Home
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Das Sonntagsblatt-Blog
Anzeigen-Service
Leserreisen
Zeitvertreib
Leserbriefe
Impressum



    
Heute: 08.02.2012
Aktuelle Ausgabe: 06 vom 05.02.2012
Artikel mit anderen teilen!
Dieser Artikel: Ausgabe 05/2004 vom 01.02.2004
Alle Artikel der » Ausgabe 05/2004 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


Moderne Gemeinschaft auf uraltem Klosterboden

Kommunitäten in Bayern (5): Die Christusträgerbruderschaft Triefenstein am Main


Rockfestival im ehrwürdigen Klosterinnenhof: In Kloster Triefenstein bei Marktheidenfeld treffen sich Tradition und Moderne.
Foto: Zoryiku
   Rockfestival im ehrwürdigen Klosterinnenhof: In Kloster Triefenstein bei Marktheidenfeld treffen sich Tradition und Moderne.

Tradition verpflichtet. Eine stolze Anlage wie das Kloster Triefenstein, in der Nähe von Martheidenfeld am Main gelegen, mit seiner jahrhundertealten Geschichte will gepflegt sein. Das tun denn auch die Klosterbrüder von Triefenstein, wenn auch auf ungewöhnliche Weise: Denn sie kommen nicht aus der langen Ordenstradition der katholischen oder orthodoxen Kirche, sondern sind aus der evangelischen Kirche erwachsen. Daher verwendet man die stark gefüllten Begriffe der alten Tradition nur »aushilfsweise«.

Die Größe des denkmalgeschützten Anwesens lässt erahnen, wie viel Zeit, Arbeit und Mühe die Brüder in den Erhalt des alten Gemäuers investieren müssen. In ihrer Monumentalität können es die weitläufigen Flure des Westflügels, in dem heute die Gästezimmer untergebracht sind, durchaus mit manch einer fürstbischöflichen Stadtresidenz aufnehmen. »Das alles wirkt sehr groß. Aber wenn Gäste da sind, stimmen die Proportionen. In den Fluren laufen und spielen dann die Kinder«, erklärt Dieter Dahmen, Prior der Christusträger Bruderschaft.

Triefenstein ist der Zusammenschluss vier kleiner Orte, die sich auf keinen gemeinsamen Namen einigen konnten und deshalb einfach den des altehrwürdigen Klosters übernahmen. Knapp 5000 Einwohner leben dort. 700 Jahre war die Klosteranlage im Besitz der Augustiner. 1985 erwarben die Christusträger Brüder das Anwesen, bereits 1986 zogen sie in die tief katholische Provinz ein. Dennoch kamen sie sich nicht wie Marsmännchen vor. Im Gegenteil: »Wir wurden sehr herzlich empfangen«, erzählt Bruder Dieter.

Gebetsstunden in der Klosterbibliothek sind Bausteine der Gruppenangebote der Christusträger Bruderschaft.
Foto: Zoryiku
   Gebetsstunden in der Klosterbibliothek sind Bausteine der Gruppenangebote der Christusträger Bruderschaft.

Die über 90 Prozent katholischen Einwohner waren möglicherweise froh, dass das 1102 gegründete Kloster, das zwischenzeitlich Schloss, Flüchtlingsherberge, Soldatenwohnung und Reservelazarett der Bundeswehr war, wieder zum Glaubenszentrum wurde. Heute finden dort Veranstaltungen statt, die Tausende auf den Klosterhügel locken. An Wochenenden übernachten dort durchschnittlich 70 Personen. Bei der Renovierung der großen Anlage haben die Brüder mit Freunden selbst Hand angelegt. Parkett wurde nach alten Vorlagen verlegt, und Lüster wurden von ihnen selbst gefertigt. Trotzdem sind die Räume einfach ausgestattet. Die wenigen noch erhaltenen Relikte vergangener Jahrhunderte und die zusammengetragenen »Erbstücke« verleihen den Gästezimmern einen besonderen Charme.

Vom Gästetrakt aus gelangt man in die alte Klosterkirche. An ihrer frühklassizistischen Inneneinrichtung arbeiteten die Stuckateure der Familie Bossi, der Freskenmaler Januarius Zick und der Bildhauer Johann Peter Wagner. Es ist eine prachtvolle, durch und durch katholisch anmutende Kirche. Für den aus dem Saarland stammenden Bruder Dieter war das reich ausgestattete Gotteshaus zunächst gewöhnungsbedürftig. Heute allerdings findet er es schön. In der Kirche finden hin und wieder ökumenische Gottesdienste statt. Ihre täglichen Gebetszeiten halten die Brüder der evangelischen Kommunität in der kalten Jahreszeit in einem zu einer schlichten Kapelle umgestalteten Kartoffelkeller.

Die Bruderschaft entstand Anfang der sechziger Jahre. In einem Jugendkreis in Darmstadt zogen 1963 die ersten Jugendlichen zu Wohngemeinschaften zusammen. Ihr Ziel war, ihre Zeit und ihre Kräfte miteinander zu teilen und für Gott ganz da zu sein. Wenige Monate später reisten die ersten Schwestern nach Pakistan aus, um bei den Lepra­kranken zu arbeiten. Daheim wurden aus Nachbarschaftsbesuchen in Gemeinden bald schon festliche Evangelisationen mit viel Musik. Aus der christlichen Kommune wurde eine evangelische Kommunität. Ein Kreis junger Erwachsener entdeckte die Evangelischen Räte als einen Lebensweg und nannte sich künftig Christusträger. Heute ist die Schwesternschaft ein selbstständiges Werk. Zur Bruderschaft gehören derzeit neben dem Hauptsitz in Unterfranken vier weitere Stationen, darunter ein Missionshospital in der Demokratischen Republik Kongo und eine Leprastation in Kabul (Afghanistan), wo drei Triefensteiner Brüder zusammen mit einheimischen Ärzten und Pflegepersonal tätig sind. Man unterhält außerdem ein Gästehaus auf Gut Ralligen in der Schweiz und, als jüngste Dependance, seit 2001 eine Außenstelle in Meißen (Sachsen).

Die Bruderschaft hat noch keine schriftliche Regel. Im Übergang von der ersten in die zweite Generation ist sie dabei, alte und neue Leitsätze zu sammeln, zu bedenken und zu formulieren. Nach den Jahren des Aufbruchs kenne man nun auch die Grenzen der Begeisterung, so der Prior. »Den Menschen ein Bruder sein« und »Christus in den Armen dienen« - so umreißt Bruder Dieter den zentralen Auftrag. Dafür sind die Brüder bereit, auf eine eigene Familie zu verzichten.

Mit den Mönchen im traditionellen Sinn haben die Christusträger Brüder von Kloster Triefenstein wenig gemein. So wird man sie nicht in Ordenstracht treffen, sondern in Jeans. Auch sonst gibt es keine Berührungsängste zur Moderne - sei es im Sport oder bei modernen Informationstechnologien. Markenzeichen der Triefensteiner war bis vor kurzem eine eigene Rockband. Zu ihrem monastischen Leben gehören die »Evangelischen Räte«: Ehelosigkeit, Gütergemeinschaft und Gehorsam.

Kommunitäten in Bayern

 

Alle Folgen der » Kommunitäten-Serie und weitere Informationen finden Sie » hier...

 

TAGUNGSANGEBOTE

Kloster Triefenstein bietet die Möglichkeit zu Stillen Tagen, zur Teilnahme an Freizeiten mit Programm und Thema auf Anforderung. Gemeinden vor Ort können durch eine missionarische Musikgruppe Unterstützung finden.

Mitleben im Kloster bei Mitarbeit ist für Männer ab 15 Jahren kostenfrei. Im stilvoll ausgebauten alten Kloster ist Platz für 85 Gäste, überwiegend Gemeinden und Gruppen, die als Gäste zur Bruderschaft kommen.

Informationen: Christusträger Bruderschaft Kloster Triefenstein am Main, Tel. (09395) 7770, Fax 777103, E-Mail: CT.Triefenstein@t-online.de

Gideon Zoryiku

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2004_05_08_01.htm
abgerufen 08.02.2012 - 10:55 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2012, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster