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Dieser Artikel: Ausgabe 22/2004 vom 30.05.2004
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Pionierin der evangelischen Jugendarbeit

Hedwig Döbereiner, Mitbegründerin der christlichen Pfadfinderinnen, wird 80 - eigene Stiftung


In der Langau, dort wo Oberbayern aussieht wie im Reiseprospekt, lebt eine »Grande Dame« des evangelischen Bayern. Zum 80. Geburtstag erhält Hedwig Döbereiner eine nach ihr benannte Stiftung.

Leben unter dem Stern Gottes: Hedwig Döbereiner ist noch heute der gute Geist in der Erholungsstätte Langau.
Foto: Petersen
   Leben unter dem Stern Gottes: Hedwig Döbereiner ist noch heute der gute Geist in der Erholungsstätte Langau.

Dieses Gotteshaus bekommt in jedem Reiseführer einen Stern: Die Wieskirche, schönste Rokokokirche Südbayerns, mitten im zauberhaften Pfaffenwinkel. Tausende Touristen pilgern jährlich zur »Wies« und passieren dabei einen Ort, der wiederum auf der evangelischen Landkarte Oberbayerns einen Stern verdient hätte: die Bildungs- und Erholungsstätte Langau.

Denn hier wohnt Hedwig Döbereiner, eine »Grande Dame« der bayerischen Landeskirche. Die Liste ihrer Verdienste ist lang: Sie hat dem »Bund Christlicher Pfadfinderinnen« (BCP) nach dem Zweiten Weltkrieg zu neuem Leben verholfen. Sie hat die »Communität Casteller Ring« (CCR) mitbegründet. Sie hat als Pionierin der Offenen Behindertenarbeit in der Langau, direkt neben der Wieskirche, einen Ort geschaffen, an dem Familien mit behinderten Kindern zur Ruhe kommen können.

Am 27. Mai feierte Hedwig Döbereiner ihren 80. Geburtstag. Zu diesem Anlass hat der Verein der Langau die »Hedwig-Döbereiner-Stiftung« ins Leben gerufen, die die Arbeit der Bildungsstätte auch in Zukunft auf sichere Beine stellen soll. Der eigentliche Stiftungsakt wird am 2. Februar 2005 stattfinden - dann jährt sich der Erwerb der Langau zum vierzigsten Mal. Bis dahin will der Verein möglichst viel Geld sammeln, um das Startkapital von 50000 Euro zusammenzubekommen.

»Jetzt liegt das Leben vor mir«

Aber von vorn. Hedwig Döbereiner ist als Älteste von drei Geschwistern in einer Musikerfamilie aufgewachsen. Die Mutter war Sängerin, der Vater Musikpädagoge, der Orgel, Klavier und Geige unterrichtete. Er wirkte in vielen Kirchenkonzerten mit, ansonsten pflegte die Familie einen gutbürgerlichen Glauben. Nach ihrer Konfirmation »rutschte« Hedwig automatisch in die evangelische Jugendarbeit.

Ende der 1930er-Jahre lernte sie Christel Schmid, die damalige Reichsführerin der 1922 gegründeten »Tatgemeinschaft christlicher Pfadfinderinnen« kennen. Schon seit 1933 hatte der »alte Bund«, der den Nazis ein Dorn im Auge war, im Untergrund arbeiten müssen. 1937 verboten ihn die braunen Machthaber dann endgültig und gliederten ihn in die Hitler-Organisation »Bund deutscher Mädel« (BDM) ein. »Ich hatte das Gefühl, zu spät geboren zu sein: Die Zeit der christlichen Pfadfinderinnen war scheinbar vorbei«, erinnert sich Hedwig Döbereiner heute. Doch die Ideen und Werte der Pfadfinderinnen erwiesen sich als stärker als die wahnwitzige Nazi-Ideologie. Was an Ostern 1942 geschieht, klingt in Hedwig Döbereiners zurückhaltender Art recht nüchtern: »Da haben wir den Ring gegründet.«

Dieser Ring, das ist die »Communität Casteller Ring«, und die Gründerinnen sind sieben junge Frauen, die sich heimlich im Schloss des Fürsten Castell einfinden - Hedwig Döbereiner ist damals gerade 17 Jahre alt. In der Nacht zum Ostermontag versammeln sie sich um das Kreuz des Fürstenfriedhofs und sprechen ihr Gelöbnis: »Ich verspreche meinem Herren Jesus Christus Treue. Sein Evangelium soll die Richtschnur meines Lebens sein.«

Damit ist der »alte Bund« der Tatgemeinschaft erneuert, der »Bund christlicher Pfadfinderinnen« entsteht. »Die Werte, die uns erfüllt hatten, waren nach dem Krieg nicht weg«, fasst Döbereiner die Bedeutung des Bundes zusammen. Schon im September 1945 findet das erste Lager in einer Scheune bei Augsburg statt. »Das war ein Gefühl der Befreiung«, erinnert sich die 80-Jährige, »ich hatte das Gefühl: Jetzt liegt mein Leben vor mir.«

Und das stellte sie, anstatt wie geplant Medizin zu studieren, ganz in den Dienst der Pfadfinderinnen und ihrer Communität. »Ich wollte den BCP wieder aufbauen und den Jugendlichen unsere Werte weitergeben - damit 'Christus wieder König der deutschen Jugend werde', wie es damals hieß«, so Döbereiner. Sie reiste kreuz und quer durch Bayern und half den Gruppen bei ihrer Arbeit, die neben den klassischen Pfadfinderaufgaben auch politische und gesellschaftliche Allgemeinbildung betrieben - in einer Zeit, wo viele Menschen auf der Suche nach Orientierung waren.

Im Februar 1965 ging für Hedwig Döbereiner ein großer Wunsch in Erfüllung: Sie konnte das alte Landwirtschaftsgebäude des Klosters Steingaden kaufen. Endlich hatten die Pfadfinderinnen auch in Südbayern einen zentralen Treffpunkt. Und da von Anfang an auch körperbehinderte Mädchen zum BCP gehörten, war der Weg in die Offene Behindertenarbeit für die Langau schon damals vorgezeichnet.

Wieder war Hedwig Döbereiner in der Pioniers-Rolle: Konzepte für barrierefreies Bauen und für die Arbeit mit behinderten Menschen gab es in den 60er-Jahren kaum. »Behinderte Kinder wurden gerade auf dem Land immer noch als Strafe Gottes betrachtet.« Die Langau setzte hier einen Kontrapunkt: »Zu uns kann jeder kommen, wie er ist - die Langau ist ein Raum zum Wachsen«, so fasst die Gründerin den Geist des Hauses zusammen.

Dass dieser freie, offene Geist auch in Zukunft erhalten bleibt, das wünscht sich Hedwig Döbereiner. Auch wenn die Pionierin der evangelischen Kirche mittlerweile im Ruhestand ist, bleibt sie doch stets präsent: als Stern, der der Arbeit in der Langau noch heute die Richtung weist.

  Spenden für die Hedwig-Döbereiner-Stiftung zur Förderung der Behindertenarbeit in der Langau können überwiesen werden an die Acredobank Nürnberg, Ktonr. 202203103, BLZ 76060561.

Susanne Petersen

 


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abgerufen 04.02.2012 - 05:50 Uhr

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