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Dieser Artikel: Ausgabe 28/2004 vom 11.07.2004
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ZEITZEICHEN


Manchen Worten wird durch die Zeitläufe eine wundersame Sinneswandlung eingeprägt. »Made in Germany« zum Beispiel, einst in England erfunden als Siegel für mindere Qualität, wurde später zum Markenzeichen für das erfolgreiche (West)Deutschland der Nachkriegszeit. Glaubt man der ausufernden Erinnerungsprosa der letzten Wochen, dann hängt dieser Bedeutungswandel ursächlich mit dem »Wunder von Bern« zusammen - wie eigentlich fast alles, was das Selbstbild der jungen Bundesrepublik begründet hat.

Heute aber interessiert uns ein anderes Wort - made in Germany. Harz heißt das und bezeichnet einen der urdeutschen mythischen Orte: ein kleines Gebirge, das aus bayerischer Perspektive den freien Blick auf den Nordpol ein wenig verstellt. Der Sage nach ging es in dieser mitteldeutschen Region früher sehr lebendig zu: Riesen und Ritter, Hexen und Jungfrauen, Rösser und Besen geistern durch unzählige überlieferte Geschichten. Wo so viel Tradition ist, wusste sich natürlich auch Goethe zu bedienen. Seine Hexen durchtanzen die Walpurgisnacht auf dem sturmzerzausten Brocken, mittendrin ein verjüngter Faust, der das übersinnliche Fest an der Seite Mephistos erlebt. Das ist der Harz, wie wir ihn aus der Vergangenheit kennen und bildungsbürgerlich verehren.

Der Harz der Gegenwart schreibt sich mit »tz« und kennzeichnet bereits den vierten Versuch, die alte Bedeutung des Wortes nachhaltig aus dem kollektiven Bewusstsein zu verdrängen. Hartz IV steht für den Richtungswechsel der Sozialpolitik. Das mittlerweile beschlossene Gesetzespaket beinhaltet die Einführung des Arbeitslosengeldes II, wonach Arbeitslose künftig nach spätestens anderthalb Jahren nur noch staatliche Unterstützung in Höhe des Sozialhilfeniveaus erhalten. Wenn demnächst auf unseren Straßen Menschen wieder Schilder tragen mit der Aufschrift »Übernehme jede Arbeit«, dann wird sich kaum einer mehr daran erinnern, dass der Har(t)z einmal zum deutschen Kulturerbe zählte.

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abgerufen 08.02.2012 - 23:19 Uhr

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