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Dieser Artikel: Ausgabe 29/2004 vom 18.07.2004
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Der vergessene Widerstand

Wolfgang Niederstraßer

Von Björn Mensing

Schon lange vor dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 regte sich in Deutschland Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Der bayerische Pfarrer Wolfgang Niederstraßer verweigerte sich der braunen Ideologie aus christlicher Überzeugung. Sein einsamer Weg führte ihn ins KZ nach Dachau. An seinem Wirkungsort im oberfränkischen Warmensteinach ist er fast vergessen.

Pfarrer Wolfgang Niederstraßer in Warmensteinach 1941.
Foto: Privat
   Pfarrer Wolfgang Niederstraßer in Warmensteinach 1941.

Dass Wolfgang Niederstraßer nichts vom Nationalsozialismus hielt, konnte am 9. November 1938 jeder Einwohner im unterfränkischen Ort Thundorf sehen. Der erst 29-jährige Pfarrer hatte zum 15. Jahrestag des Hitlerputsches trotz Anordnung Kirche und Pfarrhaus nicht beflaggt. Die Strafe fiel dafür noch vergleichsweise milde aus: Das Amtsgericht Münnerstadt verurteilt ihn zu einer Geldstrafe von 20 Reichsmark. Doch Niederstraßers erster Konflikt mit den Machthabern war der Beginn einer politischen Verfolgung, die ihn schließlich ins Konzentrationslager Dachau führte.

Erst ein Jahr vor dem Eklat war Niederstraßer zur Vertretung einer Pfarrstelle aus der hannoverschen in die bayerische Landeskirche gewechselt. Ins Thundorfer Pfarrhaus zogen Ehefrau Ingeborg und der 1936 geborene Sohn Hans mit ein. Im Oktober 1938 wurde Sohn Peter geboren.

Streit um ein Krippenspiel

Zum 1. Juli 1940 konnte Niederstraßer in Warmensteinach im oberfränkischen Dekanat Bayreuth seine erste Pfarrstelle antreten. Schon im Herbst kam es auch hier zu Konflikten mit der NSDAP-Ortsgruppe. Am 20. Dezember 1940 forderte der Ortsgruppenleiter Niederstraßer kurzfristig auf, wegen der Proben für die Weihnachtsfeier der NSDAP-Ortsgruppe die Krippenspielprobe abzusagen. Das von Niederstraßer eingeführte Krippenspiel »stört« zwei Jahre später wieder. Diesmal droht ein HJ-Oberjungenschaftsführer mit Weitermeldung.

Niederstraßer in »Zivil«: im Fichtelgebirge bei Warmensteinach im Sommer 1941 mit Gemeindemitgliedern.
Foto: Privat
   Niederstraßer in »Zivil«: im Fichtelgebirge bei Warmensteinach im Sommer 1941 mit Gemeindemitgliedern.

Das starke Engagement des jungen Pfarrers erregt den Argwohn der Ortsgruppenleitung, zumal ihm selbst seine Gegner Erfolg attestieren müssen: »In den Gottesdiensten selbst befleißigt er sich, bei den Kirchenbesuchern Eindruck zu erwecken und sie zu fesseln, wobei er durch mehr oder minder versteckte Anspielungen auf angeblich kirchenfeindliche Maßnahmen und Anordnungen des Staates seinen Äußerungen im Allgemeinen den Anschein der Harmlosigkeit zu geben weiß.«

Auch außerhalb der Predigten ist die Distanz des Pfarrers wie auch seiner Frau zum NS-Regime spürbar. Beide verwenden den so genannten »Deutschen Gruß« - »Heil Hitler!« - nicht mehr.

