»Gläubige können nicht getrennt werden«
Eugen Drewermann kommt zum Vortrag nach München
Der katholische Theologie Eugen Drewermann ist bekannt für seine Kritik an den Strukturen der Amtskirche. Aber auch Weltpolitik und Wirtschaft betrachtet er kritisch. Über Krieg und Gewalt sprach Drewermann in einem Interview mit Rieke C. Harmsen
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 »Das Problem ist nicht Saddam Hussein, nicht George W. Bush, sondern unsere Welt, die den Krieg immer noch als akzeptable Problemlösung anerkennt.« - Der Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann.
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Sie haben mal gesagt: »Mir scheint es unmöglich, katholisch zu sein, ohne Protestant zu werden«. Was meinen Sie damit?
Drewermann: Es ist unmöglich, die Botschaft Jesu, die allen galt, konfessionell gegeneinander zu verwalten. Wenn der Name katholisch einen Sinn macht, müsste man ihn lateinisch wiedergeben als »universell«. Ich finde es skandalös, dass auf den Kirchentagen die Protestanten um Mahlgemeinschaft bitten, die Katholiken aber diese unter ihren Bischöfen verweigern sollen. Jesus hat alle Menschen gemeint. Gläubige können nicht getrennt werden von Gläubigen. Daraus ist geworden, was wir vor dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin erlebt haben. So darf und kann es nicht bleiben.
Wie kann man heute Kirchendistanzierte ansprechen?
Drewermann: Wir müssen Übersetzungsarbeit leisten. Die Grundfrage des Menschen ist: Wie antwortest du auf Angst? Wie kommst du aus der Gewaltspirale heraus? Wie erlöst du die Menschen von ihrer Todespraxis, die es erlaubt, in der Nordhalbkugel gigantische Reservoirs anzulegen und die Menschen im Süden in den Tod zu treiben? Wir könnten die Begriffe Angst und Verzweiflung, auf jeder Ebene, sei es sozial, ökonomisch, ökologisch oder psychologisch durchdeklamieren, und wir hätten lauter Themen, die alle Menschen interessieren. Es gibt kein Refugium des Christlichen nur für die Kirchenzugehörigen. Die Themen, die Jesus angesprochen hat, gelten für alle Menschen.
In der Münchner Lukaskirche werden Sie über das Johannesevangelium sprechen. Welche Bedeutung hat dieses heute?
Drewermann: Es treibt mir Tränen in die Augen, wenn ich den Satz lese, gleich am Anfang des Johannesevangeliums: »Denn das Gesetz kam durch Moses. Aber die Gnade, die Offenbarkeit Gottes ward durch Jesus Christus«. Wir müssten jetzt die Gnade noch einmal, 450 Jahre nach Luther, übersetzen für den Marktplatz. Jeder Mensch muss eine Asylstätte bekommen, an der er sich absolut akzeptiert fühlen darf. Wo man ihn nicht fragt: Was hast du gemacht, was kann ich mit dir machen, wozu bist du nützlich? Sondern: Wer bist du als Mensch, was hat man mit dir gemacht, ehe du so wurdest, was geht in dir vor? Solche absoluten Asylräume müssten für jeden Menschen geöffnet werden.
Gilt ein solches Gnadengebot auch für Saddam Hussein?
Drewermann: Natürlich, es gilt für jeden Menschen. Hussein ist in einer Kulturregion groß geworden, die seit Jahrhunderten nichts als Gewalt kennen gelernt hat, in einem Staat, der aus den Machtspielen des Kolonialismus durch gewalttätige Teilung und Sicherung von Erdölplattformen für die westlichen Industrieländer hervorgegangen ist. Das Problem ist nicht Saddam Hussein, nicht George W. Bush, sondern unsere Welt, die den Krieg immer noch als akzeptable Problemlösung anerkennt. Zwischen Osama Bin Laden und Saddam Hussein gab es nie eine wirkliche Verbindung, anders als wie bis heute von den Amerikanern in lügnerischer Weise verbreitet wird. Aber es gab eine Gemeinsamkeit: Beide waren jahrelang die Verbündeten der USA. Wo sitzen die Schuldigen? Kann man diese Welt überhaupt in Gut und Böse einteilen? Müssten wir nicht die gesamte Grundlage ändern?
Wen würden Sie als neuen Papst wählen und was müsste seine erste Amtshandlung sein?
Drewermann: Das Problem ist nicht die Person, sondern die Definition der Institution. Er müsste simpel sagen, ihr habt mich gewählt, und die Macht, die ihr mir verliehen habt, gebrauche ich jetzt zur Neudefinition dessen, für das ihr mich vorgesehen habt. Es kann keinen Papst mehr geben, der im Namen Gottes auf Erden einen Unfehlbarkeitsanspruch erhebt. Ein Papst muss von den Gläubigen eingesetzt und genauso wieder abgesetzt werden. Er ist ein Sprachrohr der Gläubigen, aber er ist nicht ohne weiteres ein Sprachrohr Gottes. Was er als Erstes tun sollte, ist Zuhören. Wir erleben gerade eine Amtszeit, in der ich nie gesehen habe, dass der Papst ein wirkliches Gespräch geführt hätte. Wer auch immer vor ihm oder neben ihm sitzt - ein Patriarch, ein Politiker, ein Kirchenmann - er liest seine Zettel vor. So kommt kein Dialog zu Stande. Und das muss sich ändern, sollte sich ändern, aber ich habe nicht die Hoffnung, dass es alsbald geschähe...
Eugen Drewermann hält am Freitag, 16.7., um 19 Uhr in der Lukaskirche München (Thierschstr. 28) einen Vortrag zum Thema »Der Geist weht, wo er will - Betrachtungen zum Johannesevangelium«. Karten zu 10 Euro gibt es an der Abendkasse.
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