»Was würde Jesus dazu sagen?«
Vor 20 Jahren starb Martin Niemöller
Von
Christian Feldmann
Im Ersten Weltkrieg war Martin Niemöller U-Boot-Kommandant. Er war deutsch-national, wurde Pfarrer und sympathisierte mit den Nazis. Als er der braunen Ideologie widersprach, kam er ins KZ. Auch nach 1945 blieb er ein unbequemer Mahner. Vor 20 Jahren starb Niemöller.
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 Der Mann, der Hitler widersprach: Pfarrer Martin Niemöller.
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Im Jahr 1934 waren die evangelischen Kirchenführer zum Empfang beim Reichskanzler Adolf Hitler geladen. Hitler blaffte: »Kümmern Sie sich um Ihre Kirche, aber die Sorge um das deutsche Volk überlassen Sie mir!« Es war der Berliner Pfarrer Martin Niemöller, der ganz ruhig erwiderte: »Die Verantwortung für unser Volk hat jemand anderes auf unser Gewissen gelegt, und die können Sie uns nicht abnehmen!« Hitler soll sprachlos gewesen sein.
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 Im Ersten Weltkrieg war Niemöller U-Boot-Kommandant. Er war deutsch-national erzogen und trat 1919 aus Protest gegen die demokratische Weimarer Regierung aus der Marine aus und wurde evangelischer Pfarrer.
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Dabei hatte der ehemalige Seeoffizier und U-Boot-Kommandant Niemöller anfangs mit den Nazis sympathisiert. Das Dritte Reich, so hoffte er, würde wieder Ordnung und Werte in das Chaos bringen. Doch als er die schönen Sprüche der neuen Herren mit der Praxis von Terror, Judenverfolgung und Kirchenhass verglich, kamen ihm seine Zweifel. Vielleicht erinnerte er sich an den Spruch, den er als Kind in der armseligen Stube eines Webers entdeckt hatte und der sein Leben prägen sollte: »Was würde Jesus dazu sagen?«
Die Weberwerkstatt in Elberfeld, im westfälischen Industrierevier, hatte der kleine Martin kennen gelernt, als sein Vater, der Gemeindepfarrer, dort einen Hausbesuch machte. Martin dachte zunächst nicht im Traum daran, ebenfalls den Pastorenberuf zu ergreifen. Er ging zur Marine. Im Ersten Weltkrieg erntete er als U-Boot-Kommandant legendären Ruhm. Sein spannend geschriebenes, aber entsetzlich unkritisches Kriegstagebuch mit dem Titel »Vom U-Boot zur Kanzel« wurde ein Bestseller. Zitat: »Der ganze Krieg spielte sich noch in recht sportlich fairen Formen ab.«
In der Weimarer Republik fühlte er sich heimatlos, aus Trotz zog er sich als Knecht auf einen westfälischen Bauernhof zurück. Dann plötzlich der Gedanke, Pfarrer zu werden - weil er an seinen Eltern und an guten Freunden beobachtet hatte, »dass das Hören auf die Christusbotschaft und der Glaube an Christus als den Herrn und Heiland neue, freie und starke Menschen macht.«
Als Geschäftsführer der Inneren Mission in Westfalen, später als Gemeindepfarrer in Berlin-Dahlem, begann er politisches Bewusstsein zu entwickeln. Er begriff, dass den Hakenkreuzlern Adolf Hitler über Jesus Christus ging. Er legte leidenschaftlichen Protest ein, als Gliederungen der evangelischen Kirche den seit April 1933 für Beamte geltenden »Arierparagraphen« übernahmen: Menschen jüdischer Abstammung oder mit Jüdinnen Verheiratete durften kein Kirchenamt mehr ausüben.
Niemöller gründete gemeinsam mit Gleichgesinnten wie Dietrich Bonhoeffer den »Pfarrernotbund«, aus dem sich die »Bekennende Kirche« entwickelte. Es begannen die Gestapoverhöre, die Predigtverbote. Am Ende liefen vierzig Verfahren gegen Pfarrer Niemöller. Unter seiner Kanzel saßen regelmäßig Gestapo-Spitzel. Am 1. Juli 1937 wurde Niemöller verhaftet. Im Untersuchungsgefängnis Moabit musste er sieben Monate auf seinen Prozess warten. Er war angeklagt, auf der Kanzel »Hetzreden« geführt, zur Auflehnung gegen Gesetze und staatliche Maßnahmen aufgefordert zu haben. Man warf ihm landesverräterische Beziehungen zur Auslandspresse vor.
Das Urteil war eine Sensation: Nur sieben Monate Festungshaft - die durch die Untersuchungshaft abgegolten waren - und zweitausend Reichsmark Geldstrafe. Der Pastor sei »ein Mann von unbedingter Wahrheitsliebe«, bescheinigten ihm die Richter und sprachen ihn von der Anklage des Hoch- und Landesverrats frei. Hitler soll getobt haben. Seiner Rache konnte Niemöller nicht entgehen: Am Hinterausgang des Gerichts wurde er sofort wieder verhaftet und als »persönlicher Gefangener des Führers« in das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin verschleppt.
Er sollte kein Märtyrer werden
Sieben Jahre lang war er in Sachsenhausen und später im KZ Dachau inhaftiert, unter relativ humanen Bedingungen, - die Nazis wollten keinen so populären Märtyrer schaffen -, aber radikal isoliert. Er durfte nur zum Hofgang, wenn alle anderen Gefangenen eingeschlossen waren. Was ihn nicht hinderte, für seine Sache zu werben. Als ihn der Zuchthauspfarrer in Berlin-Moabit salbungsvoll fragte: »Mein Bruder, warum bist du im Gefängnis?«, da antwortete Niemöller lächelnd, aber boshaft: »Mein Bruder, warum bist du nicht im Gefängnis?«
Nach dem Krieg gehörte er - als stellvertretender EKD-Ratsvorsitzender und Leiter des Kirchlichen Außenamtes - zu den Initiatoren des »Stuttgarter Schuldbekenntnisses«, das viel von der braunen Kirchenverfolgung sprach, aber über die Ausrottung der Juden schwieg. Niemöller war es, der gegen harten Widerstand die entscheidenden Worte durchsetzte: »Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.« Niemöller war es auch, der auf zahlreichen Auslandsreisen um Vertrauen in das am Boden liegende Deutschland warb.
