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Dieser Artikel: Ausgabe 46/2003 vom 16.11.2003
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Politik auf dem Boulevard

Warum Radio hören gut tut


Sie kommen seriös daher, die politischen Gesprächsrunden von Sabine Christiansen oder Maybritt Illner. Ernst zu nehmenden politischen Talk will man hier. Das politische Thema Nummer eins der Woche ist in der Regel Thema der Sendung. Meist sind die handelnden Personen bereits wohlbekannt. Alle, die etwas auf sich halten in der Republik, müssen schon mal dagewesen sein. In den vergangenen Wochen wechselten sich Clement und Eichel ab, denn so viel Talk über Geld - oder besser dessen Fehlen - kann ein Einzelner gar nicht aushalten.

Am vergangenen Sonntag nun die Antisemitismusdebatte mit dem neu gewählten EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber: Denn nicht nur aktuelle Themen sind gefragt, auch die aktuellsten Köpfe müssen die Sendung zieren.

Wo früher die Parlamentsdebatte - durchaus auch im Spiegel der Medien - wichtigstes Forum für die Meinungsbildung gewesen ist, so sind es heute zunehmend die politischen Talkshows, die durchaus mit den Mitteln der Boulevardpresse - vorgeblich seriös - die Skandalsucht des Publikums befriedigen.

Natürlich hatte Michel Friedman seinen ersten Auftritt, sein mediales Comeback bei Christiansen und durfte gemeinsam mit Guido Westerwelle und Ole von Beust darüber debattieren, warum den Parteien die Wähler davonlaufen und ob die Politik in der Krise sei.

Wie privat ist Politik oder wie verändert das Fernsehen mit seinen Unterhaltungsvorgaben die politische Debatte? Werden wir - oder sind wir schon - eine Mediendemokratie? Nicht erst der vergangene Bundestagswahlkampf mit seinen Duellen hat offenbart, dass Politik macht, was auf dem Bildschirm rüberkommt. Und wer sich mit dem Medium Fernsehen nur ein wenig befasst, weiß auch, dass es nicht die Vorgänge und die Fakten sind, die beim Zuschauer ankommen, sondern zunächst einmal, wie sich einer präsentiert, wie er aussieht und sie sich kleidet, Stimme, Sprache, Dialekt, Gewicht, Haarfarbe und Frisur, alles wirkt sich auf die Glaubwürdigkeit aus. Ob ein Politiker vom Körpergewicht eines Ludwig Erhard oder ein von bajuwarischen Dämpfen Umgebener wie Franz Josef Strauß oder ein scharfzüngiger humorloser Polterer mit einem Furchengesicht wie Herbert Wehner heute überhaupt noch eine Chance hätte, ist fraglich.

Die Macht des Fernsehens bedeutet: Die Person steht hundertprozentig für das politische Konzept. Die lutherische Theologie weiß, dass die Unterscheidung von Person und Werk zur Beurteilung von beidem oberste Priorität haben muss. Denn es ist eine Überforderung von Menschen, wenn sie mit ihrem Gesicht ein ganzes Parteiprogramm transportieren müssen und es täte uns, dem Publikum gut, wenn wir vom Design der Personen wieder auf den Boden der Argumente kämen: Radio hören tut da gut.

MEDIEN-KOLUMNE

Johanna Haberer

Johanna Haberer, vormalige Chefredakteurin des Sonntagsblattes, ist Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät Erlangen und Sprecherin des » Wort zum Sonntag«. In ihrer monatlichen Kolumne beobachtet sie die Medienlandschaft.

 

 

Eine » Übersicht über alle Medien-Kolumnen von Johanna Haberer finden Sie » hier...

Johanna Haberer

 


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abgerufen 08.02.2012 - 22:53 Uhr

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