Home Artikel-ID: 2004_12_17_01
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Das Sonntagsblatt-Blog
Anzeigen-Service
Leserreisen
Zeitvertreib
Leserbriefe
Impressum

    
Heute: 03.09.2010
Aktuelle Ausgabe: 35 vom 29.08.2010
Dieser Artikel: Ausgabe 12/2004 vom 21.03.2004
Alle Artikel der » Ausgabe 12/2004 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


Kontrapunkt der Temperamente

Im Kino: »Mein Name ist Bach«


Dominique de Rivas Erstlingsfilm »Mein Name ist Bach« hat auf Festivals bereits für Aufsehen gesorgt. Am Gründonnerstag, 8. April, kommt das sehenswerte Doppelporträt des alten Leipziger Meisters und des jungen Preußenkönigs Friedrich in die Kinos.

Preußenkönig Friedrich II. (Jürgen Vogel) und Johann Sebastian Bach (Vadim Glowna): Begegnung zweier großer Gestalten.
Foto: Pegasos
   Preußenkönig Friedrich II. (Jürgen Vogel) und Johann Sebastian Bach (Vadim Glowna): Begegnung zweier großer Gestalten.

Zufall, Genie und eiserner Wille. So könnte die Formel lauten, aus der das »Musicalische Opfer« hervorgegangen ist, jenes Opus, das Johann Sebastian Bach Friedrich II. von Preußen zugeeignet hat im Sommer 1747. Ob sich der »Alte Fritz«, seinerzeit gerade mal 35 Jahre alt, bei dem damals 62-jährigen jemals bedankt hat, ist nicht bekannt.

Verbürgt ist nur, dass sich die beiden im Mai 1747 begegnet sind und dass der junge König den alten Meister bei dieser Gelegenheit herausgefordert hat. Eine Fuge zu drei - oder besser noch: zu sechs Stimmen möge Bach improvisieren zu einem von Friedrich vorgegebenen Thema. Im Fiebertraum war es ihm zugeflogen, als der Arzt die Schröpfgläser abzog von der gespannten Haut des Regenten. Nun will der musikalisch nicht untalentierte König sein kleines Thema dem großen Bach aufzwingen.

Bach gehorcht. Nicht um des Gehorsams Willen, sondern weil er das »thema regium« als Geschenk empfindet. Lange Zeit hat er vergeblich nach einer Melodie gesucht, die es wert ist, bearbeitet zu werden. Ad hoc entwickelt er eine dreistimmige Version, für die sechsstimmige jedoch brauche er mehr Zeit. Die könne er sich ruhig nehmen, verkündet Friedrich nicht ohne Genugtuung. »Meine Zeit ist nicht die Ihre,« entgegnet Bach und geht. Ein Affront und doch sein gutes Recht. Schließlich ist Bach kein Hofmusikant, außerdem ist er eben erst angekommen. Die Reise über Preußens holprige Straßen war beschwerlich, besonders der aufgewirbelte Sand macht dem erblindenden Komponisten zu schaffen. Vor allem aber gilt sein Besuch nicht dem König, sondern vielmehr seinem Sohn Carl Emmanuel Bach, Cembalist in Friedrichs Diensten, und dem Enkelkind.

Ursprünglich sollte die Begegnung der Titanen in einem Dokumentarfilm aufgearbeitet werden. Doch wie soll man so ein Gipfeltreffen dokumentarisch nachvollziehen? Freilich gibt es zeitgenössische Berichte, zum Beispiel über die Improvisation zum königlichen Thema. Der Rest jedoch, das was sich jenseits der Hofberichterstattung abspielte, bleibt verborgen. Nun war es aber genau dieser Rest, den die Schweizer Regisseurin Dominique de Rivaz auf die Leinwand bringen wollte. Also schuf sie eine Fiktion, eine Fantasie, eine Improvisation wenn man so will. Herausgekommen ist ein anregender Film von 99 Minuten, der Lust macht, die Akteure von damals neu zu entdecken.

In de Rivaz' beeindruckenden Debütfilm bleibt es deshalb nicht bei dieser einen Begegnung, bei jedem Zusammentreffen geht das Kräftemessen von vorne los. Auch im Hause Bach wird um die Gunst des Vaters gerangelt. Denn Bach senior ist nicht allein gekommen, sondern in Begleitung seines Erstgeborenen, Wilhelm Friedemann Bach, der zu jener Zeit als Organist in Halle seinen Lebensunterhalt verdient und Jahre später als erster freier Musiker in die Geschichte eingeht.

Friedrichs jüngere Schwester Amalie - Literatur- und Musikliebhabern besser bekannt als Anna Amalia - verliebt sich Hals über Kopf in den rebellischen Heißsporn. Die Affäre der beiden wird von Friedrich nicht geduldet - schließlich musste er selbst Opfer bringen.

Etwa damals, als er zusammen mit seinem Geliebten Hans Hermann von Katte versuchte, dem väterlichen Drill zu entfliehen. Die Flucht scheitert, Katte wird vor den Augen des damals 18-Jährigen enthauptet, der Kronprinz selbst mit Festungshaft bestraft. Erst zwei Jahre später, als er sich mit Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern verlobt, wird er freigelassen. Eine Scheinehe, die sich auf Anstandsbesuche beschränkt und kinderlos bleibt.

De Rivaz zeigt in ihrem Doppelporträt von Bach und Friedrich ein fein gesponnenes filmisches Psychodrama, das den Rahmen üblicher Historienfilme weit hinter sich lässt.

Bachs »Musicalisches Opfer«, spätes und beziehungsvolles Meisterwerk kontrapunktischer Kombinatorik rund um ein »königliches Thema«, beschäftigt indessen weiter die Musikwissenschaftler. »Notulis crescentibus crescat Fortuna Regis - wie die Noten wachsen, so wachse des Königs Glück« ist einer der Kanones überschrieben, »Ascendenteque Modulatione ascendat Gloria Regis - So wie die Modulationen, so steige auch des Königs Ruhm« ein anderer. Dass mit dieser Widmung ein ganz anderer König, Jesus von Nazareth nämlich, gemeint sein könnte, haben Musikologen aus der Zahlensymbolik von Bachs Werk Nr. 1079 bereits ebenfalls herausgelesen.

Katja Schmid/ms

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2004_12_17_01.htm
abgerufen 03.09.2010 - 03:39 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2010, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster