Leben mit den Sterbenden
Ökumenische »Woche für das Leben«
Von
Markus Hepp
»Die Würde des Menschen am Ende des Lebens« lautet dieses Jahr das Leitwort der »Woche für das Leben« - Seelsorge, Hospizarbeit und Palliativmedizin stehen im Blickpunkt.
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 An der Christophorus Akademie in München-Großhadern werden Hospizhelfer aus- und weitergebildet.
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Ihre Bilanz fällt deutlich aus: »Es hat sich gelohnt!«, sagt die 84-jährige Ruth Albrecht mit frohem Leuchten in den Augen. Und Irmgard Fackler ist ganz ihrer Meinung. Staunend besichtigen die beiden Damen das neue Palliativzentrum im Münchener Klinikum Großhadern. Und auch ein bisschen stolz. Denn hier sehen sie auch ihre eigene Arbeit und viele Bemühungen an einen Zielpunkt gekommen. Dem neuen Palliativzentrum ist eine Akademie angegliedert, die in Zusammenarbeit mit dem Christophorus Hospizverein für die Aus- und Weiterbildung auch von Hospizhelfern sorgt.
Seit Jahren engagieren sich die beiden als ehrenamtliche Hospizhelferinnen. Eingebunden in ökumenische Teams besuchen sie kranke Menschen, die im Sterben liegen. Sie wollen Hilfe leisten bei diesem vielleicht schwersten Schritt im Leben: da sein, eine Hand halten, Beistand leisten. Manchmal entwickeln sich auch tief gehende Gespräche mit den Patienten, aber auch mit Angehörigen, die der schlimmen Situation recht hilflos gegenüberstehen.
Irmgard Fackler spricht von tiefen Einsichten, die sie durch diese Arbeit bekommen hat. »Man geht dann anders auch mit dem eigenen Tod um - und mit dem Tod von nahen Angehörigen.« Das muss nicht bedeuten, dass immer alles ausgesprochen werden kann, was noch zu sagen gewesen wäre. Doch es bleibt auch nicht bei völliger Sprachlosigkeit. »Meine Gebete haben sich verändert. Ich habe gelernt zu klagen. Und das war befreiend«, erzählt Irmgard Fackler.
Für Ruth Albrecht stand am Anfang die Begegnung mit dem Jesuitenpater Reinhold Iblacker. Er war es, der die Hospizbewegung in Deutschland bekannt machte. Im Jahr 1971 drehte er in England einen Film über die Anfänge der Hospizbewegung. Die Krankenschwester und Ärztin Cicely Saunders hatte es seit 1967 in London zu ihrer Aufgabe gemacht, für unheilbar Kranke eine besondere Form der Betreuung zu schaffen. Sie hatte bemerkt, dass bei der immer schnelleren technischen Weiterentwicklung der Krankenhäuser eines auf der Strecke blieb: die menschliche Begleitung von sterbenden Menschen. Ausgeklügelte Apparate und hoch entwickelte Medikamente erlaubten es, den Tod immer länger hinauszuzögern. Doch der Gewinn längeren Lebens ging auch immer mehr auf Kosten eines menschenwürdigen Sterbens. Angehörige fanden, wenn sie es denn wollten, kaum mehr Zugang zu ihren Sterbenden. So wanderte der Tod gewissermaßen aus - weg von den Familien, hin in die Spezialabteilungen der Kliniken.
Als nun die Idee eines christlichen Hospizes nach Deutschland kam, fanden sich viele Unterstützer. So kam es, dass 1985 in München der erste deutsche Hospizverein gegründet wurde. Der »Christophorus-Hospizverein« hatte zum Ziel, stationäre Einrichtungen zu begründen, in denen ein menschenwürdiges Sterben möglich ist. Aber es galt auch, Menschen auszubilden, die - meist ehrenamtlich - Sterbende besuchen und sie in diesen schweren Stunden, Tagen und Wochen begleiten.
