai 1945.
Das »Dritte Reich« ist ein Dauerthema im deutschen Film der vergangenen Jahre. Selten zuvor haben sich deutsche Regisseure aber so intensiv mit der Nazi-Diktatur beschäftigt wie in der letzten Zeit. Nach »Der Untergang«, der am 16. September in die Kinos kommt, folgt im Oktober Dennis Gansels »Napola« über eine NS-Eliteschule. Im Fernsehen liefen Jo Baiers »Stauffenberg« und davor Kai Wessels »Goebbels & Geduldig«. Heinrich Breloer arbeitet derzeit an dem semidokumentarischen Opus »Speer & Er«.
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Constantin Film
 Drinnen im Bunker, draußen der Krieg: »Der Untergang« zeigt den Bunker als abgeschottetes System gegenüber einer Umwelt, die im Feuersturm der letzten Tage verglüht.
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Aber kein Film dürfte in Aufwand und Anspruch den »Untergang« übertreffen, den Hirschbiegel nach einem Drehbuch des Produzenten Bernd Eichinger inszeniert hat. Man kann den Filmemachern sicherlich nicht vorwerfen, dass sie die im Führerbunker eingeschlossenen NS-Größen glorifizieren. Hitler, in der bravourösen Darstellung von Ganz, ist ein paranoides Männlein, das mit Heeresteilen jongliert, die es gar nicht mehr gibt, Goebbels ein aalglatter Technokrat.
Aber stellt der Film den Diktator nicht auch als Mann mit kühnen künstlerischen Visionen dar? Von Germania, der Stadt, die er anstelle des in Schutt und Asche gelegten Berlins zusammen mit Albert Speer errichten will. Und Speer, als Rüstungsminister verantwortlich für Tausende Tote, erscheint als ganz patenter und loyaler Typ, der dem Führer mitteilen muss, dass er schon lange gegen dessen Politik der verbrannten Erde arbeitet. Auch bei der im »Führerbunker« versammelten Generalität stehen sich Gut und Böse gegenüber, vermischen sich Skeptiker mit Parteigängern.
Gerade die Darstellung der Wehrmachtsführung unterscheidet den »Untergang« von einem anderen deutschsprachigen Film über des Führers letzte Tage: 1955 drehte G.W. Pabst »Der letzte Akt«, in dem ein junger Offizier (Oskar Werner) Entsatz für seine eingeschlossene Truppe verlangt.
Pabst entgeht dem damals oft unternommenen Versuch der Rehabilitation der Wehrmacht, indem er den Generalstab als feige Speichellecker zeigt.
Er hat seinen Film als klaustrophoben Totentanz in Szene gesetzt, mit fast expressionistischem Helldunkel auf den kahlen Betonwänden des Bunkers. Der Film gesteht, und das ist immer noch eine mutige Entscheidung, Hitler (vom Burgtheater-Schauspieler Albin Skoda gespielt) überhaupt keine Größe zu - ein Mann, der sich in Ritualen ergeht, der nutzlose Befehle gibt und dem sein lächerliches Testament überhaupt keine Tragik verleiht. Das Faszinosum der Nazi-Grandezza hat Pabst bewusst vermieden.
Das Suchen nach den »guten« Menschen im Umfeld des »Bösen« verbindet den »Untergang« mit den Bewältigungsfilmen der fünfziger Jahre, als das Auffinden derer, die nicht mitgemacht hatten, auch zur Entlastung von der »Kollektivschuld« diente.
Die Deutschen als Opfer?
Aber heute, nach der Wehrmachts-Ausstellung? »Der Untergang« illustriert perfekt eine Diskussion, die zur Zeit in unserer Gesellschaft virulent ist: die um die Deutschen als Opfer. Der Film wagt sich durchaus an die Oberfläche, in das von Straßenkämpfen gezeichnete Berlin. Aber nie zeigt er die Adressaten deutscher Schüsse, wohl aber die Opfer, die die Granaten »des Russen« hervorgerufen haben.