Im Laufe des Jahres 1942 häufen sich die Denunziationen. Gravierende Folgen hat Niederstraßers Predigt im Trauergottesdienst für Gefallene am Sonntag, 28. Juni 1942: »Man hat in politischen Kreisen den Warthegau im Osten den kirchlichen Exerzierplatz Deutschlands genannt. Was dort heute geübt wird, soll morgen auch im Reich in Übung treten. Dort im Warthegau gelten folgende 13 Punkte.« Nach der Verlesung der Punkte fährt er fort: »Das sind 13 Punkte, nein 13 Todesurteile gegen die christliche Kirche. Inzwischen schreitet die Auflösung des Glaubens auch im Reiche Schritt für Schritt fort. Wo soll ich beginnen, wo aufhören? Man drängt die Kirche zurück aus dem öffentlichen Leben, zunächst in ihre Mauern, doch auch dort lässt man sie nicht. Anstelle der Taufe tritt die Namensgebung. Anstelle der Konfirmation tritt die Jugendreife, die politische Verpflichtung der Jugend. Anstelle der Trauung die Eheweihe. Anstelle der christlichen Beerdigung die Totenehrung. Es ist die Absicht vorhanden, dass auf christlichen Friedhöfen auch nichtchristliche Bestattungen stattfinden müssen, dass selbst die Gotteshäuser zu solchen Feiern geöffnet werden müssen. ... Genug. Warum bist du so ferne, verbirgst dich zur Zeit der Not? Warum?! Weil der Gottlose Übermut treibt, muss der Elende leiden!«

»Anstelle der Konfirmation tritt die Jugendreife...«: Niederstraßer mit Konfirmanden in den 30er-Jahren.
Foto: Privat
   »Anstelle der Konfirmation tritt die Jugendreife...«: Niederstraßer mit Konfirmanden in den 30er-Jahren.

Niederstraßer hat als Predigttext für diesen Gottesdienst Psalm 10 ausgewählt, dessen Anfang er in die letzten Sätzen des Zitates fast wörtlich einfügt. Die »13 Punkte« hat im Juli 1940 der Gauleiter des »Reichsgaus Wartheland« im besetzten Polen, Arthur Greiser, einem Vertreter der evangelischen Kirche als neue kirchenpolitische Leitlinie vortragen lassen. Tatsächlich diente das Warthegau als Experimentierfeld für kirchen- und christentumsfeindliche Vorstellungen, die sich innerhalb der NS-Führung immer mehr durchsetzten.

Als erste Sanktion nach der Anzeige wegen der Predigt widerruft der Regierungspräsident von Mittel- und Oberfranken die Zulassung Niederstraßers zum Religionsunterricht. Die Ermittlungsergebnisse der Bayreuther Justizbehörden fasst Oberstaatsanwalt Krumbholtz am 4. März 1943 in einem Schreiben an den Generalstaatsanwalt beim Oberlandesgericht Bamberg mit beigefügtem Entwurf einer Anklageschrift zusammen: Er empfiehlt die Anordnung der Strafverfolgung wegen »fortgesetzter Vergehen« gegen das Heimtückegesetz (HTG) und gegen den so genannten »Kanzelparagrafen« und erwartet eine Verurteilung durch das Sondergericht Bayreuth »zur Gefängnisstrafe von 1½ bis 2 Jahren«.

Niederstraßer ist im Blick auf mehrere beanstandete Äußerungen geständig, »sucht sie aber sämtlich zu verharmlosen und im Zusammenhang mit den Pflichten seines Berufes zu bringen. Er habe sich als evangelischer Pfarrer für berechtigt und verpflichtet gehalten, örtliche Verhältnisse zu kritisieren und auf die ernste Bedrohung des kirchlichen und damit des inneren Friedens unseres Volkes, insbesondere durch die beabsichtigte Einführung der 13 Punkte, hinzuweisen.« Erschwerend wird vermerkt, dass Niederstraßer sich »hartnäckig« weigert anzugeben, woher er den Text der »13 Punkte« hat.

Inzwischen ist Niederstraßer am 27. Februar 1943 zum Kriegsdienst einberufen worden. Am 21. Dezember 1943 stellt das Sondergericht Bayreuth das Verfahren ein und schickt die Akten an den Führer von Niederstraßers Einheit mit der Bitte »um Weiterleitung an das für Niederstraßer zuständige Kriegsgericht«.

Doch damit haben wir zeitlich schon sehr weit vorgegriffen. Noch einmal zurück ins Jahr 1942. Wie reagieren Niederstraßer, seine Gemeinde und seine kirchlichen Vorgesetzten auf die Verfolgungsmaßnahmen? Am 10. April 1942 wendet sich der Pfarrer an seinen Dekan August Ammon: »Durch die Treue der Gemeinde kann ich (menschlich gesprochen) allen Anschlägen, die von dritter Seite gegen mich unternommen wurden und noch unternommen werden, widerstehen.«