Inzwischen gibt es zahlreiche Hospizvereine und in Bayern auch 16 Hospize, die Sterbende aufnehmen und betreuen. Es scheint da etwas in Bewegung gekommen zu sein. Der Tod ist nicht mehr das große Tabuthema, das konsequent verheimlicht und verdrängt wird. Eines ist freilich beim Alten geblieben: »Der Tod ist erfahrungslos«, sagt Mathias Spaeter, Pfarrer und Klinikseelsorger in Bamberg. Der Tod - kein Tabu mehr, aber weiterhin ein großes Problem, das nach Ausdruck sucht, oft vergebens, denn kein Lebender kann ermessen, was Sterben bedeutet. Spaeter ist froh über die ehrenamtlichen Hospizhelfer. Nicht jeder kann das machen. »Der Weg führt über ein Praktikum und viele Gespräche. Man muss sich in Ruhe darauf vorbereiten, was dieser Dienst bedeutet«, sagt Spaeter. Gerade die persönliche Auseinandersetzung mit Tod und Sterben sei für manche Bewerber einfach »zu viel, für andere gerade das, wonach sie suchten«.
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 Die ehrenamtlichen Hospizhelferinnen Ruth Albrecht (links) und Irmgard Fackler (rechts) im Gespräch mit Claudia Bausewein, Oberärztin am Palliativzentrum in Großhadern (Mitte).
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Lernen müssen die Ehrenamtlichen Ähnliches, was auch professionelle Seelsorger sich erst langsam und mühevoll aneignen müssen: Zuhören. »So einfach es klingt, darin steckt viel. Man muss erst einmal erkennen lernen, was ein Patient will und braucht«, weiß Dietrich Stollberg. Als Professor für Praktische Theologie hat er sich lang darum bemüht, neue Wege in der Seelsorge, aber auch in der Ausbildung dafür zu finden. Er hat als junger Mann selbst eine Klinikseelsorge-Ausbildung in den USA gemacht. »Das war der Durchbruch«, erzählt der inzwischen Emeritierte, der seinen Ruhestand in Fürth verbringt - gesundheitsbedingt auch oft in Kliniken. Schon Ende der 1960er-Jahre, so berichtet Stollberg, sind viele Theologen ins Ausland gegangen, um Seelsorge in ganz anderem Umfeld kennen zu lernen. Oft wurden sie dabei konfrontiert mit völlig neuen, revolutionären Theorien und Arbeitsweisen.
Heute gehen Vikarinnen und Vikare in der Seelsorge-Ausbildung regelmäßig in Kliniken und erstellen - selbstverständlich ohne Namen zu nennen - Gedächtnisprotokolle von Gesprächen. In der gemeinsamen Besprechung lernen sie dann von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen, empfindsam zu werden für mögliche Brüche im Gespräch, für vielleicht verpasste Chancen, einen Gesprächsfaden aufzunehmen.
Der Tod bleibt ein »harter Brocken«
Vorbei scheinen die Zeiten, wo alle Kranken »missioniert« werden sollten. Oft genügt es, offen zu sein für die Dinge, die ein Patient selbst ansprechen will. In den meisten Fällen geht es auch nur um ein ganz alltägliches Gespräch, ohne dass die »großen Fragen« nach dem Sinn des Lebens oder der Angst vor dem Sterben zur Sprache kommen müssen. »Alltagsseelsorge« hat der Theologieprofessor Eberhard Hauschildt das genannt und darauf hingewiesen, dass Seelsorge keineswegs immer eine »therapeutische« Form annehmen muss.
Wie auch immer Seelsorge »gelingt«, immer bleibt das Thema Tod für alle Beteiligten ein »harter Brocken«. Pfarrer Traugott Roser, seit kurzem mit einer Projektstelle am Münchener Klinikum Großhadern tätig, will Seelsorge in seine akademische Tätigkeit einbeziehen: »Wir stehen vor der Frage: Was können wir Sterbenden und ihren Angehörigen anbieten? Und hier müssen wir uns selbst fragen, welche Rituale und welche Formen der Begleitung wir weiterentwickeln sollen.« Roser liegt daran, die Grenze zwischen Klinik und Gemeinde zu überwinden. Seelsorge ist überall nötig, in der Gemeinde, zu Hause, und schließlich auch am Klinikbett.
