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Dieser Artikel: Ausgabe 06/2004 vom 08.02.2004
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Erbhof der Protestanten

Bundespräsidenten-Wahl

Von Helmut Frank

Im Mai wird ein neuer Bundespräsident gewählt, Johannes Rau nimmt Abschied von Schloss Bellevue. Wird es wieder ein bekennender Christ? Seit Gründung der Bundesrepublik scheint das höchste Staatsamt mit kirchlichem Engagement verwoben zu sein. Sieben von acht Präsidenten waren zudem evangelisch. Eine Rückschau.

Seit 1994 erster Amtssitz des Bundespräsidenten: das klassizistische Schloss Bellevue in Berlin, erbaut 1785/86.
Foto: sob
   Seit 1994 erster Amtssitz des Bundespräsidenten: das klassizistische Schloss Bellevue in Berlin, erbaut 1785/86.

Es war eines dieser Dementis, die Anlass geben für weitere Spekulationen. Auf die Frage, ob nach sechs evangelischen Bundespräsidenten nun wieder ein Katholik dran sei, verneinte der Pressesprecher des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, Theodor Bolzenius. Eine konfessionsorientierte Debatte halte man für »nicht hilfreich«. Aber sie wird offenbar geführt. Die Tageszeitung Die Welt berichtete über entsprechende Überlegungen und nannte gleich mehrere Kandidaten: Den früheren Innenminister Rudolf Seiters, katholisch und den früheren Umweltminister Klaus Töpfer, ebenfalls katholisch.

Nur ein Präsident war bisher katholisch: Heinrich Lübke. Die anderen sieben waren evangelisch. Wird Schloss Bellevue langsam aber sicher zum Erbhof der Protestanten? Oder ist es vorstellbar, dass bald ein Konfessionsloser in Schloss Bellevue einzieht? Wohl kaum. Kirchenzugehörigkeit gehört immer noch zum Profil jedes denkbaren Kandidaten für das höchste Staatsamt. Sicher ist aber auch, dass es einen wie Johannes Rau nicht mehr geben wird: christlich engagiert, bibelfest und lebenslang beladen mit kirchlichen Ehrenämtern.

Als der frisch gewählte Bundeskanzler Konrad Adenauer 1949 vorschlug, Theodor Heuss zum Bundespräsidenten zu machen, gab man zu bedenken, dass »Professor Heuss nicht kirchenfreundlich eingestellt« sei. Adenauer war das egal, er erwiderte: »Aber er hat eine sehr fromme Frau... das genügt.«

Die fromme Elly Knapp lernte Heuss immerhin bei einem Pfarrer kennen, bei seinem Mentor und politischen Ziehvater Friedrich Naumann. Elly Knapp war schon als junges Mädchen sehr mit ihrem Glauben verhaftet und fühlte sich besonders von Pfarrer Naumanns Andachten inspiriert. Diese Andachten las sie regelmäßig in der christlich-sozialen Wochenzeitung »Die Hilfe«, bei der auch Heuss Mitarbeiter war. Ihr christliches Denken und Handeln wurden davon nachhaltig geprägt. 1908 heiratete sie Theodor Heuss.

Dass Heuss mit der Kirche manchmal wenig anzufangen wusste, zeigt die Anekdote, wie Heuss sich gegen eine kirchliche Trauung wehrte. Heuss hatte keine Lust, diese »Komödie«, wie er es nannte, mitzuspielen. Elly setzte sich durch, die Trauung hielt der berühmte evangelische Theologe und Arzt Albert Schweitzer, der zur Zeremonie zu spät kam, weil er in der Straßburger Universitätsfrauenklinik noch einer Gebärenden beistehen musste. Mit dem Ausruf »Ein kräftiger Junge!« tauschte er vor der Hochzeitsgesellschaft den weißen Arztkittel gegen den schwarzen Talar. Er predigte über Matth. 5,13 »Ihr seid das Salz der Erde«. Und an die Gemeinde gewandt, sprach er: »Diese zwei Menschen, die den Lebensweg gemeinsam gehen wollen, haben viel empfangen. Sie müssen darum viel geben.« Es war, als habe er geahnt, dass Heuss eines Tages der erste Bundespräsident werden würde und seine Frau als Gründerin des Müttergenesungswerks in die Annalen der Geschichte einging.

