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Dieser Artikel: Ausgabe 30/2004 vom 25.07.2004
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Flucht in die Festung Europa

Flüchtlingsdrama im Mittelmeer


Humanitäre Rettungsaktion oder Begünstigung illegaler Einwanderung? - Nach der Freilassung des Cap-Anamur-Chefs, des Kapitäns und des Ersten Offiziers aus italienischer Haft ist eine heftige Debatte um die Flüchtlingshilfe der Cap Anamur entbrannt.

Europa oder Tod: Afrikanische Flüchtlinge der Cap Anamur im sizilianischen Hafen Porto Empedocle. Die Stadt Venedig hat inzwischen angeboten, die Männer aufzunehmen.
Foto: AP/Alessandro Fucarini
   Europa oder Tod: Afrikanische Flüchtlinge der Cap Anamur im sizilianischen Hafen Porto Empedocle. Die Stadt Venedig hat inzwischen angeboten, die Männer aufzunehmen.

Der Gründer von Cap Anamur, Rupert Neudeck, geht auf Distanz. Die Aktion zur Rettung der 37 afrikanischen Flüchtlinge aus dem Mittelmeer sei schlecht vorbereitet gewesen, moniert er. Das Vorgehen des heutigen Chefs der Hilfsorganisation, Elias Bierdel, nennt er »eine einzige Rufschädigung«. Ihm sei es vor allem um Medienwirkung gegangen. Wenn die italienische Regierung früher über die Aufnahme der afrikanischen Flüchtlinge informiert worden wäre, hätte es weniger Probleme gegeben. »Die Crew schipperte sechs Tage ohne Not mit Flüchtlingen an Bord durchs Meer, damit ihr Chef Bierdel mit Kamerateams dazustoßen konnte«, klagt Neudeck.

Eine rein humanitäre Mission, um Menschen in Not zu helfen, beteuert dagegen Bierdel. »Ich habe Fehler gemacht«, räumte der Cap-Anamur-Chef ein. So habe das Komitee zu spät Kontakt mit den italienischen Behörden gesucht. Gleichzeitig wies er Vorwürfe zurück, die Aktion sei eine Medieninszenierung. Sollte Neudeck tatsächlich »im Bezug auf das Sterben da draußen Begriffe wie höhere Komik benutzt haben, haben wir es mit einem bizarren Fall von senilem Zynismus zu tun«, sagte Bierdel. Neudeck gehöre zu den wenigen Menschen in Deutschland, »die sich ohne jede Detailkenntnis zu sehr komplizierten Sachverhalten jederzeit öffentlich äußern dürfen«, so Bierdel. Cap Anamur wurde 1979 von Neudeck gegründet und erreichte mit der Rettung Tausender vietnamesischer »boat people« internationale Anerkennung.

Der Cap-Anamur-Chef übte weiter Kritik an Bundesinnenminister Otto Schily, der sich »sehr schnell und ohne zuverlässige Datenlage geäußert« habe. Grund dafür sei offenbar die »Angst vor einem gefährlichen Präzedenzfall«. Es sei aber »absurd und verrückt« zu glauben, dass ein Rettungsschiff dafür sorgt, »dass sich nun massenweise die Leute wie die Lemminge ins Meer stürzen.«

Schily hatte gesagt, Cap Anamur könne sich nicht eigenmächtig zur vermeintlichen Annahmestelle für Asylgesuche erklären. Die Mitglieder der Schiffsbesatzung müssten möglicherweise mit Strafverfolgung in Deutschland rechnen, wenn sich herausstelle, dass sie an Schleusungen beteiligt gewesen seien. Schily befürwortete derweil die Einrichtung von Asylbewerberlagern in Nordafrika.

Nach Ansicht Bierdels gibt es im Mittelmeer ein »grauenhaftes Prob­lem«, das am Lebensnerv Europas rühre. Es sei die Frage, ob man in Kauf nimmt, »dass an den Außengrenzen dieser Festung Europa das große Sterben weitergeht.« Cap Anamur sei bereit, Menschen weiterhin vor dem Ertrinken zu retten.

Der bayerische Pfarrer Ulrich Eckert, evangelischer Seelsorger in den Waldensergemeinden auf Sizilien, forderte den italienischen Innenminister dazu auf, den 37 Flüchtlingen Asyl zu gewähren. In einem Schreiben des Rates der Waldenserkirche warnen die italienischen Protestanten davor, Druck auf die »barmherzigen Samariter des Meeres« auszuüben und »die Schiffbrüchigen ihrem Schicksal zu überlassen, die auch in Zukunft an den Grenzen unserer Küsten anlangen werden«.

Einig sind sich Neudeck und der heutige Cap-Anamur-Vorstand, dass nach dem Drama um die 37 Flüchtlinge jetzt die EU handeln muss. »Allein Flüchtlinge zu fischen, reicht aber nicht«, warnt Neudeck. Angesichts der großen Armut brauche Afrika »einen gigantischen Marshallplan«.

epd/fra

 


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abgerufen 08.02.2012 - 11:20 Uhr

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