Geschichte aus erster Hand
Internationale Jugendbegegnung Dachau
Zeitzeugen berichten bei der Internationalen Jugendbegegnung Dachau jungen Menschen von der Zeit des Nationalsozialismus
 Foto:
Petersen
 Konzentriert lauschen Jugendliche dem Zeitzeugen Hugo Höllenrainer (links), den die Nazis ins KZ Dachau gesperrt hatten, weil er Sinti ist.
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Jedes Jahr ist es einer der Höhepunkte der Internationalen Jugendbegegnung in Dachau: das Zeitzeugencafé. Max Mannheimer, Hugo Höllenrainer, Walter Joelsen, Ernst Grube und Marie-Luise Schultze-Jahn sind wieder gekommen, extra aus dem Ausland angereist sind Steve Adler (USA), Mirjam Ohringer (Niederlande) und Abba Naor (Israel). Sie alle haben den Wahnsinn des Nazi-Terrors überlebt - als KZ-Gefangene, als Widerstandskämpfer, als Kinder von jüdischen Eltern.
84 Jugendliche aus 17 Nationen haben sich im Dachauer Jugendgästehaus versammelt, um mit den Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen. Berührungsängste gibt es nicht: Das liegt am Kaffee und Kuchen, den die Helfer der Jugendbegegnung verteilen. Es liegt aber auch an der ungezwungenen Offenheit der Zeitzeugen, die sich zu den jungen Leuten an die Tische setzen, nach Namen und Herkunft fragen und trotz des ernsten Themas einen lockeren Plauderton anschlagen.
Da ist Mirjam Ohringer, Jahrgang 1924, Tochter polnischer Juden, die als 14-jähriges Mädchen schon im holländischen Widerstand aktiv war. Geld sammeln für illegale Flüchtlinge aus Deutschland, Flugblätter weitergeben - das waren ihre Aufgaben. »Um Geld bitten konnte man nur Menschen, von denen man wusste, dass sie nichts weiterquatschen«, erinnert sich die 80-Jährige. Ein dummer Mensch, lehrte sie ihr Vater, ist eben gefährlicher als ein schlechter.
Aus Stefan wird Steve
Heimlichkeiten war das junge Mädchen gewohnt: »Der Adressat unserer Schriftstücke war immer nur einer Person bekannt - denn was man nicht weiß, kann man auch unter Folter nicht aussagen«, erinnert sich Mirjam Ohringer. »Ich frage mich, ob ich an Ihrer Stelle das selbe gemacht hätte«, überlegt eine Zuhörerin laut mit ungläubigem Blick. Mirjam Ohringer lacht ein fröhliches Lachen, für sie stand das als staatenlose Jüdin nicht zur Debatte: »Wir wurden dazu erzogen, an einer gerechteren Welt mit zu arbeiten, zum Wohl der Menschen.«
»Seit wann wussten Sie denn von den KZ´s?«, will ein Mädchen wissen. Von Anfang an, antwortet die Widerstandskämpferin, seit die deutschen Flüchtlinge den Amsterdamer Juden davon berichteten. »Dachau stand für uns für alles Miese und Schlechte, was die Nazis verursacht haben«, sagt Mirjam Ohringer. Um so glücklicher ist sie darüber, dass sie heute Freunde in der oberbayerischen Kleinstadt hat: »Das ist toll!«
Einen Tisch weiter erzählt der Wahl-Amerikaner Steve Adler von seiner Kindheit. 1938, Stefan war da gerade acht Jahre alt, schickten ihn seine Eltern mit einem Kindertransport nach England. Erst kurz zuvor war sein Vater aus dem KZ freigekommen, als gezeichneter Mann. Das Foto in dem Kinderausweis, den Steve Adler vergrößert und nach Dachau mitgebracht hat, zeigt einen verschmitzten kleinen Jungen. Über dem Bild prangen verschiedene Stempel mit Reichsadler, Hakenkreuz und der Unterschrift des Polizeipräsidenten neben dem großen roten 'J', das für »Jude« stand.
