Das Experiment der christlichen Großfamilie
Kommunitäten in Bayern (8): Die Emmausgemeinschaft in Hersbruck
Eine Gruppe von Leuten, damals Jugendliche, jetzt erwachsen geworden, entschließt sich zu einem entscheidenden Zeitpunkt: Wir wollen zusammenbleiben, wir wollen nicht wegen Berufskarriere und Familiengründung zerstreut werden. So entstand in Hersbruck die Familienkommunität der Emmaus-Lebensgemeinschaft.
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Wairer
 Das gemeinsame Frühstück der Erwachsenen und Kinder gehört zu jedem Samstagvormittag - wie auch das vorangehende liturgische Morgengebet, die Mette. Im Bild v.l.n.r.: Martin Heckel, Irene Oertel mit Lotta, Gerhard Knoth, Andrea Neubing.
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Samstag früh gegen acht Uhr, Autofahrt die Untere Hagenstraße entlang. Der Weg führt bergan durch eine gepflegte Wohnsiedlung. Am Hagen 15 erwarten Martin und Barbara Heckel in ihrem Haus frühe Gäste, denn wie jeden Samstag um diese Zeit wird es die Mette, das Morgengebet, geben.
Nach und nach finden sich im Wohnzimmer sieben Teilnehmer ein. Auf dem Couchtisch eine Kerze, eine moderne Bibelübersetzung, die Losungen 2004. Ein Mann Anfang 40, es ist der Nachbar von Haus Nummer 22, stößt dazu und seufzt: »Der Tom hat gespien heut Nacht, wir haben kaum ein Auge zugekriegt.« Er spricht von seinem jüngsten Sohn, vier Monate alt. Beim Frühstück nach der Mette werden er und seine Frau Sabine dieses Mal fehlen, entschuldigt sich Richard Scharrer.
Endlich sind fünf Ehepaare vertreten, komplett oder durch ein Familienmitglied: die Heckels, die Knodts, die Neubings, die Oertels und die Scharrers. Eine halbstündige Liturgie beginnt unter Gerhard Knodts Leitung, er ist der Theologe der Gemeinschaft. »Herr, tue meine Lippen auf ...«, zitiert er den Text 727 aus dem Evangelischen Gesangbuch.
Danach folgt das gemeinsam gesungene Lied 66. Den Abschluss bildet die freie Gebetszeit, das heißt, jeder in der Runde spricht ein oder auch mehrere kurze Dank- oder Bittgebete: »Danke Herr, dass der Daniel jetzt seine Prüfung so gut geschafft hat ...« Oder: »Wir bitten dich für die Gemeinde ...« Die Mette am Samstag ist einer von vier Fixpunkten im Wochenplan der Lebensgemeinschaft. Es gibt noch den Gebetsabend am Mittwoch, die Komplet am Freitag und das Plenum am Sonntag. Die Emmausleute unterstreichen, auch zur Kirchengemeinde am Ort zu gehören, zum Beispiel leitet Axel Neubing jede Woche einen offenen Sportkreis in der Altensittenbacher Turnhalle. »Angefangen hat es 1974 mit einer Jugendevangelisation in Hersbruck. Es entstand in der Kirchengemeinde eine kleine Gruppe von Jugendlichen, die ihren neu entdeckten Glauben mit Ernst leben wollten und sich trafen, um die Bibel zu lesen.«
So formulieren es Gerhard Knodt und Elmar Oertel in ihrer Chronik des »Altensittenbacher Jugendkreises«. Allmählich wurde daraus »ein Mitarbeiterkreis mit ... an der Heiligen Schrift orientierten Lebensordnungen« und »mit gemeinsamen Gebetszeiten«. Motor dieser Entwicklung war das Bewusstsein, von Gott zu bestimmten Aufgaben berufen zu sein. Als Musikinstrumente angeschafft und ein Haus gekauft wurden, legten die jungen Christen zusammen. Sie starteten beispielsweise eine »evangelistische Bandarbeit« (»Emmaus-Band« bis 1995), ein »alkoholfrei geführtes Kultur-Café« in Hersbruck (»Kaleb« bis 1995) und schließlich eine »offene Werkstattarbeit zur Unterstützung armer Kinder in Semarang, Indonesien«.
