Der Hase, die Angst und der Gral
Ein Besuch in der »Church Of Fear« in Bayreuth
"Fear is the answer": So lautet das Credo der "Church of Fear", der Kirche der Angst. Der Aktionskünstler Christoph Schlingensief hat sie als Reaktion auf die Terroranschläge am 11. September 2001 gegründet - und sie im Jahr 2004 nach Bayreuth gebracht. Dort wird derweil mit Spannung Schlingensiefs Version von Wagners Grals-Oper erwartet, die er zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele neu in Szene gesetzt hat.
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Lammel
 »Unsere Angst lassen wir uns nicht nehmen«: »Altar« der »Church of Fear«, der »Kirche der Angst«, die seit wenigen Wochen in Bayreuth steht. Zwischen Buddha, Vishnu und der Madonna ein präparierter Hase, der auf einen geistigen Paten des Kunstprojekts verweist - Joseph Beuys.
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Sogar an die Hunde hat man gedacht. Der Wassernapf vor der Blechhütte wird regelmäßig nachgefüllt. Natürlich ist er schwarz, handbemalt mit den Buchstaben »COF« in weißer Farbe. Nur einen Schritt weiter: der Eingang für die Menschen. Hinein in die »Church Of Fear«, die »Kirche der Angst«. Seit gut einem Monat steht sie in Bayreuth, abseits der Innenstadt auf dem Grundstück eines Jugendkulturzentrums, hat ihre einzige Tür weit geöffnet und wartet auf Besucher, denen sie ihre einfache Botschaft auf den Weg geben will: »Fear is the answer«, kündet die weiße Schrift auf der schwarzen Tafel, »Angst ist die Antwort«.
Der diese Botschaft in die Welt trägt und sich mit ihr vorbehaltlos identifiziert, sorgt in diesen Tagen von Bayreuth aus international für Schlagzeilen. Von skandalträchtigem Theaterdonner begleitet, hat der Aktionskünstler Christoph Schlingensief dort Richard Wagners Grals-Oper »Parsifal« neu inszeniert, mit der am 25. Juli die Bayreuther Festspiele eröffnet werden. Der 43-Jährige sorgt seit anderthalb Jahrzehnten mit provozierenden Bühnenstücken und Projekten für Aufsehen. Dabei ließ er unter anderem auch Asylbewerber, Behinderte und Neonazis mitwirken, um mit der gezielten Irritation neue Sichtweisen zu eröffnen.
Im März vorigen Jahres, mit dem Beginn des Irak-Kriegs, war Schlingensief einer der Begründer der »Church Of Fear« (COF). Unter dem Eindruck der Attentate vom 11. September 2001 hatte sich die Initiative als »internationale Vereinigung aller Terrorgeschädigten« zusammengefunden, nach eigenem Bekenntnis »Menschen, denen der Glaube misslungen ist«. Durch ihr öffentliches Bekenntnis zur Angst wollen ihre Mitglieder in 70 »Gemeinden« weltweit das »Terrormonopol der Politik« bekämpfen.
Öffentlichkeitswirksam veranstaltete die COF im vorigen Jahr drei jeweils sieben Tage dauernde Pfahlsitzwettbewerbe: In Venedig, Katmandu (Nepal) und Frankfurt am Main wurde unter den »Bekennern der Angst« der ausdauerndste Kandidat zum »Säulenheiligen der Moderne« gekürt. Der Veranstaltung in Frankfurt ging eine von Schlingensief angeführte »Prozession« mit »Abendmahl« voraus - der Name »Schreitender Leib« war bereits eine Anspielung auf das Bayreuth-Engagement für »Parsifal«.
Im Rotlicht ein religiöses Panoptikum
»Man hat uns den Glauben genommen, unsere Angst nimmt man uns nicht!« heißt es in einer Selbstdarstellung der COF. Der zweite Halbsatz findet sich, weiß auf schwarz, auch in der blechernen Bayreuther Kapelle. Die Tafel lehnt am Fuß des Altars, auf den man ein merkwürdiges religiöses Panoptikum arrangiert hat: Durch rote Fensterscheiben fällt rotes Licht auf eine hölzerne Madonnenstatue, ein goldener sitzender Buddha und eine schwarze Figur der Hindu-Gottheit Vishnu. Überragt werden alle von einem präparierten Feldhasen, der sich lässig auf einen Wanderstab zu stützen scheint.
Ein Hase in der »Kirche der Angst«. Angsthase? Hasenherz? Hasenfuß? Nicht ganz verkehrt, aber doch der falsche Weg. In die richtige Richtung weist der Hinweis auf Joseph Beuys. Für den 1986 gestorbenen Schöpfer des berühmten - und oft missverstandenden - Satzes »Jeder Mensch ein Künstler« hatte der Hase eine ästhetische und zugleich religiöse Bedeutung: als Symbol der Wiedergeburt. Aus dem eingeschmolzenen Gold einer »Herrscherkrone« schuf Beuys beispielsweise einen »Friedenshasen«. Übrigens steht er damit durchaus in christlicher Tradition. Schon in der Kirche des Mittelalters wurde der Hase oft als Symbol für Verwandlung und Auferstehung dargestellt.
Ist das aber ein Raum für Ängste? Zwischen Teelichten und Weihrauchstäbchen und dem eigentümlichen Aroma, das die Blütenblätter und Holzspäne auf dem Boden verströmen? Nun: Die »Kirche der Angst« ist, jedenfalls in Bayreuth, keine Mini-Geisterbahn, keine Druidenhütte, erst recht kein Satanistentreff. Auch sieht sich Schlingensief nicht als eine Art Religionsstifter. Auf die Bayreuther Aktion reagierten die beiden großen Kirchen denn auch ohne scharfe Angriffe; der katholische Dekan Siegbert Keiling stattete der frisch errichteten Kirche sogar einen Besuch ab, bei dem er gleichwohl - ebenso wie zuvor sein evangelischer Kollege Hans Peetz - auch seine kritische Distanz deutlich machte.
Schlingensief notierte im Bayreuther COF-Gästebuch ein aufmunterndes »wird schon...« Und umgekehrt stärkte die »Kirche der Angst« ihrem prominenten Mitglied den Rücken für seine Regiearbeit und kündigte via Internet zeitgleich zur »Parsifal«-Premiere einen Pfahlsitzwettbewerb im Bayreuther Hofgarten an. Was sich indes als offensichtlicher Scherz herausstellte: »Sicherheit ist nirgends«, stand später an gleicher Stelle auf der Homepage. Aber es soll ein Wiedersehen mit dem Beuys-Hasen geben: auf der »Parsifal«-Bühne. Ob der Gralstempel dort auch eine »Church Of Fear« sein wird? |