Jeder, der einen Film über die NS-Zeit dreht, muss sich auch der Frage stellen, wie man sich künstlerisch Figuren nähern kann, deren Taten jedem menschlichen Empfinden spotten. Hirschbiegel und Eichinger weichen dieser Frage aus. Es gibt Sequenzen, die wie große Oper in Szene gesetzt sind, und solche, die fast grotesk wirken.
Dem »Untergang« fehlt die Perspektive und die Entschiedenheit, wie sie etwa Romuald Karmakar oder Christoph Schlingensief zeigten. Lässt der eine in seinem »Himmler-Projekt« (1999) den Schauspieler Manfred Zapatka die berüchtigte Rede vom 4. Oktober 1943 verlesen, so lässt der andere in seinem »100 Jahre Adolf Hitler - Die letzte Stunde im Führerbunker« (1989) die Nazi-Größen in einer Walpurgisnacht durch den Keller toben und sie Banalität bis zum Irrsinn exekutieren.
Die Verantwortlichen der Vernichtungsmaschinerie
Den immer noch besten Film über einen faschistischen Charakter hat der ehemalige Filmkritiker Theodor Kotulla mit seinem »Aus einem deutschen Leben« (1977) in Szene gesetzt. Die Biografie des KZ-Kommandanten Rudolf Höss, der im Film Franz Lang heißt (so nannte sich Höss, als er untertauchte), ist ein distanziertes Lehrstück. Das Werk ist polemisch und analytisch zugleich, weil es deutsche Tugenden wie Fleiß und Ordnungsliebe für die Vernichtungsmaschinerie verantwortlich macht und zeigt, wie ein Durchschnittskleinbürger zum Massenmörder wird. | THEMA DER WOCHE
Der Beifall könnte von der falschen Seite kommen - Warum die christliche Interfilm-Akademie Filmnachgespräche zu »Der Untergang« anbietet... » mehr!
INTERVIEW
»Ich werde mir den Film nicht ansehen«
 Foto:
Elija Boßler
 Max Mannheimer
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Max Mannheimer (84) hat das KZ Dachau überlebt. Wie wirkt die Verfilmung von Hitlers »Untergang«, den letzten Stunden im Bunker der Reichskanzlei auf ihn?
Mannheimer: »Ich befürchte schon, dass durch den Film der Eindruck entstehen könnte, Hitler sei menschlicher gewesen, als er war. Ich habe das Buch von Hitlers Sekretärin Traudl Junge gelesen, auf deren Erinnerungen der Film ja teilweise basiert, und die sah ihn durch eine rosarote Brille. Zu ihr war er gut - er war ja auch gut zu Hunden und Kindern, und zu ihr sagte er »Kindchen«.
Bei Traudl Junge ist da große Naivität und Isolierung, von dem was draußen vor sich ging. Problematisch ist eine auf den subjektiven Wahrnehmungen der Menschen um Hitler herum beruhende Darstellung. Wenn dieser Film einen großen Zulauf hat, steht das für eine gewisse Akzeptanz dieses Massenmörders. Ich befürchte, dass Menschen, die indifferent sind, negativ beinflusst werden könnten und sagen: 'Der war ja gar nicht so schlimm.' Aber auch der schlimmste Massenmörder und Psychopath ist natürlich ein Mensch.
Und natürlich war Hitler eine faszinierende Persönlichkeit, einer der vor allem auf Frauen wirkte. In meiner Heimatstadt im Sudetenland kam Mitte der 30er-Jahre eine Lehrerin aus Berlin zurück, wo sie Hitler gesehen hatte. »Mädels, als ich in seine Augen sah, so musste ich weinen«, hat sie damals vor ihrer Klasse gesagt.
Auch der Mossad-Mann, der Adolf Eichmann in Argentinien verhaftete, zeigte sich später verwundert, dass dieser eiskalte Mörder so liebevoll zu seinem Söhnchen sein konnte. Alles in allem finde ich, dass man diesen Umgang mit der Geschichte nicht unterstützen darf. Im Kino ansehen werde ich den Film auf keinen Fall.«
(Interview: ms)
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