Gescheitert war Heuss mit dem Versuch, den demokratischen Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer neuen Nationalhymne sichtbar zu machen. Er beauftragte den evangelischen Liederdichter und bayerischen Landessynodalen Rudolf Alexander Schröder mit dem Text. »Land des Glaubens, deutsches Land« wurde Silvester 1950 uraufgeführt, doch die Resonanz im Volke blieb aus, Adenauer setzte die dritte Strophe des Deutschlandliedes als Nationalhymne durch.

Nachfolger Heinrich Lübke (geb. 1894) war der einzige katholische Bundespräsident. Adenauer hatte zunächst selbst für das Amt kandidieren wollen, später aber zurückgezogen. Lübke, der sich selbst als »wenig geeignet« für das neue Amt bezeichnete, nahm schließlich die Kandidatur an und wurde gewählt. Seine Wiederwahl am 1. Juli 1964 wurde neben der CDU/CSU auch von der SPD getragen. Politisch war die Amtszeit Lübkes geprägt durch sein Eintreten für die Entwicklungshilfe. Er besuchte 35 Staaten, vor allem in der so genannten »Dritten Welt«.

Dritter Bundespräsident wurde der Sozialdemokrat Gustav W. Heinemann (geb. 1899). Der Jurist trat 1930 dem Christlich-Sozialen Volksdienst bei, einer kleinen protestantischen Partei, die im politischen Leben der Weimarer Republik keine große Bedeutung hatte. Als das NS-Regime nach der Machtergreifung die Bewegung der »Deutschen Christen« unter dem antisemitischen Reichsbischof Ludwig Müller favorisierte, formierte sich bei den Protestanten die »Bekennende Kirche« als Gegenbewegung.

Im Mai 1934 fand die erste Tagung der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche in Wuppertal-Barmen statt (sie jährt sich heuer zum 70. Mal), an der Heinemann als Presbyter der Kirchengemeinde Essen-Altstadt teilnahm und an deren Erklärung er mitwirkte. Nach der Barmer Tagung wurde er in den Bruderrat der Bekennenden Kirche des Rheinlandes berufen. Auf einer BK-Tagung in Essen 1935 lernte er den evangelischen Theologen und damaligen »Hilfsprediger« der Bekennenden Kirche Helmut Gollwitzer kennen, der dann später sowohl religiös als auch politisch Einfluss auf ihn ausüben sollte, 1937 wurde er Vorsitzender des Essener CVJM.

Nach dem Krieg gehörte Heinemann der Leitung der Evangelischen Kirche im Rheinland an und wurde im August 1945 in Treysa in den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt. Er formulierte im Oktober 1945 bei der EKD-Tagung in Stuttgart an der Schulderklärung mit (»Wir bekennen vor Gott, dass wir eben diesen Dienst im Kirchenkampf mit viel Schwachheit taten, dass wir nicht tapfer bekannt haben, nicht treuer gebetet haben, nicht brennender geliebt haben; das ist es, was wir selbst als unsere Schuld empfinden!«). 1949, auf der ersten Synode der EKD, wurde Heinemann zum Präses gewählt.

In Essen hatte Heinemann 1945 zu den Gründern der CDU gehört, Adenauer berief ihn 1949 als Innenminister in die Bundesregierung. Mit Adenauer geriet der bekennende Pazifist bald wegen dessen heimlicher Wiederaufrüstungspolitik aneinander und trat 1957 in die SPD ein. 1969 wurde Heinemann in Berlin zum Bundespräsidenten gewählt.

