Der Stachel der Sinnlosigkeit
Eindrücke aus der Normandie beim 60. Jahrestag der Landung der Alliierten
Der Ausnahmezustand vorüber, die 18000 Sicherheitskräfte, die Veteranen, US-Präsident George W. Bush, die Queen und die anderen Staatsoberhäupter haben die Normandie wieder verlassen. Die Gräber von 200000 Soldaten bleiben .
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 Parade der Veteranen: in Arromanches, bei der offiziellen Gedenkveranstaltung die der Alliierten aus 14 Nationen - erstmals auch vor den Augen eines deutschen Bundeskanzlers...
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Anfang Juni, die Tage sind lang und der Himmel über den grünen Hügeln mit ihren Hecken, den grauen Kirchtürmen und Natursteinmauern der Normandie ist hoch und weit. Wenn die Sonne untergegangen ist, kann man am Horizont die Lichter der englischen Küste blinken sehen. Von dort kamen sie vor 60 Jahren.
Die Invasion der Veteranen, Touristen, Journalisten, Staatschefs, Sicherheitskräfte zum 60. Jahrestag der Landung der Alliierten an den Stränden der Normandie ist vorüber, doch die Hinterlassenschaften der blutigen Geschichte bleiben, die Bunker mit den meterdicken Wänden und Geschützreste, die Relikte des künstlichen Kriegshafens von Arromanches, wo die auch in Deutschland im Fernsehen übertragene zentrale Gedenkveranstaltung stattfand, die von 3000 Bombentrichtern verwüstete Heide hoch oben auf der Klippe Pointe-du-Hoc.
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 Derweilen werden noch immer Tote des Krieges bestattet. Ein Bundeswehrsoldat hebt auf dem Soldatenfriedhof von La Cambe das Grab für einen gerade gefundenen deutschen Fallschirmjäger aus.
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Vor allem aber bleiben die Gräber, die Soldatenfriedhöfe, die überall für die Feierlichkeiten herausgeputzt und geschmückt worden sind und einen Besucherrummel wie selten zuvor erleben durften. Mehr als 200000 Menschen sind vor 60 Jahren in der Normandie gestorben. Rund 77000 Soldaten liegen auf den sechs deutschen Soldatenfriedhöfen der Normandie.
Zum Jubiläumswochenende der alliierten Landung herrscht auch auf dem deutschen Soldatenfriedhof von La Cambe Medienrummel wie allerorten. Nur weniger strahlend geht es hier zu, ruhiger, nachdenklicher. Das ZDF interviewt den Regensburger Karl Mass, der als 17-Jähriger in der Normandie kämpfte.
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 Der Regensburger Karl Mass hat mit 17 Jahren in der Normandie gekämpft. Er zeigt der 19-jährigen Verena Sieger aus Unterfranken sein Soldbuch...
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Andere Journalisten stehen um das Grab, das Oberfeldwebel Thorsten Becker vom Luftlande - Unterstützungsbatallion 262 aus Merzig und seine Soldaten ausgehoben haben. Während sich am Sonntag in Arromanches die Staatschefs tummeln, sind Becker und seine Männer bei der Beerdigung »eines Kameraden«, wie er sagt. Wenige Tage vor dem längsten Wochenende in der Normandie seit 60 Jahren haben grasende Kühe die sterblichen Überreste des deutschen Fallschirmjägers unter einer der normannischen Hecken gefunden. Nun findet der Tote auf dem deutschen Soldatenfriedhof von La Cambe seine letzte Ruhestätte. Neben ihm liegen über 20000 Gefallene. Die meisten waren fast noch Kinder, als sie starben.
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 ...und wie er damals ausgesehen hat.
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Für Verena Sieger (19) ist es »wichtig, dass wir an den Friedhöfen nicht getrennt trauern, sondern gemeinsam gedenken«. Zehn Tage hat sie hat an einem Jugendcamp des Volksbunds für Kriegsgräberfürsorge teilgenommen - gemeinsam mit Polen, einer Franzosen, Amerikanern. Seit 50 Jahren führt der Volksbund Jugendcamps wie dieses in der Normandie durch. Unter dem Motto »Versöhnung über den Gräbern - Arbeit für den Frieden« haben bisher rund 183000 junge Menschen aus ganz Europa an 4000 solcher Begegnungen teilgenommen.
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 Das Jubiläum hat auch tausende Militaria-Fans aus ganz Europa in die Normandie gelockt, um die Landung nachzuspielen.
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In zehn Jahren, in 15 Jahren zum 75. Jahrestag der Landung und des »längsten Tages«, werden kaum noch Menschen leben, die über ihre Erfahrungen berichten könnten. Auch eine Parade der alliierten Veteranen wie in Arromanches wird es dann nicht mehr geben. Aber der Stachel der Sinnlosigkeit des Kampfs für ein mörderisches und wahnwitziges System - auf den deutschen Soldatenfriedhöfen der Normandie wird er weiter schmerzen. Und er wird eine Mahnung sein, ein Memento für die Freiheit und die Demokratie. |