Als sich die Situation nach dem Trauergottesdienst am 28. Juni 1942 immer mehr zuspitzt, ermahnt der Bayreuther Kreisdekan Otto Bezzel seinen Pfarrer zu mehr Vernunft. Mit Bezug auf dieses Gespräch rechtfertigt Niederstraßer in einem Schreiben am 23. August 1942 sein Verhalten: »Schließlich haben wir in der heutigen Zeit nicht nur ein priesterliches, sondern auch ein prophetisches Amt zu versehen.« Am 23. Oktober 1942 bittet Niederstraßer auf dem Dienstweg den Landeskirchenrat (LKR) um Material zur kirchlichen Lage im Warthegau für sein Sondergerichtsverfahren. Eine Antwort darauf findet sich nicht in den Akten. Als das Landratsamt am 21. Februar 1943 Niederstraßer auch noch die Erteilung von Religionsunterricht in kirchlichen Räumen verbietet, protestiert der Kirchenvorstand am 26. Februar beim Landrat gegen diese »Verfügung, die jeder rechtlichen Grundlage entbehrt«. Niederstraßer muss am nächsten Tag zur Wehrmacht einrücken.

Verhaftung an der Front in Norwegen

Kreisdekan Bezzel schreibt dem »Kanonier« am 20. März 1943, dass er mit dem Landrat gesprochen habe. Dieser räume einen Fehler bei seiner Verfügung ein. Sein Verbot des Religionsunterrichtes in kirchlichen Räumen beziehe sich nun nur noch auf die Schulunterrichtszeit, nicht aber auf die Freizeit der Schüler. Bezzel hält es für nötig, bei dieser Gelegenheit Niederstraßer wegen seines »Einzelgängertums« zu rügen: »Die Art, wie Sie in Ihrer Abschiedspredigt von den Dingen sprachen, geht nicht an - Sie werden ja jetzt beim Heer lernen, dass in der Batterie und im größeren Rahmen keiner seinen privaten Krieg führen kann. Lassen Sie sich das zum Exempel dienen.«

Niederstraßer wird zur Jahreswende 1943/44 bei der Wehrmacht wieder mit seinem Verfahren konfrontiert, als bei seiner Einheit in Norwegen die Akten vom Sondergericht Bayreuth eintreffen. Doch zu einer Verhandlung vor dem zuständigen Kriegsgericht kommt es offensichtlich nicht, weil Niederstraßers Regiment eine Niederschlagung wegen Geringfügigkeit vorschlägt.

Am 1. Dezember 1944 wird der Pfarrer völlig überraschend in Norwegen verhaftet und ins Kriegswehrmachtsgefängnis Oslo eingeliefert. Kurz vor Weihnachten verlegt man ihn nach Ostpreußen. Dort wird dem Gefangenen erst am 30. Dezember der Grund seiner Haft mitgeteilt: »Schwere Verstöße gegen den Kanzelparagrafen und das Heimtückegesetz«. Niederstraßer wird aus der Wehrmacht ausgestoßen und der Gestapo übergeben. Das parteihörige Oberste Kommando der Wehrmacht ist damit einem Antrag des zu Heinrich Himmlers Apparat gehörenden Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) nachgekommen.

Was das RSHA zu diesem Zeitpunkt zu der Maßnahme veranlasst, bleibt offen. Entweder hat die in den Fall Niederstraßer involvierte Gestapo-Stelle in Nürnberg Meldung nach Berlin gemacht, oder die Sondierungen der Justizbehörden in Bayreuth und Bamberg an höchster Stelle in Sachen »13 Punkte« sind der Auslöser. Möglicherweise steht die Verhaftung im Zusammenhang mit dem harten Vorgehen gegen Regimekritiker auch und gerade in der Wehrmacht nach dem 20. Juli 1944.

Seiner Frau, die mit ihren drei Söhnen - Wolfgang wurde im Juni 1941 geboren - weiter im Warmensteinacher Pfarrhaus lebt, kann er aus der Haft schreiben, die ihrerseits Dekan Ammon verständigt. Schon am 14. Dezember 1944 meldet dieser die Verhaftung an den LKR weiter mit der Bitte um Einschaltung eines Verteidigers, weil er befürchtet, dass im Blick auf Niederstraßers Verfahren jetzt »strengere Maßstäbe« gelten als 1942.

Als in Bayreuth die Übergabe des Pfarrers an die Gestapo bekannt wird, bittet Kreisdekan Bezzel den LKR am 8. Januar 1945, Niederstraßer »Rechtsschutz zu gewähren«, weil es nach der Ausstoßung aus der Wehrmacht nun besonders »ernst« wird. Wenig später beschließt der LKR, beim Zellengefängnis Nürnberg, in das Niederstraßer inzwischen nach einer Haftzeit in Königsberg überführt worden ist, einen Antrag auf Haftentlassung zu stellen. Leider bleiben diese Bemühungen ohne Erfolg. Wenigstens kann seine Frau ihn im Nürnberger Gefängnis besuchen.

Am 12. April 1945, wenige Tage vor der Schlacht um Nürnberg, wird Niederstraßer ins grauenhaft überfüllte Konzentrationslager Dachau verlegt und dort als »Schutzhäfting« mit der Nummer 153126 registriert. Bei den Todesmärschen zur Räumung des Lagers vor der herannahenden Front Ende April 1945 soll auch Niederstraßer noch Richtung Alpen getrieben werden, kommt aber in der Nähe von Wolfratshausen Anfang Mai frei. Am 14. Mai 1945 meldet Niederstraßer sich bei Kreisdekan Bezzel in Bayreuth zum Wiederantritt seiner Pfarrstelle. Am Pfingstsonntag hält der Heimgekehrte, noch sichtlich gezeichnet von der KZ-Haft, seinen ersten Gottesdienst in Warmensteinach.

Niederstraßers Enttäuschung über die mangelnde Solidarität mit ihm in der Zeit seiner Verfolgung lässt sich aus einigen Äußerungen ablesen. Etwa wenn er in einem Entlastungszeugnis mutige Hilfe würdigt »in Zeiten, als mir von näher stehenden Kreisen aus Furcht vor eigener Benachteiligung jegliche Hilfe versagt wurde«. Oder wenn er im Herbst 1945 zunächst die Ausfüllung eines landeskirchlichen Fragebogens zu politischen Maßnahmen gegen die Pfarrerschaft im »Dritten Reich« ablehnt mit dem Hinweis: »Der LKR sah sich zur Zeit meiner Anklage nicht in der Lage, sich mit meinem Anklagegegenstand zu identifizieren.«

Prophetisches Wächteramt

Dabei sieht er auch sein eigenes Versagen in der Wahrnehmung des der Kirche aufgetragenen prophetischen Wächteramtes: »Im Blick auf die vergangenen Jahre und das Gottesgericht im Kriegsende, glaube ich urteilen zu müssen, dass auch wir, ich selber und wir alle, unermessliche Schuld tragen vor unserem Volke und vor Gott. - Wir sind dem Staate unbrüderlich, unchristlich und lieblos begegnet, sofern wir aus Angst vor seinen Machtmitteln den Anspruch Gottes an unser Volk nicht eindeutig genug aufgerichtet haben, und wir haben für unserer eigene Entscheidung und Haltung die Grundlage unserer reformatorischen Kirche, das Handeln allein aus dem Worte, weithin verlassen. ... So ist denn die Buße, die wir heute unserm Volke predigen müssen, uns selber - mir und uns allen - am nötigsten, nicht aber der Erweis unserer 'Gerechtigkeit' mittels Daten einzelner politischer Verfolgungen, die nicht charakteristisch sind für uns!«

Wolfgang Niederstraßer arbeitet ab 1946 als Gefängnisseelsorger in Aichach und Nürnberg. Von 1958 bis zu seinem Ruhestand 1972 ist er wieder Gemeindepfarrer in München-Laim und Füssen. Er stirbt am 21. September 1981 in Pfronten.

  Die Ausstellung »Gegen den Strom - in Bayreuth und anderswo« des Evangelischen Bildungswerks Bayreuth/Bad Berneck ist noch bis Ende August in der Bayreuther Christuskirche zu besichtigen.

  Lebensbilder von weiteren widerständigen Protestanten im Buch von Björn Mensing/Heinrich Rathke: Mitmenschlichkeit, Zivilcourage, Gottvertrauen. Evangelische Opfer von Nationalsozialismus und Stalinismus, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2003, 14.80 Euro.

 

Kirche und Nationalsozialismus

Kirche und Nationalsozialismus (Bild: Dietrich Bonhoeffer und »Reichsbischof« Ludwig Müller)

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abgerufen 08.02.2012 - 10:56 Uhr

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