Wie in einer schlechten Ehe
Vor 950 Jahren trennten sich Ost- und Westkirche
Von
Hans-Dieter Frauer
Es war das erste große Schisma der Christenheit: Am Absolutheitsanspruch des römischen Papstes zerbrach vor 950 Jahren die Einheit der Kirche
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 Auch in der Kunst haben sich die Kirchen in Ost und West auseinander entwickelt: Segnender Christus, Giovanni Bellini, 1465, Paris, Louvre, und...
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Das Morgenländische Schisma, die erste große Kirchenspaltung, lässt sich auf den Tag genau datieren: Am 16. Juli 1054, vor 950 Jahren, legte der römische Kardinal Humbert von Silva Candida die Bann-Bulle auf einen Altar der Hagia Sophia in Konstantinopel. In ihr werden die orthodoxe Kirche als »Quelle aller Häresien« bezeichnet, der Patriarch Michael Kerullarios und führende Personen der orthodoxen Kirche exkommuniziert. »Der Rock Christi zerriss«, so sahen es schon Zeitgenossen.
So spektakulär die Handlung auch war - ihr folgte kurz darauf die Exkommunikation Humberts von Moyenmoutier (westfränkischer Mönch und sizilianischer Bischof) und seiner Begleiter durch die orthodoxe Kirche -, so bildete sie nur den Abschluss einer fast tausendjährigen Entfremdung zwischen West- und Ostkirche. Historiker stimmen heute darin überein, dass nicht theologische Differenzen der Hauptgrund für die Trennung waren, sondern kirchenpolitische Faktoren. Hier ist vor allem der immer ungenierter erhobene Machtanspruch des Bischofs von Rom zu nennen.
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 ... Christus Pantokrator, eine Ikone aus dem 16. Jahrhundert, heute im Byzantinischen Museum auf Zypern.
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Rund tausend Jahre, vom fünften bis ins fünfzehnte Jahrhundert, zog sich der Entfremdungsprozess hin, der wenig mit Theologie, um so mehr aber mit Macht- und Kirchenpolitik zu tun hatte: Griechen hielten Römer schon immer für ungebildete Barbaren, die Römer wiederum misstrauten der vermeintlichen intellektuellen Arroganz der Griechen.
Die Kirchenspaltung des Jahres 1054 wurde durch ganz banale Ereignisse begünstigt. Die zur Zeit der Urkirche im gesamten Mittelmeerraum gesprochene Weltsprache Griechisch hatte ihre Bedeutung immer mehr verloren. Im Westen sprach man fast nur Latein. Umgekehrt verschmähten es die griechischen Patriarchen, diese von ihnen als »barbarisch« eingestufte Sprache zu lernen. Daher schrumpfte der theologische Austausch.
Kulturen und Theologie entwickelten sich in West und Ost unterschiedlich. Die überwiegend juristisch-politisch gebildeten Theologen der Westkirche beschäftigten sich mit Themen wie Erbsünde und Rechtfertigungslehre. Für die auch in Philosophie und Naturwissenschaften gebildeten Theologen der Ostkirche ging es mehr um grundlegende philosophische Fragen.
Unterschiedliche Mentalitäten ergaben unterschiedliche Ansätze in der Erlösungslehre: Im Westen konzentrierte man sich auf eine Art juristischen Akt zwischen Gott und Mensch. Jesus Christus nahm die Strafe für die menschliche Schuld auf sich und »versöhnte« so den himmlischen Vater wieder mit der Welt. Im eher mystisch orientierten Osten dagegen machen Tod und Auferstehung Christi den Menschen wieder gottähnlich, befreien von Sünde und ewigem Tod.
Außerdem entwickelten sich im Laufe der Zeit im Westen und im Osten unterschiedliche Gottesdienstliturgien und verschiedene Bekreuzigungsriten. In den Kirchen des Ostens hielt man an der bis ins vierte Jahrhundert zurückreichenden Liturgie fest, Musikinstrumente sind bis heute unüblich, man steht beim Beten, verehrt Ikonen und lehnt Heiligenstatuen ab. Im Osten waren Laien an Theologie und Kirchenführung beteiligt, im Westen entwickelte sich eine reine Klerikerkirche.
Auch die politische Entwicklung begünstigte die Kirchentrennung. Das Oströmische Reich (wo die Christenheit von zwei Seiten gleichzeitig unter Druck gesetzt wurde, von der römischen Papstkirche und vom aufkommenden Islam) hatte immer sein gewachsenes Machtzentrum Konstantinopel. Mehrere stets ranggleiche Patriarchen standen dem mächtigen, in Byzanz residierenden Kaiser gegenüber.
Im Westen dagegen trat an die Stelle des untergegangenen Römischen Reiches mit seinen im Dauerzwist liegenden lokalen Fürsten der Bischof von Rom, der als Einziger Stabilität und Kontinuität zu gewährleisten schien. Ihm wuchs immer mehr an zentraler Autorität zu. Schon früh erhob er den Anspruch, die absolute Autorität aller zu sein.
Für die Griechen musste eine Welt zusammenbrechen, als dieser römische Bischof mit Karl dem Großen einfach einen Barbarenführer zum Kaiser krönte, obwohl man doch in Byzanz schon einen hatte!
Das letzte gemeinsame Konzil der Ost- und Westkirche tagte im Jahr 787. Die sich danach herausbildenden Unterschiede wurden vertieft durch den heute rational nicht mehr erklärbaren »Filioque-Streit«: Die Westkirche hatte das aus dem Jahr 381 stammende nicänische Glaubensbekenntnis eigenmächtig ergänzt, um die Gleichheit von Gott, dem Vater, und Gott, dem Sohn, zu unterstreichen. Diese Änderung wurde von der Ostkirche nicht mitgetragen, weil sie nicht von einem gemeinsamen Konzil aller Kirchen beschlossen worden war.
Der Westen führte zudem das - biblisch nicht begründbare - Zölibat ein, der Osten nicht. Im Jahre 1054 kam es dann zur Kirchenspaltung, weil der römische Papst dem von Normannen bedrohten - damals byzantinischen - Sizilien nur zu Hilfe kommen wollte, wenn die Kirchen dort den westlichen Ritus übernehmen würden.
Verbannung aus der Liturgie
Das lehnte der Patriarch von Konstantinopel selbstverständlich ab. Es kam zu Gewalttätigkeiten auf beiden Seiten. Um den Konflikt auszuräumen, wurde mit Kardinal Humbert von Silva Candida ausgerechnet der führende Theoretiker einer absolutistischen Papstherrschaft nach Konstantinopel geschickt. Er ließ sich überhaupt nicht auf Verhandlungen ein, beschimpfte und beleidigte seine Gesprächspartner und die Ostkirche. Einen sachlich argumentierenden Mönch fuhr er wutschnaubend an, er gehöre eher in ein Bordell als in ein Kloster. Von da an wurde der Name des Papstes in der byzantinischen Liturgie nie mehr genannt.
Acht Tage nach der Niederlegung der Bann-Bulle in der Hagia Sophia verurteilte die vom Patriarchen Michael Kerullarios einberufene ständige Synode verbittert das Verhalten der »aus dem Reich der Finsternis kommenden Abendländer« und exkommunizierte Humbert mit seiner Begleitung. Humbert wurde in Schutzhaft genommen, damit ihn das empörte Volk nicht lynchen konnte.
Der Bruch war nun da. Er vertiefte sich, als Konstantinopel während des vierten Kreuzzuges (1202-1204) geplündert wurde und für einige Zeit zwangsweise eine lateinisch geprägte Kirchenhierachie erhielt. Einigungsversuche im 13. und 15. Jahrhundert scheiterten und verschärften das Schisma, weil Rom die totale Kapitulation der Ostkirche verlangte. Es dauerte über 500 Jahre, bis am 7. September 1965 Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras die gegenseitigen Bannflüche aufhoben.
Von einer Wiedervereinigung der lange getrennten West- und Ostkirche kann aber bis heute keine Rede sein. Theologische Differenzen über Riten und liturgische Formen sind heute zwar in den Hintergrund getreten, die Frage des römischen Primats steht aber ebenso unverändert trennend zwischen beiden Kirchen wie der Filioque-Streit. | THEMA DER WOCHE
Papst trifft Patriarchen: Warten auf den großen Sprung nach vorn » mehr!
ZITAT
»Gar zu viel Unkraut der Ketzerei wird hier tagtäglich unter der ehrenhaften Bürgerschaft ausgesät. Angesichts der vielfachen Schmähung und Beleidigung des heiligen vornehmen Apostolischen Stuhles ist festzustellen: Michael, durch Missbrauch Patriarch, in Wirklichkeit ein Neuling, und alle seine Gefolgsleute, die in denselben Irrtümern befangen sind, sie sind verflucht mit allen Ketzern, ja mit dem Teufel und seinen Engeln, falls sie nicht etwa Vernunft annehmen sollten. Amen, Amen, Amen...«
Aus der römischen Bann-Bulle gegen die orthodoxe Kirche 1054  |