Kristjan Diehl von der Deutschen Hospiz-Stiftung wünscht sich »mehr Engagement der Kirche im Hospizbereich - schon aufgrund des hohen moralischen Anspruchs der Kirchen«. Das, so kontert Pfarrer Klaus Meyer vom Diakonischen Werk Bayern, ist allerdings gar nicht so einfach: »Die Hospizbewegung genießt bereits vielerorts Gastfreundschaft in unseren Einrichtungen und in Kirchengemeinden. Aber sie legt auch Wert auf ihre Eigenständigkeit. Da wollen wir sie keinesfalls bevormunden.« Die Zahl der Hospizeinrichtungen in Bayern ist vom Freistaat festgelegt, man kann, auch wenn es vielen nötig erscheint, nicht so ganz einfach expandieren.
Die Entwicklung geht jedoch, so Kirchenrat Peter Bertram, deutlich voran: »Der Dialog zwischen Hospizbewegung und Kirche hat sich spürbar verbessert«, sagt der Theologe, der im Landeskirchenamt für Seelsorge zuständig ist. Die Aktivitäten der Bewegung sieht er als »sinnvolle Ergänzung der kirchlichen Arbeit«. Die Alltagssituation, so Bertram weiter, wolle man »unterstützen«, vor allem durch gezielte Fort- und Weiterbildungsangebote für interessierte Ehrenamtliche und Hauptamtliche.
Vieles wird bereits in den Hospizen vor Ort geleistet, ob mit oder ohne Unterstützung der Kirchen. Auch da tun sich Probleme auf: Durch den Grundsatz der Unabhängigkeit sehen sich viele Hospize vor enormen finanziellen Schwierigkeiten. Freiwillige Beiträge durch die Angehörigen stellen oft ein Problem dar, - zumal es meist schnell gehen muss, einen Hospizplatz zu bekommen.
Eine ganz andere Schwierigkeit ist die, wie Seelsorgerinnen und Seelsorger mit Anforderungen so einer Begleitung umgehen. Mathias Spaeter wünscht sich mehr spirituelle Begleitung auch für die Seelsorger. »Sie stehen oft ganz allein.« Eine gegenseitige »geistliche Auferbauung« fordert auch die Münchener Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler. Sie engagiert sich in der Ethik-Kommission des Bayerischen Landtags als Vertreterin der evangelischen Kirche dafür, dass christliche Sichtweisen über Anfang und Ende des Lebens Gehör finden. Selbst hat sie die Notwendigkeit seelsorgerlicher Betreuung quasi am eigenen Leib erfahren: »Wenn man schwer krank im Bett liegt, braucht man Zuspruch, auch wenn man selbst Pfarrerin ist.«
In der bayerischen Landeskirche laufen vielfältige Bemühungen, haupt- und ehrenamtliche Seelsorger weiter für Fortbildungen zu interessieren. Und eine Projektstelle sorgt für Hoffnung: Pfarrer Traugott Roser in München-Großhadern ist nun an der Ausbildung von Medizinern beteiligt. Medizin-Professor Gian Domenico Borasio versichert: »Auch die medizinische Ausbildung in der Palliativmedizin ist im Wandel.« Das neue Zentrum in Großhadern, das am 27. April durch Landesbischof Johannes Friedrich und Kardinal Friedrich Wetter offiziell eingeweiht wird, will die Pole verbinden. | THEMA DER WOCHE
Mit Leiden umgehen - aber wie? Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht » mehr!
DAS STICHWORT
DIE »WOCHE FÜR DAS LEBEN« der beiden großen Kirchen in Deutschland steht 2004 unter dem Leitwort »Die Würde des Menschen am Ende seines Lebens«.
VOM 24. APRIL BIS 1. MAI finden in vielen katholischen und evangelischen Gemeinden sowie in Einrichtungen von Caritas und Diakonie Veranstaltungen zu den Themen »Sterbebegleitung und Sterben in Würde« statt. Vertreter aus Kirchen, Wissenschaft und Politik diskutieren zudem Fragen der Medizin und Ethik.
SEIT 13 JAHREN gibt es die Woche für das Leben. Sie war erstmals 1991 von der katholischen Kirche veranstaltet worden. Seit 1994 beteiligt sich daran auch die evangelische Kirche.
Informationen zur »Woche für das Leben« sind im Internet abrufbar: www.ekd.de/woche
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