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Dieser Artikel: Ausgabe 01/2004 vom 04.01.2004
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Renaissance von Armut und Keuschheit

Zehn evangelische Kommunitäten in Bayern leben nach zölibatären Ordensregeln - Neue Serie


Andacht mit Tagungsgästen: Meditationen wie hier auf dem Hof Birkensee bei Offenhausen, eine Außenstelle der Communität Christusbruderschaft Selbitz, gehören zum offenen Angebot fast aller Kommunitäten in Bayern.
Foto: Fechter
   Andacht mit Tagungsgästen: Meditationen wie hier auf dem Hof Birkensee bei Offenhausen, eine Außenstelle der Communität Christusbruderschaft Selbitz, gehören zum offenen Angebot fast aller Kommunitäten in Bayern.

Der gewesene Augustinermönch Martin Luther hatte es - wieder einmal - in seinen Worten nicht an Klarheit fehlen lassen: »Die Klöster sind nicht von der Art, dass sie ein Mittelding und etwas Gleichgültiges sein könnten, sondern sie sind geradezu ein aufgesperrter Höllenrachen, wenn die rechte Erkenntnis des Glaubens fehlt.« Sprach's und heiratete die Nonne Katharina von Bora.

Klösterliches Leben galt den Reformatoren geradezu als Sinnbild für die Laster der alten Kirche. Für Mönche und Nonnen war kein Platz in der protestantischen Gesellschaft - zumal sich die Landesherrn nicht lange bitten ließen, den Klosterbesitz fürsorglich künftig als den ihren zu betrachen. Stolze Anlagen wie in Heilsbronn, Münchsteinach oder Himmelkron zeugen von vorreformatorischer Klosterherrlichkeit in Bayern.

Doch in ihrem ungestümen Zorn auf das fidele Klosterleben des ausgehenden Mittelalters übersahen die Reformatoren, dass zölibatäre Traditionen keine Erfindung der Papstkirche waren. Hinduisten, Buddhisten, Animisten kennen ähnliche zeitlose Prinzipien des Zusammenlebens.

Abgesehen von einigen Damenstiften im Niedersächsischen, deren Tradition die nachreformatorische Zeit überlebte, dauerte es gut 200 Jahre, bis der Gedanke gemeinschaftlichen Lebens wieder in die evangelische Kirchenwelt einsickerte. Den Anfang machten die Herrnhuter Brüder im 18. Jahrhundert, es folgten die Diakonen- und Diakonissenhäuser, in denen sich soziales Engagement im Rahmen eines ordensähnlichen Verbundes entfalten konnte.

Zeugnis vergangener Klosterherrlichkeit: Die ehemalige Benediktinerabtei Münchsteinach (Dekanat Neustadt/Aisch) wurde nach der Reformation aufgelassen. Die Klosterkirche wurde zur evangelischen Pfarrkirche.
Foto: Fechter
   Zeugnis vergangener Klosterherrlichkeit: Die ehemalige Benediktinerabtei Münchsteinach (Dekanat Neustadt/Aisch) wurde nach der Reformation aufgelassen. Die Klosterkirche wurde zur evangelischen Pfarrkirche.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebten die Protestanten in Deutschland dann eine Art Renaissance geistlichen Gemeinschaftslebens. Eine Neuorientierung der Theologie, vor allem aber die zeitgeschichtlichen Erschütterungen zweier Weltkriege und des Nationalsozialismus gaben Impulse, Werte und Lebensformen neu zu hinterfragen. »Christen aus einer Generation, die im Nationalsozialismus die Forderung zur radikalen Hingabe an eine Idee erlebt hatte, konnten jetzt die Konsequenz eines Lebens nach biblischem Vorbild neu entdecken«, schreibt Ingrid Reimer in ihrem Standardwerk über evangelische Bruderschaften und Kommunitäten.

Anders als bei den Diakonissenanstalten standen spirituelle Gedanken im Zentrum der neuen Gemeinschaften. Mochte auch jede von ihnen ihre eigenen Spielregeln für sich definieren, so blieben doch allen gemeinsam die »drei evangelischen Räte«: Armut, Keuschheit und, wenngleich durch die Erfahrung des »Dritten Reiches« arg lädiert, Gehorsam. Die geistige Verwandtschaft zum Mönchtum der alten Kirche, etwa zur Benediktinerregel, ist manchmal kaum zu übersehen - etwa auf dem Schwanberg bei der Communität Casteller Ring, neben der Christusbruderschaft Selbitz eine der zwei großen Kommunitäten in Bayern. In Bayern leben insgesamt rund 250 Männer und Frauen in zehn kommunitären Gemeinschaften, die in der »Konferenz der evangelischen Kommunitäten in Bayern« unter dem Dach der Landeskirche zusammengeschlossen sind. Bis auf zwei sind alle im Fränkischen angesiedelt. Dazu kommt, gewissermaßen als Beiboot, eine Familienkommunität, die nach anderen Regeln funktioniert und nicht der Konferenz angehört.

Nicht alle werden die kommenden Jahrzehnte überstehen. »Es bedarf einer gewissen energetischen Größe, um zu überleben«, sagt Schwester Edith Krug. Dennoch sieht sie im Prinzip des Gemeinschaftslebens, das die langjährige Priorin auf dem Schwanberg auch gerne als »real funktionierenden Sozialismus« bezeichnet, auch im Zeitalter der zunehmenden Individualisierung ein enormes Potenzial.

  Wir stellen in den folgenden Wochen die evangelischen Kommunitäten in Bayern in einer Serie vor. Den Anfang macht in der kommenden Ausgabe der St.-Johannis-Konvent in Eschenbach bei Hersbruck.

Kommunitäten in Bayern

 

Alle Folgen der » Kommunitäten-Serie und weitere Informationen finden Sie » hier...

Thomas Greif

 


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/news/aktuell/2004_01_08_01.htm
abgerufen 08.02.2012 - 10:53 Uhr

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