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Dieser Artikel: Ausgabe 09/2004 vom 29.02.2004
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Schmerzen lindern und die Seele begleiten

Am neuen Münchner »Zentrum für Palliativmedizin« wird künftig ein Theologe Mediziner unterrichten


Der Münchner Theologe Traugott Roser wird am 1. März in eine neue Projektstelle »Seelsorge in der Palliativarbeit« im Münchener Uni-Klinikum Großhadern eingeführt. Der Pfarrer soll dort Praxis, Forschung und Lehre in Medizin und Theologie vernetzen helfen.

Der Theologe Traugott Roser und der Mediziner Gian Domenico Borasio vor dem neuen Münchner »Zentrum für Palliativmedizin«.
Foto: Hepp
   Der Theologe Traugott Roser und der Mediziner Gian Domenico Borasio vor dem neuen Münchner »Zentrum für Palliativmedizin«. Am 27. April wird das Zentrum im Beisein von Landesbischof Johannes Friedrich und Kardinal Friedrich Wetter eingeweiht.

Auf den großen Wegweisern, die einem durch das Labyrinth des Riesen-Krankenhauses helfen sollen, sucht man das sperrige Wort »Palliativmedizin« vergebens. Dafür erscheint auf den Tafeln das Wort »Kirche«, die man im Block »K« findet. Von dort ist es nicht mehr weit zur »Palliativmedizin«. Diese Nähe soll sich künftig auch inhaltlich noch stärker bemerkbar machen, auch in der Person von Pfarrer Traugott Roser.

Für den promovierten Theologen ist es ein Neuanfang - und doch ist ihm vieles an der neuen Aufgabe bereits vertraut. Wenn er am kommenden Montag seine Arbeit in Großhadern aufnimmt, kommt er an keine unbekannte Stätte. Drei Jahre war Roser Gemeindepfarrer an der Großhaderner Reformations-Gedächtnis-Kirche. Schon damals gab es viele Kontakte zum dortigen Seelsorgeteam. Noch enger wurde die Zusammenarbeit in Rosers letzter beruflicher Station, wo er als Koordinator für Medizinethik regen Austausch mit allen bayerischen evangelischen Klinikseelsorgerinnen und -seelsorgern pflegte und sich besonders intensiv mit der »Patientenverfügung« befasste, die den Willen eines Menschen für den Fall dokumentiert, dass dieser sich nicht mehr selbst äußern kann.

Zur Medizin hatten Roser schon zuvor eher zufällige Umstände geführt: »Im Vikariat in Dorfen wohnte ich direkt neben dem Krankenhaus«, erzählt Roser. »Dadurch wurde es möglich, dass ich oft kurzfristig in schweren Situationen zu Patienten gerufen werden konnte. Das waren gute und wichtige Erfahrungen in der Seelsorge«.

Das Großhaderner Klinikum musste der Pfarrer aber auch schon in der Rolle eines bangen und hoffenden Angehörigen und Besuchers erleben. Die verschiedenen Perspektiven, fachliche und menschliche, werden nun in seine Forschungen einfließen, wenn er in neuer Funktion nach Großhadern zurückkehrt und eine Projektstelle übernimmt, die am Uni-Klinikum neu eingerichtet wurde: Seelsorge in der Palliativarbeit.

»Pallium«, das lateinische Wort für einen »schützenden Mantel«, bietet ein Bild dafür, was Patienten, die an einer unheilbaren Krankheit leiden, durch die Palliativmedizin zuteil werden soll. Die Medizin, wie Palliativ-Professor Gian Domenico Borasio in Großhadern sie versteht, kann dann nicht diese Kranken ihrem Schicksal überlassen und aufgeben, sondern es müssen Wege gefunden werden, wie sich würdige Lebensqualität sichern lässt. Dabei geht es darum, Schmerzen und Krankheitssymptome zu lindern, aber auch darum, den Seelenzustand der Patienten wahrzunehmen und sie spirituell zu begleiten.

Was Professor Borasio vorschwebt, klingt nach einem Traum, doch seine Visionen sind dabei, Wirklichkeit zu werden. Aus der »Interdisziplinären Einrichtung« wird bald schon ein eigenes »Zentrum für Palliativmedizin« werden. Im neu gebauten Trakt am Rande des Klinikums wird neben der Patientenstation auch eine Akademie beherbergt sein. Dort sollen die verschiedenen Fachbereiche in der Aus- und Fortbildung der Mediziner zusammengeführt werden. Und hier wird auch eine der Aufgaben von Traugott Roser liegen. Neben der Seelsorge bei Patienten der Palliativstation soll er an Lehrveranstaltungen mitwirken.

