Frischer Wind am Sebalder Platz
Neue Leitung - Bilanz der 53. Internationalen Orgelwoche Nürnberg
Die 53. Internationale Orgelwoche Nürnberg (ION) war ein Festival im Umbruch, bereits deutlich geprägt von der Handschrift des neuen künstlerischen Leiters Robert King.
 Foto:
Fechter
 Krönender Abschluss der diesjährigen Nürnberger Orgelwoche: Antonín Dvoráks Requiem in St. Lorenz mit den Brünner Philharmonikern und dem Philharmonischen Chor Brünn unter der Leitung von Leoš Švárovský.
|
King will die Zukunft der ION, immerhin das dienstälteste deutsche Festival für Geistliche Musik, langfristig sichern. In Zeiten wegbrechender Sponsoren und gekürzter Etats (2005 muss King mit 35 Prozent weniger Budget auskommen) sucht der britische ION-Boss nach neuen Wegen und neuen Publikumsschichten.
Bezeichnend für den frischen Wind, der während der ION durch Nürnbergs Kirchen wehte, war das »City-Event« genannte Happening auf dem Sebalder Platz: Über eine Großbildleinwand flimmerte ausnahmsweise kein Fußball, sondern der kultverdächtige Stummfilm »Das Phantom der Oper« mit Lon Chaney in der Titelrolle. Dank freiem Eintritt fanden sich trotz unverhältnismäßig eisiger Witterung genug Filmfans fast jeden Alters, die erleben durften, wie David Briggs an der Orgel der Sebalduskirche den schwarzweißen Filmbildern mit der Musik von Carl Davis Leben einhauchte.
Bei den übrigen, konventioneller »gestrickten« Konzerten hielt sich der Zustrom jüngerer Publikumsschichten dagegen in Grenzen, die ION-Stammhörer blieben unter sich, auch ein »Verdienst« der ziemlich gesalzenen Eintrittspreise.
Bei seiner Programmgestaltung hatte Robert King darauf geachtet, Vielfalt zu bieten, ohne aus der ION gleich einen musikalischen »Gemischtwarenladen« zu machen.
Einen prägnanten Eindruck hinterließ das US-amerikanische »Raschér«-Saxofonquartett, das ganz abseits des Aufmerksamkeits-Effektes (ob der ungewöhnlichen Besetzung) mit selten gespielten Stücken wie Phil Glass' Konzert für Saxofonquartett punkten konnte.
Das Festivalmotto »Cum Sancto Spiritu« nahm Robert King offensichtlich zum Anlass, zum Finale der Internationalen Orgelwoche den Heiligen Geist mit aller Macht zu beschwören: Unter dem Titel »Die gewaltige Orgel« ließ man die Wände der Sebalduskirche mit jenen französischen »Zugstücken« wackeln, welche die »Königin der Instrumente« im 19. Jahrhundert aus dem »Kirchen-Getto« befreien sollten.
Weder bei Francis Poulencs g-Moll-Konzert für Orgel, Streichorchester und Pauken von 1938 noch bei Camille Saint-Saëns' titanischer »Orgelsymphonie« Nr. 3 c-Moll (op. 78) lässt sich die säkulare Prägung wegdiskutieren. Immerhin sorgt das Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken unter Yan-Pascal Tortelier im Verein mit dem Organisten James O'Donnell für strukturelle Klarheit und seidige Klangfarben.
Richtig filigran gerät zum krönenden Abschluss Antonín Dvoráks b-Moll-Requiem (op. 89, B 165) mit den Brünner Philharmonikern und dem Tschechischen Philharmonischen Chor Brünn unter Leoš Švárovský. Vor allem die junge Sopranistin Simona Houda-Šaturová gefällt durch lyrische Kantilenen ohne jede Erdenschwere.
Fragt sich nur, ob solches Weltklasseniveau auch dann zu halten ist, wenn Robert King am Tisch der nächsten Programmkonferenz mit den Sparkommissaren diskutieren muss. |