Home
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Das Sonntagsblatt-Blog
Anzeigen-Service
Leserreisen
Zeitvertreib
Leserbriefe
Impressum



    
Heute: 09.02.2012
Aktuelle Ausgabe: 06 vom 05.02.2012
Artikel mit anderen teilen!
Dieser Artikel: Ausgabe 30/2004 vom 25.07.2004
Alle Artikel der » Ausgabe 30/2004 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


»Spurensuche an authentischen Orten«

Gisela Joelsen gestaltet seit zehn Jahren die Internationale Jugendbegegnung Dachau mit


»Dachau in uns«: Gisela Joelsen von der Internationalen Jugendbegegnung ist Tochter eines Überlebenden des nationalsozialistischen Rassenwahns.
Foto: Springer
   »Dachau in uns«: Gisela Joelsen von der Internationalen Jugendbegegnung ist Tochter eines Überlebenden des nationalsozialistischen Rassenwahns.

Erinnern - begegnen - verstehen - Zukunft gestalten«: Mit dem Motto der Internationalen Jugendbegegnung Dachau ist fast schon alles gesagt. Wenn in den ersten beiden Augustwochen wieder rund 150 junge Menschen zwischen 16 und 26 aus 20 Nationen Europas und der Welt ins Jugendgästehaus nach Dachau kommen, dann geht es ums Lernen, die Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte, darum, was Rassenhass und Verfolgung heute bedeuten - aber auch einfach um den Spaß, wenn sich junge Polen, Deutsche, Holländer begegnen.

Anfangs in Dachau umstritten, ist die Internationale Jugendbegegnung längst fest etabliert. Dachau mit seiner KZ-Gedenkstätte liegt in Oberbayern - für die Organisatoren ist es deshalb eine Selbstverständlichkeit, dass beim »Internationalen Abend« eine Trachtengruppe für das von den Teilnehmern durchaus gewünschte Lokalkolorit sorgt. »Vor allem die Amerikaner und Japaner sind davon begeistert«, sagt Gisela Joelsen im Hof des Dachauer Jugendgästehauses und ist ein wenig amüsiert.

»Die Auseinandersetzung mit Dachau darf nicht nur rückwärtsgewandt sein«, sagt Gisela Joelsen. Die 40-jährige Pädagogin ist bei der Evangelischen Jugend München für die Freiwilligen Sozialen Dienste zuständig. Ihre Sommer verbringt sie seit zehn Jahren bei der Internationalen Jugendbegegnung in Dachau.

Dass sie selbst Tochter eines Holocaust-Überlebenden ist, habe für ihr Engagement zunächst keine entscheidende Rolle gespielt: »Viele Zeitzeugen haben erst spät angefangen zu erzählen«, weiß Joelsen, »nach dem Krieg wollten die wenigsten vom Leid der Überlebenden hören.« Auch ihr Vater, der Münchner Pfarrer und Fernsehredakteur Walter Joelsen, hat lange geschwiegen. Er war 19, als man den »Halbjuden« 1945 aus einem Thüringer Arbeitslager befreite. »So richtig habe ich die Geschichte meines Vaters eigentlich zum ersten Mal bei einem Zeitzeugengespräch während der Jugendbegegnung gehört«, sagt Gisela Joelsen.

Im internationalen Team, das die Jugendbegegnung über das Jahr hinweg vorbereitet und organisiert, hat Joelsen eine tragende Rolle. »Mit 40 bin ich die Älteste im Team, und das merke ich manchmal auch«, sagt Joel­sen lachend. Dann nämlich, wenn es nicht straff genug vorangeht bei der Planung und Organisation oder wenn sich die jüngeren ehrenamtlichen Teammitglieder aus Deutschland, Amerika, Holland und vielen osteuropäischen Ländern mal wieder zu hierarchieorientiert zu ihr aufschauen.

Joelsen bedauert etwas, dass schon länger keine Gruppen aus der evangelischen Jugendarbeit mehr teilgenommen haben. Sie hat so etwas wie eine neue Ignoranz gegenüber dem Thema Nationalsozialismus festgestellt. Viele Jugendliche wüssten heute nicht einmal mehr zu sagen, wann der zweite Weltkrieg angefangen habe.

»In den Schulen wird das Thema nicht richtig behandelt«, sagt Joelsen, »sondern oft zu faktenorientiert.« Sie weiß: »Erst wenn ich das Gefühl habe: 'Das trifft mich', bin ich auch bereit weiter zu gehen und mich mit etwas tiefer auseinander zu setzen.«

Die Zeitzeugenarbeit ist für Gisela Joelsen daher das A und O der Dachau-Begegnung. Noch machen Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung wie die früheren Dachau-Häftlinge Max Mannheimer (84) oder der aus Litauen stammende Abba Naor (76), der Münchner Ernst Grube (72), Joelsens Vater (78) oder Marie-Luise Schultze-Jahn (86), aus dem Kreis der »Weißen Rose« in Workshops und Begegnungen nach Kräften mit. Doch eben die lassen bei den alten Menschen nach und so stelle sich die Frage, so Joelsen, wie es mit der Erinnerungsarbeit weitergehen könne, wenn die Generation der Zeitzeugen gestorben sei.

Einen möglichen Weg sieht die Pädagogin in der, wie sie es nennt, »Spurensuche an authentischen Orten«. Wenn sie nun während der Jugendbegegnung eine Gruppe auf die Spuren der »Weißen Rose« führt, wird daran deutlich, was das sein kann: Sie geht mit den Jugendlichen in die Münchner Universität, wo die »Weiße Rose« ihre Flugblätter in den Lichthof fallen ließ, zeigt ihnen Stadelheim, wo die Geschwister Scholl inhaftiert und hingerichtet wurden, und den nahegelegenen Friedhof im Perlacher Forst, wo die beiden begraben liegen.

Gisela Joelsen weiß: Geschichte muss berühren, um Menschen zum Handeln zu bewegen.

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

Weitere Beiträge zum Thema »Kirche und Nationalsozialismus« finden Sie » hier.

 

 

Lesen Sie jede Woche auch das Sonntagsblatt-Titelthema, viele weitere interessante Artikel und Terminhinweise. Auch vor Ort immer gut informiert mit dem Sonntagsblatt: Sechs Regionalausgaben berichten über das, was an Ihrem Wohnort wichtig ist im evangelischen Bayern. Mit Gottesdienst-Anzeiger (München/Oberbayern, Nürnberg, Augsburg).
 

 

Markus Springer

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2004_30_13_01.htm
abgerufen 09.02.2012 - 00:09 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2012, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster