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Dieser Artikel: Ausgabe 24/2004 vom 13.06.2004
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»Frei sein, danach sehne ich mich«


Vor 75 Jahren geboren: Anne Frank ließ sich von Hass und Terror die Hoffnung nicht austreiben

Anne Frank
Foto: epd-Bild
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Es ist vermutlich das berühmteste Tagebuch der Welt: Seiner 14-jährigen Autorin gab es die Möglichkeit, sich in ihrem Gefängnis frei zu fühlen. Während Anne Frank scharfsichtig wie eine Psychologin und schalkhaft wie ein poetischer Clown das Leben im »Hinterhaus« schilderte, wo sie zwei Jahre lang eingesperrt war, entdeckte sie die Welt.

63000 Juden emigrierten 1933, im Jahr der Machtergreifung Hitlers, aus Deutschland. Viele flohen in die Niederlande. Doch 1940 marschierten die Nazis auch hier ein und errichteten ein rassistisches Terrorregime: Jüdische Lehrer und Beamte verloren ihre Anstellung; in Restaurants, Kinos, Parks verkündeten Schilder »Juden unerwünscht«; jüdische Kinder durften nicht mehr mit Nichtjuden zusammen zur Schule gehen.

Aber in dieser finsteren Geschichte gibt es Glanzlichter: In den folgenden Jahren fanden mindestens 25000 in die Niederlande geflüchtete Juden Zuflucht auf Dachböden, in Scheunen, in schwer zugänglichen Hinterhäusern - wie die Franks in Amsterdam, im Rückgebäude eines Kaufmannskontors an der Prinsengracht. Die Geheimtür, die zum Versteck führte, war geschickt als Aktenregal getarnt.

Die ebenso kurze wie aufregende Lebensgeschichte der Annelies Marie Frank, die alle Welt als »Anne« kennt und die am 12. Juni 75 Jahre alt geworden wäre, lässt sich mittlerweile gut rekonstruieren - vor allem, seit bisher unbekannte Briefe aus Annes Hand aufgetaucht sind und die englische Publizistin Carol Ann Lee 1999 (»Roses from the Earth«) die Memoiren von Annes Vater auswerten konnte.

Aus dem Mythos, der Stoff für Filme und Theaterstücke geliefert hat, wird so wieder das Mädchen Anne, aus der Symbolfigur jüdischen Martyriums ein frühreifes, starkes Persönchen - quirlig, überschäumend, witzig, Geschichten erfindend, manchmal aufdringlich und ohne Frage eitel, aber selbstkritisch und aufrichtig. Im Montessori-Kindergarten und in der Schule hat sie in der Zeit vor dem Nazi-Einmarsch eine Menge Freundinnen und später auch Verehrer um sich geschart. »Sie war ziemlich klein unter ihren Kameradinnen«, erinnert sich die einstige Schulrektorin, »aber wenn sie die Königin spielte oder die Königstochter, dann war sie plötzlich ein Stückchen größer als die anderen.« Getextet hat Anne solche Theaterstücke natürlich selbst.

Grausam muss es für dieses hellwache, neugierige, wahnsinnig gern flirtende Energiebündel gewesen sein, von einem Tag auf den andern niemanden mehr treffen zu dürfen, von der Außenwelt nur mehr einen schmalen Streif Himmel wahrzunehmen und auf engstem Raum mit zwei Familien eingepfercht zu sein. Anne: »Radfahren, tanzen, pfeifen, die Welt sehen, mich jung fühlen, wissen dass ich frei bin, danach sehne ich mich...«

Stattdessen müssen sie im Hinterhaus tagsüber mucksmäuschenstill sein, damit vorn in den Büros niemand merkt, dass hier Menschen versteckt sind. Anne versinkt in Melancholie und Depression - und schafft es trotzdem, ein tiefer, toleranter Mensch zu werden, politisches Bewusstsein zu entwickeln: »Ich habe Angst vor den Zellen und Konzentrationslagern, aber ich fühle, dass ich mutiger geworden bin und in Gottes Armen liege!«

Am 4. August 1944 dringt die Gestapo in das Versteck ein. Die Franks werden nach Westerbork, Auschwitz, schließlich nach Bergen-Belsen transportiert. Die Letzten, die Anne lebend gesehen haben, erinnern sich an ihr ausgehöhltes Gesicht, ihre Typhusflecken, ihre apathische Schwäche. Im März 1945 ist sie im KZ Bergen-Belsen gestorben.

Die Suche nach den Denunzianten, welche Anne Franks Familie und die anderen in der Prinsengracht Untergetauchten an die Gestapo verraten haben, blieb erfolglos.

»Ich gehe fast jeden Morgen auf den Speicher, (...) um frische Luft zu atmen. Von meinem Lieblingsplatz auf dem Fußboden sehe ich ein Stück vom blauen Himmel, sehe den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen schillern (...). Solange es das noch gibt, dachte ich, diese strahlende Sonne, diesen wolkenlosen blauen Himmel, und ich das noch erleben kann, darf ich nicht traurig sein.« (Tagebucheintrag 23.02.1944) »Wenn wir all dies Leid tragen und dann immer noch Juden übrig bleiben, könnten sie einmal von Verdammten zu Vorbildern werden. Wer weiß, vielleicht wird es noch unser Glaube sein, durch den die Welt und alle Völker das Gute lernen, und dafür, dafür allein müssen wir auch leiden.« (Tagebucheintrag 11.04.1944) »Ich habe Angst vor den Konzentrationslagern, aber ich fühle, dass ich in Gottes Armen liege!« Anne Frank starb im März 1945 im KZ Bergen-Belsen. Foto: epd-bild

Christian Feldmann

 


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abgerufen 08.02.2012 - 11:32 Uhr

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