Aufwind für Wind und Sonne
Von
Elvira Treffinger
An der Abschlusserklärung wurde nachts noch verbissen gefeilt, da gab es schon zufriedene Gesichter. Denn die Bonner Konferenz für erneuerbare Energien hat gezeigt, dass sich seit dem Johannesburg-Gipfel 2002 eine Menge bewegt hat. Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) sprach vom »Geist des Aufbruchs«. Verrückte Welt: Die Ölpreise und der Terror in Nahost verschafften den alternativen Energien Aufmerksamkeit.
Bewegt haben sich vor allem die Entwicklungsländer. China und die Philippinen verpflichteten sich, in wenigen Jahren doppelt so viel Strom aus regenerativen Quellen wie bisher zu gewinnen. Über der smoggeplagten indischen Hauptstadt Delhi soll der blaue Himmel wieder zu sehen sein. Ägypten will auf Windenergie setzen.
»Dieses Aktionsprogramm lädt zum Handeln ein«, resümiert Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) und spricht von »Leuchtturmprojekten«. Über 150 Staaten, Unternehmen, Organisationen haben ihre eigenen Verpflichtungen beigesteuert.
Über allem prangt das Fernziel, dass bis 2015 rund eine Milliarde Menschen Energie aus der Nutzung von Wasser, Wind, Sonne, Biomasse und Erdwärme erhalten sollen. Noch vor zwei Jahren sah die Energie-Welt anders aus: Auf dem UN- Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung 2002 in Johannesburg hatten die Erdöl exportierenden Staaten (OPEC), die USA und die Entwicklungsländer klare Ziele für den Ausbau erneuerbarer Energien verhindert. Es war die Enttäuschung gewesen, die Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in Johannesburg veranlasst hatte, zu der »renewables«-Konferenz einzuladen.
»Das Zeitalter der erneuerbaren Energien hat begonnen«, verkündete Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) ungeachtet einer von der CSU entfachten neuen Debatte über den Atomausstieg. Trotzdem wird die Energiewende, die auch vom »Auto-Kanzler« geforderte Lösung aus der Abhängigkeit von Erdöl, vorerst eine Vision bleiben.
»Wir werden noch 20 Jahre vom Öl abhängig sein«, dämpfte Weltbank-Direktor Peter Woicke allzu hochfliegende Hoffnungen auf eine Welt der sauberen, sicheren, dezentralen Wind- und Sonnenparks, der kleinen Biogas- und Wasserkraftanlagen, die Arbeitsplätze schaffen und Armut überwinden helfen.
Der weltweite Hunger nach Energie ist riesig, alternative Quellen sind oft noch teuer, und es fehlt vielfach an praktikablen Techniken. Bis zu zwei Milliarden Menschen, fast ein Drittel der Weltbevölkerung, haben keine oder keine verlässliche Stromversorgung. In Schwellenländern wächst der Bedarf rasant. Deshalb erwägen Brasilien, Indien und China weiter, ökologisch bedenkliche Groß-Staudämme und Atomkraftwerke zu errichten.
So ist das Signal von Bonn in eine mittlere Zukunft gerichtet: Der Ausbau erneuerbarer Energien ist ein langfristiger, aber hoffentlich dauerhafter Prozess. |