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Dieser Artikel: Ausgabe 30/2004 vom 25.07.2004
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Gefängnis oder Balkon

»Soll das alles sein, was einem im Alter bleibt?«


Der 75. Geburtstag als Stunde der Lebensbilanz: Werden Erinnerungen an Krieg und Leid im Alter zum Gefängnis?

Altersgelassenheit oder Altersdepression?
Foto: Wodicka
   Altersgelassenheit oder Altersdepression?

Ich bin eben 75 Jahre alt geworden, und meine Familie hat mir ein rauschendes Fest ausgerichtet. Viele Geschenke, viele Briefe, viele gute Worte. Die Nachbarschaft hat sich beteiligt, der Pfarrer kam und brachte ein Bilderbuch, und sogar der Bürgermeister unserer Gemeinde ist mit einem großen Blumenstrauß erschienen.

Alle gratulierten und versicherten mir gleichzeitig, wie jung ich noch aussehen würde und wie gut ich gesundheitlich noch beieinander wäre. Ich sei sozusagen die Leitfigur für die neuen Alten. Und sie haben ja auch Recht. Aber sie haben auch wieder Unrecht. Denn so toll fühle ich mich nicht mehr. Im Gegenteil: Oft bin ich ziemlich niedergeschlagen und manche Zipperlein quälen mich. Ich habe ja nun auch schon viel erlebt. An den letzten Krieg erinnere ich mich gut. Er brachte viel Leid.

Wir wurden ausgebombt, meine Großeltern kamen dabei um, und ich habe in jungen Jahren schon viel Schlimmes gesehen. Also, so toll ist das alles nicht. Bitte fangen Sie jetzt nicht an, mir auch noch zu gratulieren, aber wenn Sie sonst einen guten Gedanken haben, würde ich mich freuen. Ich fühle mich gefangen und eingesperrt und frage mich schon manchmal, ob das alles sein soll, was einem im Alter bleibt.

Frau A. (75 Jahre)

Wir wissen heute etwas, was unsere Eltern so noch nicht wussten. Wie wir uns im Alter fühlen, hängt sehr stark davon ab, wie wir uns selbst sehen, wie wir von uns selbst denken, welches Bild wir uns von uns selbst machen.

Ich nehme das Bild auf, das Sie in Ihrem letzten Satz von sich zeichnen: »Ich fühle mich gefangen und eingesperrt.« Von diesem Bild aus kann es nur die Frage geben: Soll das alles sein?

Ich biete Ihnen ein anderes Bild an, das eine Frau, etwa in Ihrem Alter, von sich malte, die Dichterin Marie Luise Kaschnitz (1901-1974): »Das Alter ist für mich kein Gefängnis, sondern ein Balkon, von dem man zugleich weiter und genauer sieht.« Spüren Sie den Unterschied? Bitte weisen Sie dieses neue Bild nicht gleich zurück, auch wenn Ihnen danach zu Mute ist. Lassen Sie sich bitte eine Zeitlang darauf ein. Vielleicht können Sie sich ja damit anfreunden. Abgemacht? Sagen wir: Einen Sommer lang, diesen Sommer lang, stellen Sie sich immer wieder das neue Bild vor Augen und schauen, ob es Ihnen vertrauter wird. Sollte dem so sein, hätten Sie sich - nachträglich - selbst ein großes, ein riesengroßes Geburtstagsgeschenk gemacht.

Denken Sie nur daran: Sie stehen auf einem Balkon mit diesen 75 Jahren Lebenserfahrung. Dieser weite und genaue Blick. Nach rückwärts zu dem, was Sie alles erlebt haben. Dann ins Heute. Nur ein Beispiel: Wie haben sich damals die Staaten Europas zerfleischt. Ihre Großeltern sind, wie so viele andere auch, im Bombenhagel umgekommen. Sie selbst haben viel Leid, viel Schlimmes gesehen.

Heute besuchen wir einander und schließen Freundschaft und freuen uns an all den Schönheiten in unseren Nachbarländern. Sie haben diesen Weg miterlebt und empfinden sicherlich tiefer und intensiver, was da geschehen ist. Es ist doch nicht selbstverständlich.

Ein aufregender, ein beglückender Blick vom Balkon Ihres Lebens oder nicht?

SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE

Barbara Hauck

Wenn Sie ein Problem haben und Rat brauchen, dann schreiben Sie an die »Sprechstunde«, Birkerstraße 22, 80636 München. Die Berater antworten auf dieser Seite oder mit Brief. Sie können auch unmittelbar an einen Berater schreiben: Pfarrerin Barbara Hauck, Deutenbacher Str. 1, 90547 Stein - oder Kirchenrat Waldemar Pisarski, Hauptstr. 67, 82327 Tutzing.

Waldemar Pisarski

Wenn Sie eine längerfristige Korrespondenz wünschen, steht Ihnen die Evangelische Briefseelsorge, Postfach 600306, 81203 München, zur Seite. Alle Zuschriften werden vertraulich behandelt.

 

 

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Waldemar Pisarski

 


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abgerufen 08.02.2012 - 23:10 Uhr

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