Kein gemeinsames Gebet mehr in der Geburtskirche
Wachsende Spannungen zwischen Christen und Muslimen im Heiligen Land
Sie sind Araber und Palästinenser, aber keine Muslime. Die Christen im Heiligen Land leiden zunehmend unter den Spannungen im Zusammenleben mit ihren muslimischen Landsleuten.
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 Vor der Geburtskirche in Bethlehem.
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Wann bist du denn Christ geworden?« Daoud (David), Lutheraner aus Bethlehem, hat diese Frage oft gehört. In Europa oder Amerika wissen nämlich nur wenige, dass die palästinensischen Christen die Nachkommen der Urchristen sind. Bis auf eine kurze Zeitspanne zwischen dem fünften und siebten Jahrhundert sind die Christen des Heiligen Landes jedoch immer in der Minderheit gewesen. In den Anfängen des Islam haben Christen und Muslime friedlich nebeneinander gelebt.
Doch hat die Harmonie zwischen Christen und Muslimen im Heiligen Land Risse bekommen? Die »unerschütterliche Nationaleinheit unter den Palästinensern ist jetzt ziemlich erschüttert«, stellt der Christ und Soziologe Suleiman Abu Dayyeh aus Bethlehems Nachbarort Beit Jala fest. Mit großer Sorge beobachtet er seit Monaten zunehmende Spannungen zwischen Christen und Muslimen im so genannten »christlichen Dreieck Bethlehem-Jerusalem-Ramallah in bisher unbekanntem Ausmaß«.
Dies habe sehr gefährliche Auswirkungen auf den bisher »intakten« Zusammenhalt der mehrheitlich muslimischen palästinensischen Gesellschaft, erklärt der Mittvierziger, der in Deutschland studiert hat. Auch wenn die Zahl der Zusammenstöße noch nicht hoch sei, weise sie darauf hin, dass etwas Dramatisches im Gange sei.
»Es ist traurig, dass aus dem kleinsten Streit zwischen einem jugendlichen Muslim und einem gleichaltrigen Christen ein großer Familien- oder Clanstreit entsteht«, bedauert Suleiman. Oft ginge der Streit »unzivilisiert und blutig« aus. Und die Polizei greife, wenn überhaupt, zu spät ein. Jedenfalls zögen die Christen am Ende den Kürzeren und »der Fall wird ad acta gelegt«, berichtet der Soziologe. Oft geht es dabei um Landstreitigkeiten.
Viele Christen seien verunsichert, sagt Suleiman, man wende sich vom öffentlichen Leben ab, die christliche Auswanderung sei »beängstigend angestiegen«.
Insgesamt, so sein Fazit, »steigerte die palästinensische Intifada die gesellschaftliche Aggressivität und die Gewaltbereitschaft aus dem kleinsten Anlass.« Das Denken und Handeln sei »brutalisiert und militarisiert« worden. »Wenn die Selbstmordattentäter zu Idolen und damit das Sterben zu einem Lebensziel für viele Jugendliche geworden ist, kann man sich die Veränderungen im Denken der Menschen bei uns vorstellen.« Dies verringere »im Konflikt mit Israel die Chancen auf eine friedliche Regelung auf ein Minimum«. Daran sei zum großen Teil auch die israelische Politik schuld. »Israel bekommt die Geister, die es gerufen hat.«
Auch in Ägypten hat sich das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen verändert. Eine »Welle der Islamierung« löse »Unruhe bei den Christen« aus, so der Theologe, Philosoph und Psychologe Henri Boulad. Christen würden in Ägypten in vielen Bereichen diskriminiert und stünden unter Druck zu konvertieren.
Sind die Zeiten wirklich vorbei, die der Deutschlehrer Qusay Shehadeh aus Bethlehem in seinem persönlichen Brief »Wie lange müssen wir noch warten, bis unsere Gelehrten grünes Licht für Toleranz geben?« beschreibt? Der Muslim zitiert darin seine Mutter: »Es gab keinen Unterschied zwischen Christen und Muslimen. Wenn es in Bethlehem Dürre gab, gingen wir alle in die Geburtskirche: Männer, Frauen, Kinder - Christen und Muslime. Dort beteten wir gemeinsam. Und wenn wir aus der Kirche kamen, fing es an zu regnen.« |