Walter Scheel (geb. 1919) war ebenfalls evanglisch, aber nicht in kirchlichen Ämtern aktiv. Er schloss sich bereits 1946 der FDP an und wurde 1953 Mitglied des Bundestages. Als Parteivorsitzender der FDP fädelte er die Wahl Heinemanns zum Bundespräsidenten ein und führte 1969 die FDP in die sozialliberale Koalition mit der SPD. Mit Willy Brandt begründete er die Ostpolitik, die die Aussöhnung mit Polen und der Sowjetunion zur Folge hatte. Als erster Außenminister besuchte er 1971 Israel. 1974 wurde Scheel Nachfolger von Gustav Heinemann, Gegenkandidat von der CDU/CSU war Richard von Weizsäcker.

Der musste weiter warten. Nach der Amtszeit von Scheel war der konservative CDU-Mann Karl Carstens an der Reihe, auch er evangelisch. Er musste den Fraktionsvorsitz der Union für Helmut Kohl räumen, der nach Bonn drängte. Carstens wurde mit dem Amt des Bundestagspräsidenten abgefunden. Wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft wurde auch außerhalb des Bundestags Kritik an seiner Nominierung laut.

Carstens wurde gewählt. Die Befürchtungen, er würde eine rechtskonservative Wende einleiten, erwiesen sich bald als unbegründet. Zwar war Carstens stets ein Fürsprecher konservativer Tugenden, er suchte aber gleichzeitig immer wieder den Dialog mit der Jugend und führte die großen Jugendtreffen in der Villa Hammerschmidt ein. Er bekannte sich öffentlich zu seinem Glauben an Jesus Christus und beklagte den Verfall der Werte und der Moral. Warum es das Böse gibt, beantwortet er einmal so: »Die Ursache allen Übels auf Erden ist der Abfall des Menschen von Gott. Er hat sich losgelöst vom Schöpfer, sich emanzipiert von Gottes lebensschaffendem und -erhaltendem Wort.«

Richard von Weizsäcker (geb 1920) war und ist mit der Evangelischen Kirche eng verbunden. Neben seiner Tätigkeit als Anwalt in der Chemieindustrie wurde er 1962 Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentages und zweimal dessen Präsident. Seine politischen Ambitionen stellte er hinter dieses Amt zurück, als der rheinland-pfälzische CDU-Fraktionsvorsitzende Helmut Kohl ihn 1965 als Kandidaten für einen Sitz im Bundestag vorschlug. Ein politisches Mandat sei nicht mit seiner Funktion als Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages vereinbar, sagte er. 1968 wurde er in den Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen gewählt, 1969 in die Synode und den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland. Während der Ratifizierungsdebatten über die Ostverträge trugen Weizsäckers Bundestagsreden dazu bei, dass die CDU/CSU-Opposition durch Stimmenthaltung die Unterzeichnung ermöglichte. 1983 reiste Weizsäcker als erster Regierender Bürgermeister von West-Berlin in die DDR. Er wurde in Ost-Berlin von Erich Honecker empfangen und sprach in seiner Eigenschaft als Ratsmitglied der EKD in der Wittenberger Stadtkirche. 1984 wurde er Bundespräsident. In seiner Rede zum 40. Jahrestag der Kapitulation vom 8. Mai 1945 setzte Weizsäcker Zeichen für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der NS-Vergangenheit.

Sein Nachfolger Roman Herzog, ebenfalls evangelisch, wurde 1934 in Landshut geboren, verheiratet war er mit Christiane Herzog, geborene Krauss. Ihr Vater Paul war Gründungsdekan in Landshut. So kam es, dass beide in der Christuskirche getraut wurden. Nach Ministerämtern in Stuttgart wechselte Herzog 1983 ans Bundesverfassungsgericht und wurde 1987 dessen Präsident. In der Wahl zum Bundespräsidenten behielt er 1994 die Oberhand gegen Johannes Rau. Schwierig war seine erste Reise in den Osten kurz nach seiner Wahl. Zum 50. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto sorgte seine Rede mit der »Bitte um Vergebung« in Polen und in Deutschland für positive Reaktionen.

