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Dieser Artikel: Ausgabe 30/2004 vom 25.07.2004
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Gott aus dem Himmel gejagt

Vor 200 Jahren wurde Ludwig Feuerbach geboren


Sein bekanntester Satz traf das christliche Glaubensgebäude wie eine Abrissbirne: »Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde.« Karl Barth, der Theologe, hat den aus Bayern stammenden Philosophen Ludwig Feuerbach später als »Nichtkenner des Todes und Verkenner des Bösen« bezeichnet.

»Nicht das Heilige ist wahr, sondern das Wahre heilig«: Ludwig Feuerbach.
Foto: epd-Bild
   »Nicht das Heilige ist wahr, sondern das Wahre heilig«: Ludwig Feuerbach.

Kandidaten des Jenseits wolle er zu Studenten des Diesseits machen, religiöse Kammerdiener der himmlischen Monarchie zu freien Bürgern der Erde. So wortgewaltig beschrieb der Philosoph Ludwig Feuerbach den Zweck seiner Schriften. Vor 200 Jahren, am 28. Juli 1804, wurde mit Ludwig Feuerbach der Kirchenvater des modernen Atheismus geboren.

Er stammte aus einer hoch angesehenen Familie. Sein Vater, Anselm Ritter von Feuerbach, war führender Jurist im Königreich Bayern und Beschützer des mysteriösen Findlings Kaspar Hauser. Im fränkischen Ansbach absolvierte der in Landshut geborene Prominentensohn das Gymnasium und fiel durch sein Bibelwissen auf. In Heidelberg, Berlin und Erlangen studierte er zunächst Theologie, dann Philosophie.

1830 folgte der erste Paukenschlag. In Erlangen machte die religionskritische Schrift »Gedanken über Tod und Unsterblichkeit« die Runde. Der anonyme Verfasser wurde bald enttarnt. Die aus heutiger Sicht ziemlich harmlose Satire wurde beschlagnahmt. Ihr Autor, der Privatdozent Feuerbach, hatte keine Chance mehr auf die erhoffte Professur. Notgedrungen wurde er Privatgelehrter.

Der Leugner der Unsterblichkeit der Seele verließ die akademische Welt und wurde Dörfler. Im Örtchen Bruckberg bei Ansbach gab es eine Porzellanfabrik, die im ehemaligen Sommerschloss der Ansbacher Markgrafen untergebracht war. Feuerbachs Frau hielt daran Anteile. Doch das Dasein als Fabrikantinnen-Gatte klingt bequemer, als es war. Die Porzellanfabrik schlitterte stets hart am Ruin entlang.

Ironisch kommentierte er seinen Abstieg. Das Schicksal habe ihn in tiefster Verlassenheit, aber eben deswegen auch glücklicher Einsamkeit in ein Dorf verbannt, »das nicht einmal - wie entsetzlich, wie unheilschwanger - eine Kirche hat«. Er hätte nicht geglaubt, welch seltsame Kapriolen die Ortsgeschichte nachher schlug: Seit 1891 ist das Bruckberger Schloss ein Zentrum evangelischer Behindertenarbeit in Bayern - und selbstverständlich gibt es eine Kirche. 1841 erschien das Buch, mit dem der vergessene Schlossbewohner plötzlich in aller Munde war: »Das Wesen des Christentums«.

Es war eine radikale Absage an den Gottesglauben. Das höchste Wesen sei nichts als eine Erfindung des menschlichen Wesens, eine Illusion, die den Menschen daran hindere, sich die reale Welt anzueignen. Die junge Arbeiterbewegung erkannte schnell, welche Waffe gegen die alten Mächte ihr in die Hände gelegt worden war. »Die Begeisterung war allgemein. Wir waren alle momentan Feuerbacherianer«, schrieb Friedrich Engels im Rückblick. »Die deutsche Jugend glaubte, statt Himmel endlich Land zu sehen«, heißt es in Ernst Blochs »Das Prinzip Hoffnung«.

Noch zu seinen Lebzeiten kam Feuerbach aus der Mode. Nur 15 Jahre nach Erscheinen seines Hauptwerks klagte er verbittert: »Es ist kein Wunder, dass ich bereits zu den Toten gerechnet werde. Ich bin ja schon längst von den deutschen Theologen und Philosophen 'widerlegt', d.h. auf Deutsch: geistig totgeschlagen.« Selbst Karl Marx kritisierte den einst Bewunderten in seinen »Elf Thesen über Feuerbach«, deren letzte und berühmteste lautet: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.«

Ab 1860, nach dem Tod seiner Frau und der Enteignung durch die Erben, fristete Feuerbach ein ärmliches Dasein im Ort Rechenberg vor den Toren Nürnbergs. 1872 starb er, nachdem er zuvor noch der sozialdemokratischen Partei beigetreten war. Tausende Arbeiter folgten dem Aufruf, die Beisetzung auf dem Nürnberger Johannisfriedhof zu einer »Massendemonstration gegen das Pfaffentum« zu machen. Den versöhnlichsten Bilanzstrich unter Feuerbachs Leben zog der Literat Hermann Kesten: »Sein Leben lang hat Ludwig Feuerbach mit Gott gekämpft, und beide haben dabei gewonnen.«

Peter Reindl

 


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abgerufen 08.02.2012 - 11:05 Uhr

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