Gemeinsam mit Hunderten anderer Kinder verließ er Berlin und später den Hamburger Hafen. »Ich wusste nicht, wohin es geht, ich kannte niemanden«, erinnert sich Adler. Die Verpflegung, die die Briten den Kindern für die Fahrt zuteilten, bestand aus einem Apfel, zwei Stück Brot, einer Flasche Milch und einer Dose Corned Beef. »Keiner von uns wusste, was das ist«, schmunzelt Adler. Ein Junge machte den Geruchstest und gab Entwarnung: »Man kann es essen.«
Wenn Steve Adler erzählt und die alten Dokumente zeigt, hören die Jugendlichen am Tisch wie gebannt zu. Hin und wieder stellt er seinem jungen Publikum Fragen: »Was glaubt ihr: Warum haben die Nazis den Juden die Namen Israel und Sara gegeben? Warum mussten die Juden einen Stern tragen? Warum konnten jüdische Männer in Berlin keine Rasierseife mehr kaufen?« Die Jugendlichen überlegen, manche kauen auf ihrer Lippe oder stützen das Kinn in die Hand. Man sieht, dass die meisten sehr wohl eine Ahnung haben, was die Zwangsmaßnahmen der Nazis bezwecken sollten - doch etwas Scheu vor dem Mann, der all das selbst erlebt hat, ist eben doch da und so schweigen die meisten. Steve Adler lässt die Pause nicht so lang werden, dass es peinlich wäre. »Would it make you feel good?«, frägt er in seiner zweiten Muttersprache. Kopfschütteln. »It would make you feel bad«, nickt Adler und greift zum nächsten Dokument. Und seine Botschaft kommt an: Er möchte den Jugendlichen begreiflich machen, dass Repressalien Menschen das Selbstwertgefühl nehmen - und dass sich die Jugendlichen gegen heutige Ausgrenzung und Vorurteile auflehnen sollen.
An einem anderen Tisch sitzt Max Mannheimer, der das KZ Ausschwitz überlebt hat. Er ist schon zum 19. Mal bei einer Dachauer Jugendbegegnung dabei und gewissermaßen der Routinier unter den Zeitzeugen. Wichtiger noch als die Gespräche über die Schrecken der Hitler-Herrschaft ist ihm, dass sich in Dachau Jugendliche aus verschiedenen Nationen begegnen. »Dadurch wird engstirniges Denken vermieden, Vorurteile werden abgebaut«, sagt Mannheimer. Und die hätten schließlich erst zur Judenverfolgung geführt.
Sean aus Washington D.C. sieht das genauso. Er ist schon zum dritten Mal als Teilnehmer der Jugendbegegnung in Dachau und schätzt das Zusammentreffen mit Jugendlichen aus anderen Kulturen: »Wir arbeiten gemeinsam in den Workshops und können Vorurteile, die wir haben, niederreißen.« Warum das Zeitzeugencafé so wichtig ist, schildert Ursula aus Stuttgart: »Ich kenne zwar die Fakten über das 'Dritte Reich', aber ich weiß nicht, wie es war.« Eine Ahnung davon hat sie im Gespräch mit den Überlebenden gewonnen. | DAS STICHWORT
Internationale Jugendbegegnung
Im Sommer 1983 veranstaltete die Evangelische Jugend München das erste Internationale Jugendbegegnunszeltlager (IJB) bei der KZ-Gedenkstätte Dachau. 1996 wurde, nach langen politischen Kämpfen, der Grundstein für das Jugendgästehaus gelegt, in dem die Treffen seit 1998 stattfinden.
Die Jugendbegegnung wird von der Evangelischen Jugend München, dem Bund der Katholischen Jugend Dachau, der Aktion Sühnezeichen e.V., dem Förderverein der IJB, dem Kreisjugendring und der Gewerkschaftsjugend des DGB getragen.
Zum Programm gehören Workshops, Führungen durch die KZ-Gedenkstätte, Zeitzeugengespräche, aber auch Stadtrundgänge in Dachau und München und Ausflüge ins oberbayerische Umland.
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