Im Streit über die geschwundene Attraktivität des Standortes Deutschland griff er mit Forderungen nach einer familienfreundlichen Arbeitswelt ein. In seinen Grundsatzreden verschaffte er sich Respekt als unbequemer Mahner und unbestechlicher Beobachter von Politik und Gesellschaft. In den 70-er Jahren engagierte er sich verstärkt in der evangelischen Kirche: Er war Mitglied der EKD-Synode und übernahm den Vorsitz der Kammer für öffentliche Verantwortung. Als Bundesvorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU sorgte er dafür, dass evangelische Positionen in die Politik eingespeist wurden. Die lutherische Begabung, »dem Volk aufs Maul zu schauen«, hat Herzog perfektioniert. Er profilierte sich als Verfechter des interkulturellen Dialogs und einer praktischen Ökumene abseits der »philosophischen Haarspaltereien«.

»Bruder Johannes« - so wurde Johannes Rau in Anspielung auf seine Bibelfestigkeit oft tituliert. Geboren wurde er 1931 in Wuppertal-Barmen als Sohn eines Predigers. Schon während der Schulzeit engagierte er sich im kirchlichen Widerstand und in Bibelkreisen. »Teneo, quia teneor« (»Ich halte, weil ich gehalten werde«), ein Leitwort der Bekennenden Kirche, wurde zu seinem Wahlspruch. Nach seiner Ausbildung zum Verlagsbuchhändler wurde er Geschäftsführer eines Verlags der evangelischen Jugend. Zusammen mit seinem politischen Mentor Gustav Heinemann trat er nach einem Zwischenspiel bei der Gesamtdeutschen Volkspartei 1957 in die SPD ein, 1958 saß er im Landtag von Nordrhein-Westfalen, 1978 wurde er Ministerpräsident, 1999 im zweiten Anlauf Nachfolger Roman Herzogs.

Rau bekannte vor einiger Zeit, Ideal seiner Politik sei, »das Leben der Menschen im Laufe der Jahre ein Stückchen menschlicher zu machen«. Er tut es durch seinen gelebten Glauben, den er nicht an der Bundestagsgarderobe abgibt. Ein halbes Menschenleben war er berufenes Mitglied der rheinischen Landssynode. Er war Kirchentagspräsident und ist Herausgeber der theologischen Monatszeitschrift »Zeitzeichen«.

Wie kaum ein anderer Politiker war und ist er um die Aussöhnung mit den Juden und dem Staat Israel bemüht. Dreißig Israel-Reisen und drei Ehrendoktorwürden von israelischen Universitäten legen davon Zeugnis ab. Rau sprach im Jahr 2000 als erstes deutsches Staatsoberhaupt vor dem israelischen Parlament und bat das jüdische Volk sowie Israel um Vergebung für die Verbrechen des Holocaust.

Die Bibel ist für ihn kein Rezept für politisches Verhalten. »Die Bibel hat eine gute Nachricht. Darum sind Christen auch zum politischen Handeln aufgerufen«, sagt Rau. »Aber es gibt nicht die biblische Botschaft, wie ich zu handeln habe.« Wichtig ist Rau, dass die Kirche authentisch bleibt. »Eine verständliche und unverwechselbare Botschaft, darauf kommt es an, und nicht auf neue Marketingkonzepte.«

Bei seinem Besuch bei der jüngsten Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland in Trier sagte Rau: »Wenn wir nur den Kopf und nicht auch die Sinne der Menschen ansprechen, wird die christliche Botschaft stumpf.« Dass es anders geht, hat er als gläubiger Christ auch im höchsten Staatsamt bewiesen.

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abgerufen 08.02.2012 - 23:51 Uhr

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