Sozialpolitischer Durchbruch oder Sackgasse?
Stadtmission Nürnberg will mehr Leistung bringen und dabei noch Geld sparen
Was andere Wohlfahrtseinrichtungen für unmöglich halten, will die evangelische Stadtmission Nürnberg in einem außergewöhnlichen Modellversuch probieren: mehr Leistung für das gleiche Geld.
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 Gabriele Sörgel (Zweite von links) von der Stadtmission bei der Vertragsunterzeichnung. Rechts hinter ihr Bezirkstagspräsident Richard Bartsch.
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Es erscheint wie die Quadratur des Kreises. Die größte Wohlfahrtsorganisation Nürnbergs will die Zahl der von ihr versorgten psychisch Erkrankten, die im Betreuten Wohnen leben, um bis zu 20 Prozent erhöhen, ohne vom Geldgeber, dem Bezirk Mittelfranken, einen Cent mehr zu verlangen.
»Wir wollen damit die deutsche Sozialgeschichte beeinflussen«, verkündete der mittelfränkische Bezirkstagspräsident Richard Bartsch bei der Vertragsunterzeichnung in Nürnberg. Bundesweit einmalig sei die Vereinbarung, mutmaßte er. Ein Novum für Bayern ist sie allemal.
Seit Jahren steigt die Zahl psychisch Kranker steil an, die in der eigenen Wohnung oder in Wohngemeinschaften von Sozialpädagogen wieder an das reale Leben herangeführt werden. Um die Kosten nicht völlig aus dem Ruder laufen zu lassen, legte der finanziell klamme Bezirk Mittelfranken, der die Eingliederungshilfe für psychisch Kranke aufbringen muss, eine Vollbremsung hin. Für die Stadtmission bedeutete das, dass 81 Kranke, die ins Betreute Wohnen wollten, draußen vor der Tür bleiben mussten.
Eigentlich die klassische Situation für Grabenkämpfe. Es gehört in solchen Fällen zum eingeübten Ritual, dass die Wohlfahrtseinrichtungen den Politikern fehlendes soziales Gewissen vorwerfen. Umgekehrt heißt es, Sozialmenschen hätten keine Ahnung von Haushaltspolitik. So geht es landauf, landab, und Gabriele Sörgel, Vorstandssprecherin der Stadtmission, hatte es ziemlich satt.
Der auf drei Jahre Laufzeit geschlossene Vertrag mit dem Bezirk garantiert ihr für das Betreute Wohnen ein festes Jahresbudget von 1,1 Millionen Euro. Das schafft Planungssicherheit. Entscheidender noch ist, dass sich die Stadtmission durch den Verzicht auf Erhöhungen ein hohes Maß an Freiheit eingehandelt hat. Künftig gibt es keine festgelegte Platzzahl, keinen festen Personalschlüssel und keinen unumstößlichen Betreuungsschlüssel mehr. Die Stadtmission darf nun flexibel entscheiden, welchem Klienten sie welches Maß an individueller Unterstützung zukommen lässt.
Darin liegen Spareffekte. Wenn ein Betreuter so weit ist, dass er nicht mehr jede Woche ein pädagogisch-therapeutisches Einzelgespräch braucht, dann findet es eben nur noch jede dritte Woche statt und macht so Kapazitäten für andere frei, die sonst nicht aufgenommen werden könnten. Und warum, fragt Sörgel, muss ein Klient beim Behördengang in Begleitung eines teueren Sozialpädagogen sein, wenn es eine ehrenamtliche Kraft gibt, die gerne mitgeht und zu der er Vertrauen hat. »Das bisherige System gibt zu wenig Anreiz zur Sparsamkeit«, stellt die Stadtmissions-Chefin fest.
»Einige Überzeugungsrunden« habe es gebraucht, erzählt Sörgel, bis sie beim Diakonischen Werk Bayern grünes Licht bekam. »Es muss doch irgendwann mal einer den ersten Schritt machen«, sagt sie fast beschwörend. »Wir kommen doch nicht weiter, wenn sich jeder in seinen Positionen verschanzt.« Eine Hintertür hat sie sich dennoch offen gehalten: Wenn das Experiment die Stadtmission ins Defizit stürzen sollte, darf sie die Reißleine ziehen und den Vertrag beenden. Doch damit rechnet niemand, am wenigsten der Bezirkstagspräsident. »Nach drei Jahren werden alle neidisch sein, die nicht mitgemacht haben«, sagt er voraus. |  |