Wie sie die gemeinsamen Investitionen und Ziele einander verpflichteten, vermittelt folgender Satz der Chronik: »Berufliche Entscheidungen orientieren sich an unserer gemeinsamen Berufung.« Zum Beispiel hätte Martin Heckel, bei Siemens in Nürnberg beschäftigt, nach China gehen sollen und können, aber er ließ es bleiben. Oder Gerhard Knodt, er hat als Vikar in Reichenschwand und als Pfarrer z. A. in Hersbruck gearbeitet, ist also nie von der Kommunität getrennt gewesen.
Im Jahr 1992 wurde mit einem Einsegnungsgottesdienst in der Altensittenbacher St.-Thomas-Kirche unter Beteiligung des Landesbischofs Johannes Hanselmann, nach vorangegangener Visitation durch Kreisdekan Hermann von Loewenich sowie unter Beteiligung von Dekan Karl Grünwald und Ortspfarrer Ernst Herbert die Emmaus-Lebensgemeinschaft im heutigen Sinne gegründet. Die beteiligten Familien leben jede im eigenen Haus, sie gehen verschiedenen Berufen nach, aber sie wissen einander eng verbunden im gemeinschaftlichen Lebensentwurf.
Die Mette ist vorbei, die Uhr zeigt drei viertel neun am Samstagvormittag. Gemeinsam gefrühstückt wird heute bei Gerhard und Martina Knodt in Kühnhofen. Dort lärmt auch schon die Kinderschar: 14 Mädchen und Buben (ohne Tom), und ohne Markus Heckel, denn den hält das Hobby in Atem - er fährt im elterlichen PKW ein afrikanisches Weißbauchigelmännchen nach Heidelberg. | DAS STICHWORT
Familien-Kommunität
Familienkommunitäten definieren sich in der Unterscheidung zur zölibatären, also ehelosen, Kommunität. Die Mitglieder der Hersbrucker Emmaus-Lebensgemeinschaft sind verheiratet und haben Kinder, resultierende Anforderungen des Alltags münzen sie gemäß ihrer missionarischen und diakonischen Ausrichtung um: Sie sind in der Kinder- und Jugendarbeit von Kirchengemeinde und Dekanat engagiert, bringen sich in Schulen und Kindergärten ein, etwa als Elternbeiräte oder beim überkonfessionellen Gebetstreff »Mütter in Kontakt«.
Vertreter von 22 Familienkommunitäten aus ganz Deutschland trafen sich im November vorigen Jahres in Reichelsheim. Teilnehmer sagen, es war das erste Treffen seit über 30 Jahren, angeregt vom EKD-Beauftragten für den Kontakt zu den Kommunitäten, Christian Zippert aus Marburg. Gastgeber waren die »Christen in der Offensive« (früher: »Offensive junger Christen«, OJC). Die Teilnehmer hießen etwa Familienkommunität Siloah aus Neufrankenroda, Kommunität Gnadenthal Jesusbruderschaft aus Hünfelden oder Evangelische Geschwisterschaft Kleine Brüder vom Kreuz aus Hermannsburg.
Die Emmausleute erzählen, dass sie erstaunlich verschiedenartige Gemeinschaften kennen gelernt haben. Mit den Worten von Gerhard Knodt: »Der Gemüsegarten ist sehr bunt«.
Gemeinsamkeiten unterstrich schon 1997 Ulrich Wilckens (Lübeck), der Vorgänger Zipperts, in einem Bericht an die EKD: »Familien-Kommunitäten geben eine christliche Antwort auf ein Problem, das in der allgemeinen Befindlichkeit unserer Gesellschaft immer dringlicher wird: Wie kann es im Zusammenhang der tief greifenden Individualisierung der Lebenspraxis Strukturen neuer Gemeinschaftlichkeit geben?«
Sie »wollen so etwas wie Experimente christlicher Großfamilien sein, also einer sozialen Lebensform vergangener Zeiten neue und neuartige Chancen geben«. Weiter: »Auch sie führt und hält eine besondere Berufung zusammen. Auch sie suchen ihrer Lebensform entsprechende Ordnungen, in denen sie eine volle Verfügbarkeit zum Dienst für Gott und füreinander leben können.«  |