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 Nach dem Zweiten Weltkrieg war Niemöller ein geachteter, aber auch streitbarer Kirchenführer. Mit dem Erzbischof von Canterbury, Michael Ramsay (rechts), wurde er 1961 Präsident des Weltrates der Kirchen.
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Unbequem und unberechenbar ist er geblieben. Er trieb die Aussöhnung zwischen Kirche und Sozialdemokratie voran und setzte Adenauers Politik der Westbindung hartnäckigen Widerstand entgegen. Denn damit, so fürchtete er, werde der preußische, protestantische Osten Deutschlands preisgegeben, um den Bestand der größeren, westlichen Landeshälfte unter dem Schutz der USA zu sichern. Man müsse alles tun, dass Westdeutschland und die von der Entwicklung abgeschnittenen zwanzig Millionen im Osten wieder zusammenkämen. Dabei bewies er prophetische Qualitäten, was freilich zu seinen Lebzeiten keiner wissen konnte. Niemöller 1976: »Die Bundesrepublik von 1949 wird keine fünfzig Jahre halten!«
Und dann immer schroffer, immer kompromissloser das Nein gegen die Wiederaufrüstung, gegen die Planspiele mit Atomwaffen, gegen Bundeswehr und Vietnamkrieg. Früher als die meisten seiner Theologen- und Bischofskollegen in beiden großen Kirchen verabschiedete er die Theorie vom »gerechten Krieg« und all die feinen Unterscheidungen und Hintertürchen, mit denen man den Militarismus über die Erfahrungen von Hiroshima, Auschwitz, Dresden, Coventry hinüberzuretten suchte.
Ein Entrüstungssturm erhob sich, als Niemöller 1952 nach Moskau fuhr, um den Beitritt des russischen Patriarchats zum Ökumenischen Rat der Kirchen vorzubereiten. Das verstand man als Aufwertung des kommunistischen Erzfeindes. »Warum bleibt Herr Niemöller nicht ganz drüben?« hetzte ein Sprecher vom »Gesamtverband der Sowjetzonenflüchtlinge« in der BILD-Zeitung.
1959 wieder helle Aufregung, als er Mütter und Väter warnte, ihre Söhne zur Bundeswehr zu schicken und sie »zum Verbrecher ausbilden« zu lassen, als er die gegenwärtige Soldatenausbildung eine »Hohe Schule für Berufsverbrecher« nannte. Verteidigungsminister Strauß und viele Wehrpflichtige zeigten ihn wegen »Beleidigung der Bundeswehr« an. Dabei war der alte Seeoffizier keineswegs zum Pazifisten geworden. Aber Krieg im Atomzeitalter, das sei nur noch »Massenmord und Massenselbstmord.« Niemöller: »Ich halte die Existenz von nuklearen Zerstörungsmengen für eine unmittelbare Lästerung des lebendigen Gottes.«
1961 wählte ihn der Ökumenische Rat der Kirchen noch zu einem seiner sechs Präsidenten, für sieben Jahre. Am 6. März 1984 starb er in Wiesbaden, bis zuletzt geistig voll präsent. Ein Jahr zuvor hatten ihn die Poncas-Indianer in Amerika zu ihrem Ehrenmitglied gemacht und mit dem schwer zu merkenden Namen ausgezeichnet »Oo-duh-mah-thee-a«, auf Deutsch »der auf dem rechten Weg«. | ZUR PERSON
1892: 14. Januar: Martin Niemöller wird in Lippstadt/Westfalen als Sohn eines Pfarrers geboren. Er wird kaisertreu und deutsch-national erzogen.
1910-1919: Dienst in der Marine.
1919: Austritt aus der Armee, Beginn des Studiums der Theologie.
1924: Ordination zum Geistlichen.
1931: Pfarrer in Berlin-Dahlem. Niemöller unterstützt zunächst die NSDAP, gerät aber mit der Partei in Konflikt.
1933: Gründung des »Pfarrernotbundes« gegen die Ausgrenzung von Christen jüdischer Herkunft aus dem kirchlichen Leben und die Lehren der Deutschen Christen.
1934: Treffen mit Adolf Hitler. Da er den Arierparagraphen ablehnt, wird Niemöller von seinen Ämtern enthoben und erhält Redeverbot.
1935: Erste Verhaftung.
1937: Inhaftierung im Konzentrationslager Sachsenhausen.
1941: Niemöller wird ins KZ Dachau verlegt, aus dem ihn 1945 amerikanische Truppen befreien.
1945: Mitglied des Rates der »Evangelischen Kirche in Deutschland«.
1947: Ernennung zum Kirchenpräsidenten in Hessen und Nassau.
1950: Gegner der Wiederbewaffnung.
1955: Aufgabe des Sitzes im Rat der EKD, nachdem seine Arbeit auf der Weimarer Generalsynode scharf kritisiert worden war.
1959: Vortragsreise durch die DDR.
1961: Niemöller wird Präsident des Weltkirchenrates.
1965: Nach seinem Rücktritt als Kirchenpräsident lebt Niemöller in Darmstadt.
1984: 6. März: Tod in Wiesbaden.
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Kirche und Nationalsozialismus
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