Balsam auf Goebbels' Seele
Vor 60 Jahren endeten die letzten Bayreuther Kriegsfestspiele
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sob
 Kriegsfestspiele in Bayreuth
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Vor gut sechzig Jahren ging das wohl absonderlichste Kapitel der Bayreuther Festspielgeschichte zu Ende. Am 9. August 1944 wurden letztmals Wagners »Meistersinger« unter der Flagge der NS-Organisation »Kraft durch Freude« (KdF) im Festspielhaus aufgeführt. Als »Gäste des Führers« saßen Frontsoldaten, Verwundete, Rüstungsarbeiter und Krankenschwestern im Zuschauerraum. Zugleich war ein letztes Mal die kriegsverpflichtete deutsche Sängerelite auf der Bühne angetreten, um dem Herrn des Dritten Reiches seinen Herzenswunsch zu erfüllen: Kunstgenuss zum Nulltarif, wie er schon Richard Wagner vorgeschwebt hatte.
Zwar wollte Festspielchefin Winifred Wagner ursprünglich das Wagner-Theater im Krieg lieber schließen, aber sie spielte dann doch bereitwillig mit bei der Umsetzung von Hitlers Plänen, zumal ihre Tochter Verena 1943 den KdF-Reichsamtsleiter Bodo Lafferentz heiratete. Unerträglicher völkischer Schwulst wurde in diesen Kriegsjahren über dem Festspielhaus abgeladen: »Es geht hier um das Letzte und Höchste, was die Menschen haben«, tönte Reichsorganisationsleiter Robert Ley als Stammgast.
Hitler selbst kam im Krieg nur ein einziges Mal, nach dem Frankreich-Feldzug, am 23. Juli 1940, auf den Grünen Hügel, um sich bei den »Festspielen des Sieges« die Parabel seines Untergangs anzuschauen: die »Götterdämmerung« mit dem großen Weltenbrand. Danach schickte er nur noch seine Soldaten und Rüstungsarbeiter kolonnenweise an den »geweihten« Ort, wo die SS allgegenwärtig war: Sie paradierte im Stechschritt vor dem Festspielhaus, blies auf dem Balkon die Pausenfanfare und hüpfte als Statisterie sogar auf der »Meistersinger«-Festwiese mit herum. Joseph Goebbels empfand den Festspielbesuch im Jahr 1941 denn auch »wie Balsam auf der Seele«.
Je totaler der Krieg wurde, desto skeptischer reagierte freilich die Bayreuther Bevölkerung auf das Spektakel: Sie blickte mit gehörigem Futterneid auf die fast friedensmäßige Verpflegung, die den »Gästen des Führers« in Hungerjahren zuteil wurde. Die geheimen Berichte des SS-Sicherheitsdienstes zeigen 1943 gehörigen Unmut der heimischen Volksgenossen an.
Nicht allen Gästen stand im Inferno des Krieges der Sinn nach Wagner-Opern. Nach Beobachtung des Zeitzeugen Paul Wilhelm Wenger langweilten sich nicht wenige Besucher entsetzlich in den langen Monologen und kippten in den Pausen Korn und Bier in sich hinein. Das Bayreuther NS-Lokalblatt veröffentlichte indes nur überschwängliche Augen- und Ohrenzeugenberichte von Soldaten in reichlich gestelzten Worten, so die angebliche Äußerung eines Würzburger Obergefreiten: »Wahrhaft einzigartige Äußerung deutschen Lebenswillens, Kraft und Stärke.«
In den beiden letzten Jahren wurde auf der Festspielbühne nur noch »Meistersinger« aufgeführt, die Festoper der Nazis bei den früheren Reichsparteitagen. Die höchst konventionellen Bühnenbilder stammten vom 26jährigen Wagnerenkel Wieland, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Festspielbühne so gründlich entrümpelte. Hitler war von der Idee der Kriegsfestspiele bis zuletzt so fasziniert, dass er sich noch Ende 1944 - als längst alle Bühnen im Reich geschlossen waren - nach dem Stand der Festspielvorbereitungen für 1945 erkundigte. Doch im Sommer 1945 tanzten bereits US-Girls im Rahmen der Truppenbetreuung in Wagners Theater. |