ZEITZEICHEN
Angeblich soll Unzufriedenheit die wichtigste Antriebskraft für Veränderungen sein. Glaubt man den Umfragen, mit deren Ergebnissen ungezählte Meinungsforschungsinstitute uns täglich belagern, dann liegt eine Zeit großer Veränderungen vor uns.
Denn wir sind wirklich unzufrieden: mit der Regierung, mit den Benzinpreisen, mit der Bundesbahn, mit dem Bescheid des Kirchensteueramtes, mit unserem Partner, mit unserem Gewicht (mindestens zehn Kilo zu viel) ... und natürlich mit der Post, deren altes Horn-Logo nicht von ungefähr an eine Schnecke erinnert. Mahnungen, Postwurf-Werbesendungen und Steuerbescheide stopft sie zwar mit unnachgiebiger Pünktlichkeit in unseren Briefkasten, aber auf die wirklich wesentlichen Nachrichten wie Lottogewinne, Liebesbriefe oder Rentenerhöhungen warten wir schon seit langem vergeblich.
Nun scheint es, als hätte die Post unsere wachsende Unzufriedenheit bemerkt und sofort darauf reagiert - durch Veränderung. Auf den ersten Blick wirkt die Neuerung unscheinbar: Nach und nach werden die geleimten Postwertzeichen - vulgo Briefmarken - durch selbst klebende ersetzt. Die Zeiten, in denen der süßliche Geschmack auf der Zunge nach dem Anlecken daran erinnerte, dass gute Briefe immer auch etwas von der Persönlichkeit des Schreibers preisgeben, gehen ihrem Ende entgegen. Die orale Phase des Briefverkehrs ist vorbei.
Doch was kommt danach? Seit Sigmund Freud wissen wir, dass die Welterkenntnis durch Mund, Zunge und Zähne erst den Anfang der Entwicklung darstellt. In dieser Phase lernt man Selbst und Nicht-Selbst zu unterscheiden, Urvertrauen und Urmisstrauen werden gesät, Trennungstoleranz und Trennungsempfindlichkeit angelegt. Danach aber folgt die anale Phase, unter anderem gekennzeichnet durch Widerstand, Verweigerung, Zurückhaltung. Wirklich subversiv, was die Post da macht. |  |