Das ist der Pfarrer und Wissenschaftler gewöhnt, der an der Münchener theologischen Fakultät inzwischen zahllose Studierende unterrichtet hat, - zunächst im Fach Ethik, seit gut fünf Jahren nun in der Praktischen Theologie. Das Neue aber ist, dass er jetzt in den regulären Lehrplan des Medizinstudiums eingebunden ist - für einen Theologen eine besonders spannende Herausforderung.

Dass diese Projektstelle zustande kam, ist Ergebnis langwieriger Bemühungen. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit des ökumenischen Seelsorge-Teams am Klinikum war eine wichtige Voraussetzung, eine andere die engagierte Arbeit am Münchner Lehrstuhl von Theologie-Professor Michael Schibilsky. Roser wird dort weiter eine halbe Assistentenstelle haben: Diakoniewissenschaft ist ein besonderer Schwerpunkt des Lehrstuhls. Zusammen mit dem Engagement des Mediziners Borasio waren das beste Bedingungen für ein außergewöhnliches Projekt.

»Wichtiges Zeichen in Zeiten knapper Kassen«

So ließ sich der Dekanatsbezirk München von den besonderen Chancen einer Verbindung von Seelsorge, Forschung und Lehre überzeugen, und auch der Landeskirchenrat stimmte zu. Kirchenrat Peter Bertram, Referent für Seelsorge im Landeskirchenamt, betont: »Es ist ein gutes und wichtiges Zeichen, wenn die Landeskirche auch in Zeiten knapper Kassen vielversprechende, innovative Wege geht und gegenüber den Herausforderungen der Zeit handlungsfähig bleibt«.

Für Roser, der schon bisher zwei Büros und verschiedene Aufgabenfelder »unter einen Hut« bringen musste, scheinen sich die Arbeitsbereiche der zwei »halben« Stellen trefflich ineinander zu fügen. Darauf deutet schon das Thema seiner aktuellen Forschungsarbeit hin: »Medizinethische Konfliktfelder in Seelsorge, Beratung und Gemeindepädagogik«.

Begeistert über den neuen Kollegen im Team ist Medizinprofessor Borasio. »Seelsorge ist ein zentraler Bestandteil des ganzheitlichen Konzeptes der Palliativmedizin«, sagt der Neurologe mit Nachdruck. »Multiprofessionelles« Arbeiten ist deshalb für ihn unverzichtbar: Er ist überzeugt, dass Mediziner und Theologen viel voneinander lernen und profitieren können. »Wir können Medizin nicht lehren ohne ständigen Bezug zu den Patienten, ebenso wenig ohne dauernde Beschäftigung mit der Forschung«, argumentiert Borasio eindringlich. »Und was die Medizin in den letzten Jahren versäumt hat, müssen wir nun verstärkt betreiben. Nur, wenn wir über die Grenzen der Disziplinen hinaus denken und arbeiten, lernen wir, mehr über die Patienten zu wissen, um sie richtig behandeln zu können.«

Das neue Palliativzentrum wird unter Mitwirkung von Landesbischof Johannes Friedrich und Kardinal Friedrich Wetter am 27. April feierlich eröffnet. Traugott Roser wird bereits am kommenden Montag um 18.30 Uhr in der Kirche des Klinikums Großhadern in seine neue Aufgabe eingeführt.

DAS STICHWORT

  PALLIATIVMEDIZIN hat als oberstes Ziel die möglichst hohe Lebensqualität von todkranken Patienten. Während es beim so genannten kurativen Therapieansatz darum geht, zu heilen und man Patienten zum Teil erhebliche Einschränkungen der Lebensqualität zumutet, will die Palliativmedizin den Patienten »wie mit einem Mantel umhüllen und schützen« (lat. Pallium = Mantel). Die Palliativmedizin bejaht das Leben und sieht das Sterben als einen normalen Prozess an. Sie will den Tod weder beschleunigen noch hinauszögern. Die Palliativmedizin integriert die psychischen und spirituellen Bedürfnisse der Patienten und bietet auch den Angehörigen während der Erkrankung und in der Trauerphase ein System der Unterstützung an, damit das Leben der Patienten bis zum Tod so aktiv wie möglich sein kann.

Markus Hepp

 


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abgerufen 04.02.2012 - 06:29 Uhr

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